Wenn nur dieses Hubschrauberdröhnen nicht wäre. Seit vergangenem Sonntag kreist der blau-weiße Helikopter der Polizei über dem Großen Storkower See. So tief, dass das Schilf an den Ufern sich biegt. Und so ohrenbetäubend, dass es bis in die mittelalterlichen Gassen von Storkow dringt. Die Polizei sucht in dem brandenburgischen Städtchen nach einem mysteriösen Täter, der die Menschen südöstlich von Berlin seit einer Woche in Angst versetzt – und Schlagzeilen in der gesamten Republik macht.

Die Stadt Storkow hat 9000 Einwohner, eine Burg, einen Bundeswehrstandort und ein Gewerbegebiet Neu-Boston – und ist neuerdings bekannt für einen der spektakulärsten Kriminalfälle, die es in Brandenburg je gab. So sieht es von der Ferne aus. Von der Nähe betrachtet, liegt über den Gassen, dem Wochenmarkt, den Seen, Bootsstegen und Kanälen ein lähmendes Schweigen. Besorgt – und ratlos. Diese Stadt kann nicht abschalten. Nicht, solange der Entführer nicht gefasst ist.

„Natürlich machen wir uns alle Gedanken, weil man weiß, dass der Täter präzise plant und gute Ortskenntnis hat“, sagt die Bürgermeisterin von Storkow, Cornelia Schulze-Ludwig. Sie hatte, wie die meisten anderen, von der Entführung erst am Sonntagabend über Freunde im Internet erfahren – da kreiste der Hubschrauber schon seit Stunden über der Stadt.

Erst zwei Tage später offiziell

Die Bürgermeisterin war, wie alle anderen, die nach Storkow hinein- oder hinauswollten, im Auto angehalten worden. Sie wurde kontrolliert und befragt. Mehrere Polizeihundertschaften hatten am Sonntag alle Ausfallstraßen abgeriegelt. Erst tags darauf informierte die Polizei offiziell: Am Freitagabend war ein maskierter Mann in die Villa der Familie T. am Storkower See eingedrungen.

Die Frau von Stefan T. hatte gerade den Hund in den Garten lassen wollen, als plötzlich ein maskierter Mann ins Haus eindrang und aus einer Pistole einen Schuss in die Decke feuerte. Dann zwang er die Ehefrau, ihren Mann zu fesseln, in Anwesenheit des zehnjährigen Sohnes. Es gehe um Geld, kündigte der Täter an – sein Opfer, Stefan T., 51 Jahre alt, arbeitet als Investmentbanker in Berlin.

Der Maskierte forderte: keine Polizei. Anderenfalls werde er Stefan T. zum Krüppel schießen und sich den kleinen Sohn holen. Dann verschleppte der Entführer sein Opfer über den Knüppeldamm Richtung Storkower See. Er zwang Stefan T., sich mit gefesselten Händen an ein Boot zu klammern, und verschleppte ihn in ein Schilfdickicht.

Dies alles, wie auch die weiteren Umstände des Verbrechens, klingt spektakulär, fast so, als habe ein Drehbuchautor versucht, für einen „Tatort“ möglichst viel Spannung mit Lokalkolorit und Gesellschaftskritik zu vermengen. Es geht um viel Geld, um Neid, um Misstrauen unter Nachbarn. Und es geht um einen extrem gefährlichen Menschen, möglicherweise einen spektakulär im Leben Gescheiterten – den Täter. Die Polizei weiß über den Mann, den sie auf ein Alter zwischen 25 und 50 Jahren schätzt, dass er seine Taten monatelang plante und vorbereitete.

Stefan T. war mutmaßlich nicht sein erstes Opfer – mutmaßlich hat der Täter schon einmal eine wohlhabende Berliner Familie in ihrer Villa angegriffen, in Bad Saarow nahe Storkow. Das Projektil im Haus der T.s stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus derselben Pistole, mit der damals auf die Tochter der Berliner Unternehmerfamilie Pepper geschossen wurde (siehe Artikel unten). Auch damals wollte der Täter eine hohe Summe Geld erpressen.

