Brandenburgs Unfall-Autobahn

Warum es kein Patentrezept für die A12 gibt

Pendler nennen sie die "Todespiste": Auf den 58 Kilometern der Autobahn A12 sind 2011 bereits sechs Menschen gestorben. Oft traf es Ortsfremde. Das brandenburgische Innenministerium denkt über ein Tempolimit nach. Die Polizei hält davon wenig.

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Es sind nur 58,2 Kilometer, die das Autobahndreieck Spreeau und den Berliner Ring mit der polnischen Grenze verbinden, kaum eine halbe Stunde Fahrzeit, wenn der Verkehr auf der A12 fließt. „Todespiste“ heißt sie bei den Autofahrern, die hier regelmäßig unterwegs sind. Seit Anfang des Jahres kamen sechs Menschen auf der Strecke bei Unfällen ums Leben, sechs wurden schwer verletzt.

Erst in der vergangenen Woche starben zwei Menschen bei einem Unfall. Ein Kleintransporter war unter einen Lkw am Stauende gerutscht. Nach Polizeiangaben hatte die 58-jährige Fahrerin kaum gebremst, bevor sie auf den Laster auffuhr. Sie und ihr Beifahrer waren sofort tot.

Die Zahl der Unfallopfer erschreckt umso mehr, weil die Situation sich scheinbar gebessert hatte. Erstmals hatte es im vergangenen Jahr auf der A12 keinen Verkehrstoten gegeben hatte. Das Überholverbot für Lastwagen und die Installation eines elektronischen Leitsystems, das Tempolimits und Überholverbote nur anzeigt, wenn es die Situation auf der Autobahn erfordert - bei dichtem Verkehr oder Stau - schienen Wirkung zu zeigen.

„Die Bilanz war erfreulich, aber wir sehen jetzt, dass wir uns darauf nicht ausruhen können“, sagt Detlef Lüben, Sprecher des zuständigen Polizei-Schutzbereiches Oder-Spree und wirkt dabei auch etwas ratlos. Denn eine einfache, schnelle Lösung hat offenbar niemand.

10.000 Transporter täglich

Täglich rollen über die wichtigste Ost-West-Transit-Verbindung mehr als 30.000 Fahrzeuge, davon rund 10.000 Transporter, haben die elektronischen Zählstellen dokumentiert. Selbst Polizisten stöhnen, sie wüssten nicht mehr, wie sie den drastisch gestiegenen Verkehr und die damit verbundenen Gefahren bewältigen sollen.

Im Brandenburger Innenministerium denkt man, heißt es, über ein generelles Tempolimit auf der A12 nach. Denn nach Prognosen des Ministeriums wird sich der Verkehr auf der Ost-West-Transitstrecke bis 2025 nochmals verdreifachen.

Von weiteren Geschwindigkeitsbegrenzungen hält Lüben hingegen nichts. „Die Abschnitte, auf denen die meisten Unfälle passieren, sind schon auf 120 Stundenkilometer gedrosselt. Das allein hilft also nicht“, ist der Polizeisprecher überzeugt. Transporter würden dort nicht mehr als 100 Kilometer pro Stunde fahren, und Raser seien ohnehin die Ausnahme.

Lüben sieht eine ganz andere Ursache: „Autofahrer, also die späteren Unfallverursacher, beachten die Fahrsituation nicht. Die pennen regelrecht“, sagt er. Erst am Montag nickte ein Autofahrer gegen 7.30 Uhr für Sekunden ein, geriet nach links von der Fahrbahn ab. Sein Bootsanhänger löste sich, ein weiterer Wagen geriet ins schleudern und prallte gegen die Leitplanke. 12.000 Euro Sachschaden, doch wurde niemand verletzt – ein glimpflicher Unfall auf der A12.

Die schweren Unfälle seit Jahresbeginn, sagt Lüden, haben sich alle nach 22 Uhr ereignet. Die Unfallopfer seien, bis auf einen betrunkenen Fahrer, alle ortsfremde Reisende gewesen, die die Gefährlichkeit der A12 offenbar unterschätzten.

Angesichts des hohen Transit-Verkehrs-Aufkommens kommt es hier oft aus kleinstem Anlass zum Stau, der in kurzer Zeit auf eine Länge von 20 oder 30 Kilometern anwachsen kann. Häufig liegt das daran, dass Pannenautos die rechte Spur blockieren - auf einigen Abschnitten gibt es an der A12 noch keine Seitenstreifen. Und dann geht binnen kürzester Zeit – zumindest in eine Fahrtrichtung - nichts mehr. Denn die rechte Spur gehört mehr oder weniger den Lastkraftwagen, die oft Stoßstange an Stoßstange über die Autobahn rollen. Steht dort nun plötzlich ein Hindernis, müssen die Laster auf die linke Spur ausweichen, die überwiegend von den schnelleren Autos genutzt wird, bremsen damit die Überholspur aus. Ein Ausweichen ist nicht möglich, denn es gibt – anders als auf dem Berliner Ring – auch keine dritte Fahrspur.

Ausbau bisher abgelehnt

Seit Jahren schon fordern regionale Verkehrsverbände und Kommunalpolitiker den sechsspurigen Ausbau der A12. Weil das dafür nötige Verkehrsaufkommen und damit der „vordringliche Bedarf“ längst nicht gegeben sei, lehnt die Bundesregierung ab. Diese Belastungsgrenze liegt bei 60.000 Fahrzeugen pro Tag. Kritiker in Ostbrandenburg vermuten allerdings eher finanzielle Gründe für die ablehnende Haltung des Bundes. „Wir haben auf der A2 doch Mautstationen, die Einnahmen daraus könnten für den Ausbau genutzt werden“, fordert der Frankfurter Verkehrsexperte Karl-Heinz Boßan.

Um die Verkehrssicherheit möglichst schnell zu erhöhen, baut der zuständige Brandenburger Landesbetrieb Straßenwesen eilig an den fehlenden Standstreifen - drei Meter mehr Platz, auf die Autos bei einer plötzlichen Panne ausweichen können. Autobahn- Sperrungen nach Unfällen werden dadurch zudem verkürzt, weil Rettungs- und Bergungsfahrzeuge auf den Standstreifen ungehindert zum Unfallort gelangen. Noch fehlt ein mehr als 16 Kilometer langes Teilstück zwischen dem Dreieck Spreeau und der Autobahnabfahrt Storkow. Zurzeit läuft das entsprechende Planfeststellungsverfahren, die eigentlichen Bauarbeiten sollen im Herbst nächsten Jahres beginnen.