Sanierung

Grazien vom Neuen Palais werden notoperiert

Nicht nur die Figuren auf der Kuppelspitze des Neuen Palais in Potsdam benötigen dringend eine Verschönerung. Das gesamte Schlossensemble ist sanierungsbedürftig, bis zum 300. Geburtstag Friedrichs II. sollen die gröbsten Schäden beseitigt sein.

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Auf den Anblick der „Drei Grazien“ auf der Kuppelspitze des Neuen Palais müssen Besucher des Schlossparks Sanssouci derzeit verzichten. Ein massives Sicherheitsgerüst umgibt die Kuppel. Der Grund: Die Figurengruppe ist so stark angerostet, dass die „Grazien“ die Krone, die sie seit mehr als 240 Jahren gen Himmel strecken, nicht mehr tragen können. Nicht nur das: Die Skulpturen selbst sind in ihrer Standsicherheit ebenfalls gefährdet. Die Fußpunkte der Figuren sowie die Stahlkonstruktion der Krone seien durchgerostet, sagt Ulrich Henze, Sprecher der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG). Festgestellt hatten Gutachter die Schäden im Dezember, als sie den Zustand des Daches unter die Lupe nahmen. Jetzt sollen Baufachleute mit Hilfe des Sicherungsgerüstes die Figurengruppe – 1769 von Friedrich Jury als ehemals vergoldete Kupfertreibarbeit geschaffen – samt Krone in 50 Metern Höhe noch einmal genauer untersuchen. Danach will die Schlösserstiftung entscheiden, in welchem Umfang und mit welcher Methode sie sie sanieren lässt.

Erst dann werde man wissen, ob vor Ort restauriert werden könne oder die Grazien demontiert und in eine Werkstatt gebracht werden müssten, sagt Stiftungssprecher Henze. Auch auf die Frage, wie teuer die vom Rost zerfressenen Figuren die Stiftung zu stehen kommen und wie lange eine Reparatur dauert, wird es erst nach Abschluss der Untersuchungen eine Antwort geben.

26 Millionen Euro für das Neue Palais

Dabei ist die Kuppel nicht das einzige Problem, mit dem die Stiftung an Potsdams größtem Schloss zu kämpfen hat: Der Schwamm hat dem Mauerwerk zugesetzt, die Verankerungen der Skulpturen auf der Attika sind korrodiert. Bis zum 300. Geburtstag Friedrichs II., der im kommenden Jahr gefeiert wird, sollen die gröbsten Schäden am bedrohten Welterbe jedoch beseitigt sein. Bis 2017 werden rund 26 Millionen Euro aus dem Sonderinvestitionsprogramm für die preußischen Schlösser und Gärten – einem im Jahr 2009 geschnürten Bund-Länder-Paket zur Rettung nationaler Kulturgüter – ins Neue Palais fließen.

Die Liste der zum Weltkulturerbe zählenden Bauwerke, die auf eine Schönheitskur warten, ist lang. Bei der Stadt Potsdam denkt man da beispielsweise an die Teufelsgrabenbrücke in Bornstedt. Zwar ist die fünffeldrige Gewölbebrücke, gemauert aus Rüdersdorfer Kalkstein, in den 90er-Jahren instand gesetzt worden, um sie in ihrer Substanz zu erhalten. Doch die ursprüngliche Optik – die Brücke ist nach Art eines römischen Viadukts gebaut – konnte mangels der nötigen Finanzen nicht vollständig wiederhergestellt werden. Dringenden Sanierungsbedarf sieht die Stadt ebenfalls bei der rund 330 Meter langen Mauer an der Teeküche im Park Sanssouci, die die historische Grenze des Parks markiert. In Teilen ist die Mauer bereits eingestürzt, weil Wurzeln von unten aufs Mauerwerk gedrückt haben. Auch wenn diese beiden Projekte vom jüngsten Geldsegen des Bundes nichts abbekommen haben: Oberbürgermeister Jann Jakobs war die Freude anzusehen, als Rainer Bomba, Staatssekretär im Bundesbauministerium, kürzlich mit einem symbolischen Scheck über 2,38 Millionen Euro im Rathaus anklopfte. Die Mittel stammen aus dem Unesco-Welterbeprogramm, das die Bundesregierung anlässlich des Konjunkturpaketes I aufgelegt hat.