Die Fahndung nach dem „Maskenmann“ ist der größte Polizeieinsatz, den es im Land Brandenburg je gegeben hat. Der Täter, so die Polizei, sei bewaffnet. Er könnte ein weiteres Mal zuschlagen. Möglicherweise wiederum in Storkow und der Umgebung, wo er sich offenbar sehr gut auskennt. Nur so sei zu erklären, wie der Erpresser sein Opfer ganz in der Nähe der Villa versteckt halten konnte, obwohl die Polizei bereits kurz nach der Entführung begann, verdeckt zu ermitteln.

Es gab nur Seewasser zu trinken

Die Ehefrau von Stefan T. hatte die Beamten direkt nach der Tat alarmiert. Ihr Mann lag da bereits auf einer morastigen Anhöhe mitten im Schilf, wo sonst nur Wasservögel ihre Nester bauen. Der Täter fesselte sein Opfer mit Klebefolie, teilte ihm mit, er werde einige Tage auf einer Luftmatratze ausharren müssen. Lediglich über einen Schlauch durfte das Opfer Wasser aus dem See trinken. Zwischendrin kehrte der Täter zurück und zwang Stefan T., mehrere Briefe an seine Frau zu schreiben, um einen Millionenbetrag zu erpressen. Er habe, so die Ermittler, eine regelrechte Schnitzeljagd per GPS-Daten geplant.

Doch dann verliefen die Dinge anders als geplant. Am frühen Sonntagmorgen gelang Stefan T. die Flucht. Er schüttelte seinen Verfolger ab, watete durch den hüfthohen Morast bis zum Nachbarort Wendisch Rietz, bat Anwohner um Hilfe. Diese riefen die Polizei – die wenig später mit mehreren Hundertschaften und dem Hubschrauber zur Suche ausrückte. Stefan T. blieb unverletzt, er konnte der Polizei den Täter beschreiben, auch wenn er dessen Gesicht nicht gesehen hatte: ein durchtrainierter Mann, etwa 1,75 bis 1,80 Meter groß, der deutsch ohne ausländischen oder regionalen Akzent sprach – und Rechtshänder ist. Das allerdings trifft auf sehr viele Männer zu. Wer also ist dieser Mann, der sein Opfer offenbar monatelang gezielt ausspioniert hatte?

Die Polizei hoffte bei der Suche zunächst auf Hinweise aus der Bevölkerung. Beamte gingen von Tür zu Tür, befragten alle See-Anrainer und Angelscheininhaber. Wer hatte in den Tagen vor der Entführung etwas Auffälliges beobachtet? Per Hubschrauber und mit Hundertschaften zu Fuß wurden die Uferbereiche und Wälder durchkämmt. Taucher suchen im See noch immer nach Beweisstücken. Der Ort, an dem der Täter sein Opfer gefangen hatte, war schnell gefunden, dann tauchte ein auffällig buntes Kajak auf, das der Entführer offenbar genutzt hatte. Und die Spurenermittler fanden daran und an anderen Orten DNA-Spuren des Täters. Nur der Mann selbst bleibt verschwunden.

Die Besorgnis in Storkow ist groß. Der flüchtige Täter ist Thema in den Kneipen, auf den Straßen und auch auf dem Wochenmarkt, in dessen Nähe auch Freitag der Hubschrauber kreiste, den sechsten Tag in Folge. Besonders erschreckend sei, dass der Täter so brutal vorgehe, sagt eine ältere Dame. Helga Herrmann steht mit ihrer Tochter am Tierfutter-Stand. Sie hofft, dass die Suche bald ein Ende hat.

Andere machen sich weniger Gedanken. In der Villengegend von Storkow lebten vorwiegend Reiche, sagt ein Angler, der mit anderen Angelfreunden auf dem Marktplatz steht. „Viele sind aus Berlin zugezogen oder nur am Wochenende da, sie kommen und gehen, man hat nicht viel mit ihnen zu tun.“ Dass der Täter bis direkt nach Storkow kommen könne, zu ihnen persönlich, halten sie für unwahrscheinlich.

