Blaulicht aus einem halben Dutzend Kontrollfahrzeugen zuckt im Morgengrauen über die Autobahn 12 in Brandenburg. Zoll- und Polizeifahrzeuge fahren ab der Auffahrt Müllrose in Richtung deutsch polnische Grenze keilförmig über die gesamte Breite der Autobahn verteilt, so dass kein Wagen daran vorbei kommt. Stetig wird der nachfolgende Verkehr heruntergebremst und vor der nächsten Auffahrt – Frankfurt-West – auf einer Spur zusammengeführt. Vorn sortieren Polizeiordner – Autos dürfen weiterfahren, Lastwagen werden auf den benachbarten früheren Vorstauplatz geleitet.

„Frankfurter Trichter“ nennt sich diese Einsatzmethode, bei der verhindert wird, dass sich Trucker untereinander rechtzeitig über Funk vor der Kontrolle warnen können. Binnen einer Viertelstunde ist die Aktion auf der A12 beendet – für Polizisten und Zöllner beginnt jedoch jetzt erst die eigentliche Arbeit.

Erfunden wurde der „Frankfurter Trichter“ von Zöllnern aus Frankfurt (Oder), die auf diese Weise schon häufiger Transporter im Pulk von der Autobahn holten, um sie gut sortiert durch ihre Containerprüfanlage fahren zu lassen. Dabei handelt es sich um ein überdimensionales Röntgengerät, das die im Schritttempo durch einen blauen Metallbogen rollenden Laster durchleuchtet. In einem benachbarten Haus sitzen Zöllner vor zwei Monitoren, die zeigen, ob auf der Ladefläche eventuell etwas verstaut ist, was dort nicht hingehört.

Bekämpfung von Autoklau

„Die seit 2004 betriebene Anlage erleichtert unsere Arbeit enorm – allerdings kontrollieren wir damit normalerweise Transporter, die über die polnisch-deutsche Grenze eingereist und auf dem Weg gen Westen sind und eventuell Schmuggelgut dabei haben“, sagt Zollbetriebsinspektor Renne Müller. Zum zweiten Mal leistet die Finanzbehörde sozusagen Amtshilfe für die Polizei-Soko „Grenze“, die zur Bekämpfung des massiven Autoklaus gegründet wurde. Und so werden Lastwagen, die in Richtung Grenze fahren, bei dieser Gemeinschaftsaktion durch die Röntgenanlage geschickt.

„Gestohlene Wagen werden von den gut organisierten Diebesbanden meist nicht im Ganzen nach Osteuropa gebracht, sondern zerlegt. Diese Einzelteile lassen sich am effektivsten auf den Ladeflächen von Lastern verstecken“, sagt Timo Lück, Sprecher der Soko „Grenze“. Von Kollegen aus Nordrhein-Westfalen weiß er, dass dort gestohlene Luxuswagen. Vor allem BMW, zunächst nach Holland gebracht, dort fachmännisch in speziellen Werkstätten auseinander genommen und dann per Transporter über die A12 nach Osteuropa geschafft werden.

Selbst auf völlig normal anmutenden Lastwagen entdeckten die Fahnder schon zerlegte Autos, die gestohlen wurden. Allerdings werden über diese wichtigste Ost-West-Trasse auch zahlreiche legale Transporte ganzer Autos oder von Fahrzeugteilen abgewickelt.

Zerlegte Autos auf Lastwagen

Gestohlene Wagen – ob zerlegt oder komplett, wie etwa eine Nobelkarosse von Dieter Bohlen – hat der Zoll mit seinem Röntgengerät schon mehrfach gefunden, sagt Lkw-Röntgen-Experte Müller. „Wer so was macht, versteckt die heiße Ware zwischen der Ladung oder tarnt sie.“ Fünf Röntgen-Anlagen dieser Art gebe es bundesweit.

Müller zeigt auf einem Archivbild, wie sich die Konturen eines Pkw auf dem Monitorbild deutlich hinter einer Wand aufgestapelter Autoreifen abzeichnen – das Ganze auf dem Hänger eines Brummis. Mit dem Frankfurter Röntgengerät, das bei Bedarf auch umgesetzt werden kann, war man im vergangenen Jahr in Forst erfolgreich. Bei einem Siebeneinhalb-Tonner voller Altreifen half das Röntgengerät beim Entdecken geklauter Motorräder und Bootsmotoren. „Metall hat eine höhere Dichte als andere Materialien, erscheint auf dem Monitor deutlich dunkler“, erklärt der erfahrene Röntgen-Zollbeamte.

Insgesamt 62 Lastwagen, hauptsächlich aus osteuropäischen Staaten werden bei der gemeinsamen Polizei-Zoll-Aktion durchleuchtet und bei geringstem Verdacht zusätzlich geöffnet und nochmals kontrolliert – Transporter voller Spielzeug, Plastikgranulat, Baumaterial oder Schweinehälften.

Metall ist mehrfach auf dem Röntgen-Monitor zu entdecken, doch die Bleche, Bremsscheiben oder Teile von Windrädern haben ordnungsgemäße Papiere. Das ist auch bei Genardi Gorbtsch so, der auf seinem russischen Sattelschlepper knapp 400 Multifunktions-Küchengeräte einer deutschen Marke transportiert. 21 Jahre ist der gebürtige Weißrusse bereits Trucker, kontrolliert wurde er bisher jedoch kaum. „Ist auch unnötig und hält nur auf“, sagt er, während er die Seiten-Plane seines Lastwagens wieder festzurrt.

„Frankfurter Trichter“ öffentlichkeitswirksam

Diebesgut entdecken die Beamten nicht, allerdings stellen sie andere Delikte und Verstöße fest, im Fachjargon „Beifang“ genannt. Ein mit Haftbefehl gesuchter Pole wird vorläufig festgenommen, ein mit Auto-Schrott komplett überladener ukrainischer Kleintransporter aus dem Verkehr gezogen.

Hinzu kommt ein gutes halbes Dutzend Transporter, bei denen die Ladung nicht ordnungsgemäß gesichert ist, die Reifen komplett abgefahren, Ersatzreifen gar total zerschlissen sind und die damit eine Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer darstellen. Die betroffenen Trucker sind verärgert, müssen sie doch eine längere unfreiwillige Pause einlegen und darauf warten, dass ihre Spedition einen Ersatzwagen schickt.

Für Polizei-Einsatzleiter Stefan Grimm ist die Kontrolle mittels „Frankfurter Trichter“ dennoch ein öffentlichkeitswirksamer Erfolg. „Wir demonstrieren damit den Autoschiebern unseren Verfolgungsdruck und signalisieren, dass die A12 zwar die kürzeste Verbindung nach Osteuropa ist, allerdings für Gauner nicht die sicherste“, sagt er. Die nicht kontrollierten Pkw erleben spätestens nach dem Überqueren der Oder einen Zwangsstopp. „Hinter der Grenze warten die polnischen Kollegen. Sie haben ihre Komplexkontrollen mit unserem Einsatz heute abgestimmt“, so Soko-Sprecher Lück.