Silke Sumana-Körbs wohnt in der Nähe des Heiligen Sees. „Mittlerweile muss ich um fünf Uhr früh die Fenster zumachen“, sagt die FengShui-Beraterin. Der Verkehrslärm von der Bundesstraße nach Neu Fahrland dringe bis zu den Häusern um den Pfingstberg durch. Jeden Morgen um sieben Uhr das gleiche Bild in Potsdam: Lange Autoschlangen an der Straße Am Neuen Garten und an der Hegelallee. Auch die Ein- und Ausfahrtsstraßen der Stadt sind dicht. Am späten Nachmittag sieht es nicht anders aus. Mit der stark steigenden Einwohnerzahl der Landeshauptstadt und deren Beliebtheit bei Touristen nimmt auch der Verkehr zu.
Konzept der Verkehrsberuhigung
Die Stadtverwaltung unter Jann Jakobs (SPD) hat jetzt einen Plan gegen den drohenden Verkehrskollaps erarbeitet. Eine fast autofreie historische Innenstadt, wie die Unternehmerin Silke Sumana-Körbs sie sich vorstellt, ist nicht geplant. Nicht einmal das touristische Holländische Viertel ist den Fußgängern und dem Lieferverkehr vorbehalten.
Das Konzept der Stadtverwaltung, das bis 2025 verwirklicht werden soll, zielt auf eine Verkehrsberuhigung ab: Nicht noch mehr Autos als heute in der Innenstadt, ein attraktiverer öffentlicher Nahverkehr und bessere Bedingungen für Radfahrer und Fußgänger. Wie der Verkehrsbeigeordnete Matthias Klipp (Bündnisgrüne) erläutert, soll der Anteil des durch Potsdamer verursachten Autoverkehrs von derzeit 32 Prozent am gesamten Verkehr auf 23 Prozent im Jahr 2025 sinken. Damit bliebe es trotz wachsender Einwohnerzahl beim derzeitigen Zustand. „Wenn alles klappt“, sagt Klipp. Was aber ist mit den Besuchern? Sie sollen am besten außerhalb der Stadt parken, auf Parkplätzen, die noch gebaut werden müssten. „Das Park&Ride-System hat sich in vielen Städten bewährt“, sagt Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). Den Weg in die Stadt sollen Ampeln erschweren.
Die Potsdamerin Frederike Euler (22) fände es auch gut, wenn wenigstens die Besucher ihre Autos außerhalb der Stadt stehen lassen würden. Sie selbst wohnt in der Nähe der Brandenburger Straße und findet hier nur schwer einen Parkplatz.
Die Stadtverwaltung hat hochgerechnet, dass 172 Millionen Euro unter anderem in Verkehrsanlagen und Technik investiert werden müssten. 75 Millionen sind davon, wie es bisher aussieht, von der Stadt selbst aufzubringen, sie könnte aber auch dafür teilweise Fördergeld erhalten. Geplant ist zudem der Ausbau des Straßenbahnnetzes. Dabei soll das künftige SAP Innovations Centers am Campus Griebnitzsee angeschlossen werden. Außerdem ist die Tram-Anbindung von Golm vorgesehen. In der Babelsberger Großbeerenstraße soll bis zum Kepler-Platz ebenfalls die Straßenbahn fahren.
Höhere Parkgebühren sind zwar erst mal vom Tisch, die Stadt will aber die Parkraumbewirtschaftung stark ausdehnen. So wird Parken in Potsdam in noch mehr Gebieten nur mit Anliegerparkausweis oder gegen Bezahlung möglich sein. Das vor zwei Jahren ins Gespräch gebrachte Tempo-30-Limit für Potsdams Hauptstraße ist in dem Konzept nicht enthalten. Nur in der Leipziger Straße werde ein zusätzlicher Tempo-30-Abschnitt aus Lärmschutzgründen „unvermeidlich“ sein, sagt der Beigeordnete Klipp.
Eine Umweltzone wie in Berlin ist ebenfalls nicht geplant. Das Konzept schließt auch eine dritte Havelbrücke aus. Künftig sollen mehr Radwege zur Verfügung stehen. Auch Dirk Volkmann, Verkehrsplaner in der Potsdamer Stadtverwaltung, fährt meist mit dem Fahrrad.
Die Verkehrs-Spitzenzeiten beginnen laut Volkmann um 7 Uhr morgens und dann wieder ab 16 Uhr am Nachmittag: Er gibt aber zu bedenken: „Für viele ist es schon Stau, wenn sie zwei Ampelphasen warten müssen.“
Kritik von vielen Seiten
Das neue Konzept stößt nicht nur auf Gegenliebe. SPD und CDU in der Stadtverordnetenversammlung haben erhebliche Bedenken angemeldet. SPD-Chef Mike Schubert zufolge enthält das Konzept Tramlinien, wie die nach Golm, die bei Anliegern auf Ablehnung stoßen. CDU-Kreischefin Katherina Reiche nennt das Konzept einen „Generalangriff auf Verkehrsteilnehmer“. Es sei vergessen worden, dass die Potsdamer mit dem Auto zum Arzt oder zur Arbeit fahren wollen. Kritik kommt auch vom Automobilclub ADAC Berlin-Brandenburg. Durch die stadteinwärts geplanten Pförtnerampeln bestehe die Gefahr eines Rückstaus über die Stadtgrenzen hinaus, sagte der Leiter Verkehr beim ADAC, Jörg Becker. Beigeordneter Klipp verteidigt sein Konzept: In Potsdam habe nicht einmal jeder Zweite ein Auto. Auf 1000 Potsdamer kommen 410 Fahrzeuge, das ist wenig im Vergleich zu anderen Städten in der Größenordnung. Für Klipp ist damit bewiesen: „Die Mehrheit ist ohne Auto mobil.“