Als wäre es ein Fernsehkrimi

Fast so, als sei die Entführung tatsächlich nur ein Fernsehkrimi. „Wen soll der denn hier erpressen? Hier hat doch keener Kohle“, sagt einer der Angelfreunde und deutet rundum. Zwischen bunt sanierten Fachwerkhäusern stehen graue Ruinen mit kaputten Fenstern. Storkow hat schöne Ecken, eine Burg, die nur mit viel Bürger-Engagement und Spenden saniert werden konnte. Aber es gibt eben auch Ecken, die aussehen, als habe es die Wende nie gegeben.

In der Mitte des Marktplatzes beugt sich die uralte Friedenseiche über den kopfsteingepflasterten Platz. Die Eiche, berichtet Lutz Kühne, wurde 1814 gepflanzt, als Symbol für den Sieg über Napoleon bei Leipzig. Lutz Kühne, 73 Jahre alt, ist Historiker, er gehört zum historischen Beirat der Stadt Storkow und forscht seit Jahren über seine Stadt. Deren vielfältige Geschichte reiche weiter zurück als in Berlin, sagt Kühne stolz. Unter anderem enthält sie aber auch zahlreiche spektakuläre Kriminalfälle.

So viele und so spannende, dass sich Kühne gemeinsam mit rund 30 Nachbarn, Ärzten, Apothekern, Beamten zu einem Verein namens „Gefährten der Nacht“ zusammengetan hat. Sie laden Touristen zu „Gruseltouren“ ein – auf den Spuren von Storkows Kriminalgeschichte. Das war 2009, weit vor dem Fall Pepper in Bad Saarow. Die „Gefährten der Nacht“ führen ihre Gäste zum Beispiel in eine Gasse, in der einst ein Ehemann seine Frau im Bett erschlug. Oder an den Wassergraben, in dem eine Frau ertränkt wurde, die ihre Kinder getötet hatte.

Historiker auf Spurensuche

Aus dem Schatten treten dann Laiendarsteller, die die Taten nachspielen. Der Gattinnenmord fand 1921 statt, das Motiv: Untreue und Habgier. Der Kindermord ist wie auch in heutigen Fällen eine tragische Geschichte: Eine Mutter tötet ihre Zwillinge nach der Geburt, wird dafür nicht nur zum Tode verurteilt, sondern „gesäckt“, also öffentlich hingerichtet. Diese letzte Hinrichtung von Storkow fand 1722 statt. Die schlimmsten Schlagzeilen der Stadt machte im 19. Jahrhundert ausgerechnet der Bürgermeister. Heinrich Ludwig Tschech verübte im Jahr 1844 ein Attentat auf den preußischen König Friedrich Wilhelm IV., als ihm die Wiedereinstellung in den Staatsdienst verweigert wurde. Das Attentat misslang. Tschech wurde hingerichtet.

Die Touren sind beliebt – über Kriminalfälle lassen sich gesellschaftliche Zusammenhänge oft besser verstehen als durch trockene Fakten. Ist es möglich, dass dies auch umgekehrt gilt, für den aktuellen Entführungsfall? Ein Blick auf die Geschichte des Viertels, in dem der Täter sein Opfer ausspähte und verschleppte, legt den Gedanken nahe. Die Villenkolonie Hubertushöhe liegt abseits des historischen Ortes im Wald – genau das hatte vor gut 100 Jahren die ersten „Kolonisten“ hergebracht. Denkbar, dass der Täter aus denselben Motiven sein Opfer hier suchte, in der Einsamkeit am See.

Und heute wie damals wohnen hier in der Tat Menschen, die wenig gemein haben mit den Bewohnern des Städtchens Storkow, das einst aus Färbern, Gerbern und Webern bestand, die Friedrich II. hier ansiedelte. Zu DDR-Zeiten wurden in Storkow Schuhe und Möbel produziert. Noch bevor jedoch das nahe Bad Saarow in den 20er-Jahren zum prunkvollen Bade- und Kurort der Berliner Unternehmer, Künstler und Intellektuellen wurde, baute sich in Storkow der Berliner Zeitungsverleger Friedrich Wilhelm Georg Büxenstein ein Schloss mit Türmchen, Giebeln und Mauern. Sein Jagdsitz „Hubertushöhe“ gab der kleinen Siedlung vor Storkow seinen Namen. Bald begannen weitere Wohlhabende, hier ihre Wochenendresidenzen zu errichten.

