Schönefeld

Ohrenbetäubender Lärm gegen Fluglärm

In Schönefeld haben Hunderte das Terminal A besetzt und laut gegen Fluglärm demonstriert. Ob die Polizei noch einmal so viele in das Flughafengebäude lässt, ist fraglich. Am nächsten Freitag soll wieder gestreikt werden.

Am Ende richtet Thomas Wilde noch ein paar strenge Worte an Josef Schwarzl. „Übertreiben Sie es nicht“, sagt Polizist Wilde zu Schwarzl, der die Demonstration am Sonnabend im Terminal A des Flughafens Schönefeld angemeldet hat. Für 50 Teilnehmer ist die sogenannte Inhouse-Demo genehmigt worden. „Bis 100 Leute ist laut Erfahrung tolerierbar“, sagt Schwarzl. Das hat er so gehört. Eigene Erfahrungen hat er nicht. „Das ist die erste Demo, die ich angemeldet habe, und die zweite, bei der ich überhaupt bin“, sagt der 55-Jährige aus Kladow, der sich in der Bürgerinitiative Spandauer Süden (BISS) engagiert. Es kamen: 200, sagen die einen. 500, sagen die anderen.

Es sind auf jeden Fall deutlich mehr als die angemeldeten 50 Fluglärmgegner. Und so haben Ordner und Polizisten nur eine Aufgabe: irgendwie den Gang für die an- und abreisenden Fluggäste frei zu halten. Die Berlin-Touristen aus Rom staunen oder erschrecken, als sie sich mit ihren Rollkoffern den Weg zum Ausgang bahnen. Einige wollen sich feiern lassen, das Bad in der Menge genießen. Nur zujubeln will ihnen keiner.

Schließlich würden die meisten Demonstranten am liebsten gar keine startenden und landenden Flugzeuge hier sehen. So wie Gabi und Achim Balke aus Zeuthen. „Der Standort ist das Grundübel“, sagt Achim Balke, doch der 66-Jährige weiß, dass sich der künftige Großflughafen (BER) nicht mehr versetzen lässt. Also muss an den Flugrouten gedreht werden. Zeuthen wird zwar links und rechts umflogen, „doch wir werden definitiv vom Lärm viel abkriegen“, sagt seine 63 Jahre alte Frau Gabi: „Wir hören den Lärm ja jetzt schon.“

1993 haben sich die beiden in Zeuthen ein Haus gekauft, es saniert, 2001 sind sie dort eingezogen. Weg aus Marienfelde, rein in die Natur. Wenn nach der Eröffnung des neuen Flughafens am 3. Juni die Zahl der An- und Abflüge stetig steigt, wollen die beiden womöglich wieder wegziehen. „Wenn wir es uns leisten können“, sagt Achim Balke. Doch das Haus wird an Wert verlieren. „Und dafür hat man sein ganzes Leben gearbeitet“, sagt Gabi Balke, die Arzthelferin im Ruhestand ist. Ihr Mann war Techniker in einem Kraftwerk. „Aber vielleicht haben die Leute, die hier am Flughafen arbeiten, dann Interesse am Haus.“

Frank Rebenstorff macht ihnen dabei wenig Hoffnung. „Dass durch den Flughafen massenhaft Arbeitsplätze entstehen, ist Volksverdummung hoch drei“, meint er. „Aus drei Flughäfen im Großraum Berlin wird einer – und da sollen mehr Menschen Arbeit finden?“ Rebenstorff schüttelt den Kopf. Der 34 Jahre alte Betriebswirt ist im vergangenen Mai von Lichtenberg nach Friedrichshagen gezogen. Nun steht er dort jeden Montag auf dem Marktplatz – und an diesem Sonnabend im Flughafengebäude.

Die Forderungen der Fluglärmgegner bleiben an diesem Sonnabend die gleichen: Ein generelles Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr, hier und da andere Routen (je nachdem, wo man wohnt) und dass aus dem Flughafen in Schönefeld kein internationales Drehkreuz wird.

Neu ist hingegen die Vernetzung mit anderen Städten in Deutschland. Denn zeitgleich zum Protest in Schönefeld demonstrieren pünktlich ab fünf vor zwölf auch in Frankfurt am Main Tausende gegen die neue Landebahn am dortigen Flughafen. Von 6000 Teilnehmern spricht die Polizei dort, von mehr als 10.000 die Veranstalter. Die Ursache für den Protest sei immer die gleiche, sagt Rebenstorff: „Einseitiger Flughafenausbau zulasten der Bevölkerung.“ Und so steht „Frankfurt, Köln/Bonn, München, Leipzig, Berlin – Gemeinsam gegen Fluglärm“ auf dem größten Transparent im Schönefelder Flughafen. „Das ist gut für die Bewegung“, ist sich Rebenstorff sicher.

Diese Bewegung macht sich in Frankfurt wie Schönefeld lautstark bemerkbar. „Ich bitte euch, keine Trillerpfeifen, keine Vuvuzelas! Wir müssen mit der Polizei kooperieren“, hat ein Ordner noch an die Demonstranten in Schönefeld appelliert. Doch es geht unter: im Lärm der Trillerpfeifen, der „Nachtflugverbot“-Sprechchöre und der Umdichtung des Reinhard-Mey-Klassikers in „Unter den Wolken“, wo laut Liedtext, „der Fluglärm wohl grenzenlos sein“ wird.

Und auch wenn jetzt, da seit Ende Januar die wohl endgültigen Flugrouten feststehen, dem Protest-Song folgend alle Ängste, alle Sorgen bittere Wahrheit geworden sind, wird der Protest weitergehen: „Die Menschen werden von Tag zu Tag wütender“, sagt Rebenstorff. Keiner werde nach Hause gehen und Ruhe geben.

Bundesweiter Aktionstag

Am 24. März soll ein bundesweiter Aktionstag gegen Fluglärm folgen. Bis dahin sollen die Demonstrationen im Flughafen-Terminal weitergehen: am kommenden Freitag um 18.30 Uhr. „Angemeldet ist aber noch nichts“, sagt Christine Laslo von der Bürgerinitiative Kleinmachnow. Ob dann noch einmal so viele Leute in das Gebäude hineingelassen werden, ist fraglich. „Zu einem reibungslosen Flughafenbetrieb gehört auch, dass die Lautsprecherdurchsagen gehört werden“, sagt Polizei-Einsatzleiter Thomas Wilde. Diesmal hat die Polizei das Ganze noch laufen lassen. „Doch bei den Größenordnungen muss man sich fragen, ob der Terminal für eine solche Demonstration noch geeignet ist.“ Aber auch Wilde weiß, dass der Protest irgendwo am Flughafen weitergeht: „Bis zum nächsten Mal“, sagt er zum Abschied zu Josef Schwarzl.

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