Fachlehrermangel

Wie ich mir eine Erdkundelehrerin aussuchte

Morgenpost Online hat das Lehrer-Casting der Berliner Schulverwaltung besucht. Für die Direktoren ist das die letzte Chance, für das neu begonnene Unterrichtsjahr noch qualifizierte Pädagogen zu bekommen.

Foto: Reto Klar

„Sie werden gleich merken, dass ich etwas aufgeregt bin“, sagt die blonde Frau. Kein Wunder. Um sie herum sitzen rund 45 Schulleiter, und die Frau ist heute gekommen, um sich auf eine Lehrerstelle zu bewerben. Ich besuche das Lehrercasting der Berliner Bildungsverwaltung und tue so, als müsste ich mir einen Pädagogen aussuchen. Mal das Angebot anschauen, überlegen, welchen Menschen ich gerne meine Kinder unterrichten lassen würde. Ich bin neugierig, wer an der allerletzten Einstellungsrunde der Berliner Schulen teilnehmen wird. Ob nur Kandidaten mit Macken, etwa einem schlechten Staatsexamen, da sein werden? Die erste Bewerberin wird gleich mit ihrer Vorstellung beginnen.

Was für mich nur ein interessantes Experiment ist, ist für die Schulleiter um mich herum die letzte Chance, noch an qualifiziertes Personal zu kommen. Auch nach Beginn des Schuljahrs haben die Berliner Schulen noch nicht alle Stellen besetzen können. Die Lehrergewerkschaft GEW schätzt die Zahl der freien Stellen auf rund hundert. Deshalb hat die Berliner Bildungsverwaltung zu einer zweiten Einstellungsrunde geladen. Im Rathaus Tiergarten stellen sich die Interessenten einem Vorstellungsgespräch mit allen teilnehmenden Schulleitern.

Die aufgeregte Bewerberin ist an der Reihe. Aber schnell legt sich das Zittern in der Stimme. Ich finde sie wirklich tapfer. Und vermerke das als Pluspunkt auf meiner Vor- und Nachteilsliste. Schließlich muss die Frau sich auch im Unterricht selbstbewusst vor den Schülern präsentieren können. Auch ihre kurze Vorstellung finde ich beeindruckend. Mit dieser Einschätzung bin ich nicht alleine. Ihre Referenzen stoßen im Sitzungssaal auf Begeisterung. Sie kann nicht nur Erdkunde, Religion und Bildende Kunst unterrichten.

"Ich bin ein Allrounder, bis auf Mathe habe ich schon alles gelehrt“, sagt sie. Sie hat Grundschulklassen bis zur vierten Klasse geführt, aber auch schon mit Oberschülern zusammengearbeitet. In einer Weiterbildung hat sie sich über den richtigen Umgang mit behinderten Kindern schlau gemacht. Während ihrer Elternzeit. So, finde ich, sieht Engagement aus. Die Moderatorin des Castings stellt nun eine Frage, die für die anwesenden Schulleiter von großer Bedeutung ist: „Können Sie sich vorstellen, an einer Integrierten Sekundarschule zu arbeiten?“ Die Lehrerin verneint. Sie möchte lieber an einer Grundschule anfangen. Ein Raunen geht durch den Saal, einem Schulleiter entfährt vor Enttäuschung sogar ein lauter Seufzer. Da ich nicht so richtig verstehe, warum, frage ich einen der Schulleiter auf Lehrersuche. „Wir haben leider ein Imageproblem, auf die Sekundarschule wollen nicht viele Lehrer“, sagt Paul Schuknecht, Schulleiter der Friedensburg-Sekundarschule in Tiergarten und Vorsitzender der Vereinigung Berliner Schulleiter.

