Speer-Affäre

Investoren zögern bei Krampnitz-Kasernen

Projektentwickler Jörg Bohmfalk wartet „auf den Startschuss aus Potsdam", aber dort hält man Distanz zum Krampnitz-Projekt. Seit mehr als 20 Jahren ist jetzt in der "toten Stadt" immer noch nichts passiert.

Foto: bs/hg / dpa-Zentralbild

Vor dieser Kulisse drehte Tom Cruise seinen Stauffenberg-Film „Operation Walküre“. Zuvor entstand hier bereits der Kriegsfilm „Duell – Enemy at the Gates“. Helge Schneider wählte Krampnitz für seine Hitler-Parodie. Seit einigen Wochen steht das für die Öffentlichkeit gesperrte Kasernengelände an der Bundesstraße 2 nun im Mittelpunkt eines Polit- und Wirtschaftskrimis. Es geht um angebliche Vetternwirtschaft, um ein mit 4,1 Millionen Euro vermutlich weit unter Wert verkauftes Landesgrundstück und um undurchsichtige Finanzgeschäfte mit Käufern, die dem Land Brandenburg als Verkäufer angeblich erst jetzt bekannt wurden. Rainer Speer, der Vertraute von Ministerpräsident Matthias Platzeck (beide SPD), so sieht es für die Opposition aus, hat sich von Spekulanten über den Tisch ziehen lassen oder hat das Parlament getäuscht. Zumindest steht bereits fest, dass unter ihm im Finanzministerium 2007 schwere Fehler gemacht wurden.

200 Wohnungen in Offiziershäusern

Während in Potsdam der Staatsanwalt Aktenberge sichtet und sich Ministeriumsmitarbeiter durch die Verträge wühlen, gehen in Krampnitz schon die Vermesser ans Werk. Denn bald sollen etwa 200 Wohnungen in etwa 55 Häusern der alten Offiziersiedlung entstehen. „In vier bis fünf Jahren könnten es über 1000 Wohnungen sein“, sagt der für den Bauträger „Projekt Rentenvorsorge“ tätige Projektentwickler Jörg Bohmfalk von der „Desakon“. Er führt schon jetzt Kapitalanleger, die sich für die denkmalgeschützten Häuser wegen der hohen Abschreibungsmöglichkeit interessieren. „Wir warten nur noch auf den Startschuss aus Potsdam“, sagt er.

Aber in der Landeshauptstadt scheint seit den Vorwürfen gegen den nach Platzeck mächtigsten Mann in der SPD sämtliche Euphorie verflogen. Hatten Vertreter der Stadt noch vor zwei Jahren von dem hochwertigen Standort für die so dringend benötigten Wohnungen geschwärmt, spricht Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) derzeit von dem Gelände nur noch schlecht. Die Verkehrsverbindung sei problematisch. Es sind etwa acht Kilometer nach Potsdam und so übel ist die Lage gar nicht, zumal einige Häuser einen direkten Blick auf zwei Seen haben. Auch die Döberitzer Heide ist ganz nah. Jakobs möchte keinen Skandal so kurz vor den Oberbürgermeisterwahlen und will dem Eindruck entgegen treten, sein Parteifreund Speer habe da ein Grundstück verhökert. Kaum war das Areal verkauft, ermittelte ein Gutachter einen „angemessene Kaufpreis“ von 25 Millionen Euro.

Diese Summe hält auch der Landwirt Ernst Ruden, der direkt nebenan lebt, für utopisch. Die 4,1 Millionen Euro, die das Land verlangte, sind seiner Ansicht nach aber auch zu wenig.

„Fast 20 Jahre ist hier in dieser toten Stadt nach dem Abzug der Russen Anfang der 90er-Jahre trotz vieler Versprechungen nichts passiert“, bedauert der Landwirt. „Mittlerweile kann man davon ausgehen, dass man belogen wird.“

Wenn der 72-Jährige und dessen Familie Besuch von außerhalb bekommt, fragt der ihn schon mal: „Sag mal, wie sieht es denn bei euch aus? Ist hier der Krieg gerade erst zu Ende gegangen?“ Hinter dem gemütlichen Haus breitet sich auf über 110 Hektar militärische Vergangenheit aus. Oder zumindest das, was von ihr übrig ist. Mehr als 100 verlassene Offiziers- und Kasernenhäuser, durch deren leere Fensterhöhlen der Wind pfeift und durch deren löchrige Dächer an Tagen wie diesem der Regen prasselt. Verfallene Ziegelbauten der Kavallerieschule Krampnitz, in denen es gespenstisch still ist. Ein unwirtlicher, ein beinahe unheimlicher Ort. Die Wege scheinen hier ins Nichts zu führen. Und ziehen sich dann doch entlang an tristen Plattenbauten, in denen zuletzt russische Soldaten schliefen. Im einstigen Offizierskasino in einem monumentalen Repräsentationsbau riecht es nach Schwamm und Moder; hier und da ist ein von den Filmleuten freigelegtes Hakenkreuz zu sehen. Aus den Ritzen des Betons, unter dem noch altes Pflaster liegt, wachsen dichte Gräser. Eine Birke ragt aus dem kaputten Dach einer Offiziersvilla heraus. Eine Geisterstadt, sagt Landwirt Ruden.

Vor zwei Jahren, so erzählt er, habe der Architekt Moritz Kock ihm angekündigt, man plane hier hochwertige Wohnungen. Kock kam 2009 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Schon vorher aber war es plötzlich wieder still geworden um Krampnitz. Die Finanzkrise kam der TG Group dazwischen. Im März wollte sie daher vom Kauf zurücktreten. Das Land willigte ein, einen Teil des bislang gezahlten Kaufpreises zurück zu überweisen, damit die nächsten Raten bedient werden können. Dafür erhielt es zwei der vier verkauften Grundstücke zurück. Aber auch für die anderen beiden steht sie immer noch im Grundbuch, weil der Kaufpreis noch nicht bezahlt ist. Angeblich ging das Land da immer noch davon aus, dass hinter der TG Potsdam die solvente Thylander Gruppe steckte, was spätestens in dem Moment aufgeflogen sein müsste.

Undurchsichtige Käuferstrukturen

Inzwischen hat der Anwalt Ingolf Böx, der hinter der TG Potsdam steht, offenbar ein Tochterunternehmen verkauft und damit auch das Land mit den Offizierswohnungen – für 7,1 Millionen Euro. Die Gruppe „Bauträger Projekt Rentenvorsorge“ erwarb also Grundstück und Häuser bei einem Investor, der selbst noch gar nicht bezahlt hat. Was das nun fürs Land bedeutet, wird noch geprüft. Der Job von Projektentwickler Jörg Bohmfalk von der „Desakon“ im Auftrag des Bauträgers geht trotzdem weiter. Mit Begeisterung, wie er sagt.