Die DDR machte aus dem Jagdschloss eine Schule für Fischerei-Ingenieure, die das ressourcenarme Land brauchte, um seine Menschen zu ernähren. Etwas weiter erholte sich der Ministerrat. Die Stasi residierte schräg gegenüber am See. Dazwischen lebten katholische Nonnen in einem Altersruhesitz und DDR-Größen wie Liedermacher und Texter Kurt Demmler. Der zog in die ehemalige Villa des angesehenen Bergbau-Professors Georg Bilkenroth, den die DDR einst als Erfinder der Herstellung von Braunkohle-Koks feierte. Das Ende des Kurt Demmler sagt vielleicht nichts über Storkow aus, aber doch viel über den Menschen: Demmler nahm sich 2009 das Leben, als er vor Gericht stand. Er soll Mädchen missbraucht haben, in mehr als 200 Fällen.

Zur Geschichte von Storkow gehören jedoch auch die Kasernen, die an der Ausfallstraße Richtung Villenkolonie stehen. Zu DDR-Zeiten bildete die NVA hier Pioniere aus, im Nahkampf, im Überleben und Tarnen in der freien Natur. Der Entführer, so eine Theorie, könnte eventuell ein ehemaliger Elitesoldat sein. Darüber wird auch in der heutigen Kurmark-Kaserne diskutiert.

Wäre der Täter tatsächlich um die 50 Jahre alt, könnte er durchaus einer jener Frustrierten sein, die nach der Wende den Fahnenwechsel zum einstigen „Klassenfeind“ nicht mitmachen wollten oder konnten. „Wenn er jünger ist, könnte er zum Beispiel ein Soldat sein, der aus einem Kriegseinsatz in Afghanistan zurückgekehrt ist und den Weg zurück ins normale Leben nicht findet – oder jemand, der einfach die Ausbildung nicht gepackt hat“, überlegt einer der jungen Soldaten in Uniform, die sich abends am Markt einen Döner zum Mitnehmen holen. Die anderen nicken. Sie wissen, wovon sie reden. Aufgabe ihrer Einheit ist es, den Kontakt zu den Auslandseinheiten der Bundeswehr zu steuern. Sie sagen: „Dass ehemalige Soldaten durchdrehen, kommt ja durchaus vor.“

Ein ehemaliger Elitesoldat?

Doch bisher ist das alles nur Theorie. „Der Täter ist auf jeden Fall ein durchtrainierter, sportlicher Mann“, heißt es bei der Polizei. Ob Soldat oder nicht, wisse man nicht. Immerhin seien rund 210 Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen, auch dank eines Aufrufs in der Sendung „Aktenzeichen XY“ am vergangenen Mittwoch. „Doch eine heiße Spur gibt es bisher nicht.“

Also geht die Suche weiter. Auch an diesem Wochenende werden Angler, Wanderer und Wassersportler am Storkower See befragt und mit der Anwesenheit der Polizei leben müssen. Die meisten Menschen nehmen es hin. „Bei uns ist der Mann nicht, ich hab schon in der Laube nachgesehen“, scherzt Kleingärtner Walter Padberg. Der 73-jährige Berliner ist mit seiner Frau am Wochenende oft in seiner Laube bei Storkow, sie wollen Pilze suchen dieses Mal. Die Anwesenheit der Polizei empfindet er eher als beruhigend.

„Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass der Täter noch hier ist.“ Doch genau davon gehen die Beamten nach wie vor aus. Als Nächstes werden nun Leute wie die Padbergs befragt, „Menschen, die nur am Wochenende am See sind“, sagt ein Sprecher. Außerdem habe man Hinweise bekommen, dass eventuell in einem weiteren Waldstück am See etwas zu finden ist. Am heutigen Sonntag soll der Hubschrauber seine Flüge wieder aufnehmen. Bis Storkow zur Ruhe kommt, das ist zu befürchten, wird noch eine Weile vergehen.