Fünf Tage nach der Flucht des Berliner Investmentmanagers aus der Gewalt eines ungewöhnlich brutalen Entführers sind bei der Polizei knapp 130 Hinweise eingegangen. Eine heiße Spur hat sich nach Angaben der Ermittler immer noch nicht ergeben, allerdings sei man noch mit der Auswertung einzelner Zeugenanrufe beschäftigt. „Wir ermitteln in viele Richtungen“, sagte Mario Heinemann von der Pressestelle des Brandenburger Polizeipräsidiums am Donnerstag.

Allein nach der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY…ungelöst“ am Mittwochabend hatten sich 33 Anrufer in der Redaktion und bei der Polizei gemeldet. In der Fernsehsendung war über den aktuellen Fall und über die Zusammenhänge mit den Anschlägen auf die Unternehmerfamilie Pepper im vergangenen Jahr berichtet worden. Angesichts der Popularität der Sendung hofft die Polizei auf weitere Hinweise: 5,74 Millionen Zuschauer schalteten am Mittwochabend ein. Möglicherweise, so die Polizei, waren darunter auch Brandenburg-Urlauber, die sich an Beobachtungen erinnern, die im Zusammenhang mit der Entführung stehen könnten.

Suchaktion geht weiter

Die Ermittler halten es nach wie vor für möglich, dass sich der Täter noch immer in der Region aufhält. Deshalb wurde die Suchaktion, bei der es sich um einen der größten Polizeieinsätze in der Geschichte Brandenburgs handelt, auch am Donnerstag intensiv fortgesetzt. Etwa 200 Beamte gehören zur Einsatzgruppe „Imker“ – benannt nach der Maskierung des Entführers, die einer Imkerhaube ähnelt. Seit Tagen suchen die Polizisten Straßenzüge, Wald und Gewässer nach Spuren ab. Auch am Donnerstag kreiste wieder ein Polizeihubschrauber über dem Großen Storkower See. Zudem waren Kriminaltechniker erneut auf dem am See gelegenen Grundstück des Entführungsopfers Stefan T., um auch dort nochmals nach Spuren zu suchen.

Der Täter könnte Ermittlern zufolge die Ferienvilla der Familie wochenlang vom Wasser aus beobachtet haben. Möglicherweise tarnte er sich als Angler, weshalb die Polizei zurzeit auch bemüht ist, möglichst jeden Angelschein-Inhaber in der Region sowie Wassersportler ausfindig zu machen und nach Beobachtungen zu fragen, die sie in den vergangenen Wochen oder gar Monaten gemacht haben könnten und die ihnen im Nachhinein merkwürdig vorkommen.

Am vergangenen Freitag schlich sich der Täter offenbar durch den Garten zur Haustür der Villa und überwältigte die Frau von Stefan T., als sie den Hund rauslassen wollte. Dabei schoss er in die Decke. Das später gefundene Projektil stammt vermutlich aus derselben Waffe, mit der vor einem Jahr auf die Tochter des Unternehmers Christian Pepper geschossen wurde. Bei der Waffe soll es sich um eine Ceska 75 oder Ceska 85 handeln. Nachdem der Entführer die Frau ins Haus gedrängt hatte, zwang er sie, ihren Mann zu fesseln und die Augen zu verkleben. Auch der zehn Jahre alte Sohn des Paares hielt sich zu diesem Zeitpunkt im Haus auf. Der Täter schleppte Stefan T. durch den Garten zum Ufer, wo er vermutlich zuvor mit einem Kajak angelegt hatte. Das auffällig bunte Boot ist eines der wichtigsten Beweismittel, das die Polizei bisher gefunden hat. Ermittler entdeckten es am Sonntag im Schilf nahe dem Ort Wendisch Rietz. Dorthin verschleppte der Täter sein Opfer. Fast zwei Tage lag Stefan T. auf einer Luftmatratze im Sumpf, bis ihm die Flucht gelang.

Der Transport des gefesselten Stefan T. spricht nach Angaben der Polizei neben weiteren Ermittlungsergebnissen dafür, dass der Entführer die Tat nicht nur lange und sorgfältig plante, sondern auch ein sehr durchtrainierter Mann sein muss. Stefan T. musste sich gefesselt an das Heck des Bootes klammern. Hätte er losgelassen, wäre er vermutlich ertrunken. Der Entführer saß in dem schmalen Boot und zog T. in der Dunkelheit durch den See. „So etwas muss man üben“, sagte ein Polizeisprecher. Zahlreiche Hinweise, die bisher bei der Polizei eingegangen sind, beziehen sich dem Sprecher zufolge auf einen großen, breitschultrigen Mann. Auch die helle olivgrüne Softshelljacke, die der Entführer getragen haben soll, wollen viele Anrufer an einem Mann gesehen haben. Zum Kajak seien dagegen bisher nur wenige Hinweise eingegangen.

Zeugen werden gebeten, sich bei der Polizei unter 0700–33 33 03 31 oder 0331–283 31 15 zu melden. Für anonyme Hinweise hat die Polizei einen Anrufbeantworter unter 0335–40 07 03 33 eingerichtet.