Doch die meisten der heute anwesenden Schulchefs leiten eine Sekundarschule, nur 15 kommen von einer Grundschule. Die meisten Bewerber dagegen geben an, an eine Grundschule zu wollen. Wie auch die Frau, die gerade vor den Schulleitern sitzt. Ihr Argument: „Ich habe noch zwei sehr kleine Kinder. Ältere Schüler würde ich lieber unterrichten, wenn meine eigenen Kinder größer sind und selbst nicht mehr so viel Aufmerksamkeit brauchen.“

Sie bestätigt, was Schuknecht befürchtet. Dass nämlich die Sekundarschule von den Lehrern als Synonym für Brennpunktschule wahrgenommen würde. „Die Lehrer haben Angst vor den anstrengenden Schülern.“ Dabei, findet Schuknecht, müsse eine Lehrerausbildung den Junglehrern gerade diese Angst nehmen und sie ausreichend für den Umgang auch mit schwierigen Schülern qualifizieren.

Auch die Friedensburg-Sekundarschule hofft, über das Lehrercasting noch offene Stellen besetzen zu können. „Zumindest eine Lehrkraft für Englisch und Mädchensport könnten wir hier vielleicht finden“, hofft Schuknecht. Dringend braucht die Schule auch einen Physik- und Mathematik-Lehrer, doch nach dem wird er beim Casting wahrscheinlich vergebens Ausschau halten. Lehrkräfte in naturwissenschaftlichen Fächern seien Mangelware und heiß begehrt, sagt Schuknecht. „Wir hatten einen Lehrer aus Baden-Württemberg gefunden, aber in den Ferien hat er abgesagt. Er hat wohl ein besseres Angebot bekommen. Die können sich eben das beste Angebot heraussuchen.“ Da habe ein Berliner Schulleiter wenig Chancen – er kann weder mit Verbeamtung noch einer guten Bezahlung locken. Um die Lücke an der Friedensburg-Schule zu stopfen, habe Paul Schuknecht Kurse zusammenlegen müssen. „Das ist natürlich eine enorme Belastung für den Lehrer.“

Nachteil für Brennpunktschulen

Wider Erwarten betritt dann doch eine Mathematik-Lehrerin den Raum. Ihre langen schwarzen Haare und der dunkle Teint lassen mich schon erahnen, dass die 29-Jährige eine weitere zusätzliche Qualifikation für viele Berliner Schulen mitbringt. Was sie im zweiten Satz bestätigt: „Ich spreche fließend türkisch“, sagt sie. Besonders in der Zusammenarbeit mit den Eltern sei das ein großer Vorteil. Zustimmendes Nicken in der Runde. Hoffnung verbreitet sich in der Runde der Schulleiter.

Aber auch diese Bewerberin – derzeit befindet sie sich noch im Referendariat – möchte an eine Grundschule, und wie die meisten anderen möchte sie in einem westlichen Bezirk angestellt werden. „Schöneberg“, das wäre ihr Favorit. Und wie schon in den Vorstellungsrunden zuvor, fragt eine Schulleiterin, ob sie sich nicht doch vorstellen könne nach Pankow zu pendeln. Die Schulen im Osten der Stadt sind beim Lehrercasting im Nachteil. Nur eine der heutigen Bewerberinnen kommt aus Prenzlauer Berg. Alle anderen wollen nach Charlottenburg, Steglitz und Schöneberg. Oft sind kleine Kinder der Grund, die wohnortnah zur Kita gehen.

„Die Berliner Schulen müssen einfach besser ausgestattet werden“, sagt das GEW-Vorstandsmitglied Dieter Haase, der wie ich heute das Verfahren beobachtet. Damit sie gute Angebote machen könnten. „Besonders die Brennpunktschulen.“ Ideal findet er das Lehrercasting nicht, das auch unbeliebten Schulen zu Bewerbern verhelfen soll. Doch: „Fast alle Interessenten wollen sich die Schule, von der sie Anfang der kommenden Woche ein Angebot erhalten, erst noch mal anschauen.“ Jetzt müssen die Schulleiter die Entscheidung für ihre Kandidaten treffen. Ich hoffe, auch meine Erdkundelehrerin ist dabei.