In Potsdam kommen die Fördermittel neun Projekten zu Gute. „Die Potsdamer Kulturlandschaft ist einzigartig. Sie steht beispielhaft für die Gestaltung des Landschaftsraums vor dem Hintergrund monarchistischer Staatsideen und bürgerlicher Emanzipationsbestrebungen“, sagt Bomba. Das Bundesbauministerium stellt von 2009 bis 2014 insgesamt 220 Millionen Euro für nationale Weltkulturerbestätten zur Verfügung. Bereits 2009 hatte die Stadt Potsdam 3,49 Millionen Euro aus diesem Fördertopf erhalten.

„Für die zweite Förderperiode haben wir uns wieder ehrgeizige Ziele gesetzt“, sagt Oberbürgermeister Jakobs. „Denn der Erhalt des Welterbes bleibt eine der wichtigsten Aufgaben in Potsdam.“ Die Stadt wolle die Finanzspritze unter anderem dafür einsetzen, „das Untergeschoss der Trauerhalle auf dem Jüdischen Friedhof für die rituellen Waschungen zu ertüchtigen sowie die Fassade der Bornstedter Kirche instand zu setzen“, sagt Jakobs.

Die Trauerhalle auf dem Jüdischen Friedhof stammt von 1910 und überstand den Zweiten Weltkrieg unzerstört. „Es ist der einzige Bau dieser Art im Land Brandenburg“, erläutert Ramona Simone Dornbusch von der Unteren Denkmalschutzbehörde. Das Untergeschoss des Gebäudes dient der rituellen Totenwaschung. Darüber erhebt sich die Trauerhalle, in die der eingesargte Leichnam mittels Aufzug hochgefahren werden kann. „Der Jüdische Friedhof in Potsdam ist auch der einzige im Land Brandenburg, der neu belegt wird.“ Diese Sonderstellung – und das Anwachsen der Gemeinde – hatte die Stadt Potsdam im Blick, als sie das Projekt zur Welterbeförderung anmeldete.

Mit dem Geld des Bundes sollen außerdem die Außenanlagen der Villa Tieck an der Schopenhauer Straße restauriert werden. Etwa 15 Prozent der Bundesförderung für Potsdam fließen in die Sacrower Heilandskirche. Zudem wird die Sanierung der Kronprinzenbrücke – eines der ältesten Stahlbetonbauwerke der Region aus dem Jahr 1905/06 – und der Schinkelbrücke im Park Sanssouci gefördert. Und der Monopteros auf dem Ruinenberg wird instand gesetzt. Um den halb verfallenen Rundtempel zu restaurieren, sind allein 800.000 Euro nötig: Die ursprünglich vorhandene Kuppel und Teile des Tambours fehlen bereits. Das Bauensemble auf dem Ruinenberg zählt zu den ältesten dauerhaft errichteten Ruinenarrangements der Kunstgeschichte.

Wenn es auch viele Baustellen gibt: Insgesamt bewertet Denkmalpflegerin Dornbusch den Zustand des Welterbes in Potsdam als solide. Sie verweist auf ein 2008 vom US-Magazin „National Geographic Traveler“ veröffentlichtes Ranking weltweit historisch bedeutsamer Städte. Darin schaffte es Potsdam auf Platz 8 – vor München auf Rang 30 und Dresden auf Platz 38. „Für die Nominierung ausschlaggebend waren vor allem die Authentizität und der Zustand von historischen Gebäuden und Gartenanlagen.“