Das Erdinger Moos ist für Lutz Franzke so etwas wie eine Messlatte. Im Guten wie im Schlechten. Franzke, 56 Jahre alt, Jeans, Dreitagebart, ist Bürgermeister von Königs Wusterhausen. Noch nicht lange. In seinem Büro, wenige Meter vom Jagdschloss des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. entfernt, macht Franzke Pläne. Das Erdinger Moos bei München steht dabei Pate. Als 1992 der neue Münchener Flughafen Franz Josef Strauß eröffnet wurde, setzte in den Kommunen im Erdinger Moos eine erstaunliche Dynamik ein.

Vollbeschäftigung und der Zuzug neuer Einwohner waren in den Kommunen zwischen Freising und der Stadt Erding kein Wunschtraum mehr. Der Aufschwung, den der neue Flughafen brachte, hatte aber auch Schattenseiten. Die kleinen Gemeinden wurden des Zuzugs nicht mehr Herr, Mieten explodierten, die Kommunen hinkten mit der Infrastruktur hinterher. All das weiß Lutz Franske und er will vorbereitet sein, wenn der neue Hauptstadtflughafen BBI in Schönefeld im übernächsten Jahr eröffnet wird und der erhoffte Wandel einsetzt.

Täglich 3,5 neue Arbeitsplätze

Seit gut acht Monaten ist der SPD-Mann im Amt – hauptamtlich und für die Zeit von acht Jahren gewählt. Im Oktober 2009 hatte der gebürtige KWer sich in der Stichwahl gegen den Kandidaten der Linken durchgesetzt. Sein Tatendrang ist groß. „Das ist nicht nur dem noch frischen Amtsantritt geschuldet“, sagt Franzke. „Ich wollte schon immer Bürgermeister von KW werden. Ich will, dass hier jeder einen Job kriegt. Ich nehme das richtig ernst.“ Über mangelnden Zuzug und die Arbeitslosenquote kann Franzke sich eigentlich nicht beklagen. Im vergangenen Dreivierteljahr wuchs KW um 500 Einwohner. Erst vor vier Wochen konnte Franzke den 34?.000. Königs Wusterhausener begrüßen. Die Arbeitslosenquote liegt mit 7,7 Prozent unter ostdeutschem Durchschnitt. Der Wohnungsleerstand beträgt ein Prozent – selbst in den Plattenbauten. Und der Clou: Es gibt, sieht man die drei Nachbarkommunen von Königs Wusterhausen, Wildau und Schönefeld, als Einheit, dort 3,5 neue Arbeitsplätze täglich. Das belegt die Statistik, die die Stadt zwischen 2004 und 2008 geführt hat.

So richtig glücklich machen Franzke diese Zahlen noch nicht. „Eigentlich sind sie fantastisch. Doch große Einkommensteuerzuwächse haben wir nicht, weil viele derjenigen, die hier wohnen und arbeiten, Aufstocker sind, also nicht genug verdienen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, und auf Geld vom Staat angewiesen sind. Es sind vor allem noch niedrige Tätigkeiten, die auf dem Arbeitsmarkt angeboten werden. Außerdem haben wir noch viel zu viele Pendler.“ Die neuen Arbeitsplätze werden statistisch gesehen zum Großteil von Pendlern genutzt.

Doch der große Hype kommt mit dem neuen Flughafen. Da ist sich Franzke sicher und hat das Erdinger Moos bei München vor Augen. Will KW aber etwas von dem großen Kuchen abbekommen, „dann müssen wir noch einen ganz großen Ruck machen. Sonst landet alles in Berlin, und der Hype geht an uns vorbei.“ Noch ist KW eine Kleinstadt, in der die Geschäfte auf der Einkaufsstraße „Konsumkaufhaus“, „Billig, will ich!“, „Modeversteck“, „Heiße Kiste am Markt“ oder „Rückenoase“ heißen und ältere Männer in Latschen und Unterhemd über die Bahnhofstraße schlendern. Den Wohlstand einer prosperierenden Gemeinde wie im Erdinger Moos sucht man vergebens.

Mal eine Pizza für zehn Euro

Stefan Kötitz ist in Trittau im Speckgürtel von Hamburg aufgewachsen. Der 40-Jährige siedelte sich im Oktober 2007 mit einem Tochterunternehmen seines litauischen Maschinenbaubetriebs im Königs Wusterhausener Gewerbegebiet Am Möllenberg an. Die Löhne in Litauen waren zu hoch geworden, und die Investitionsförderung im Raum Schönefelder Kreuz in Höhe von 50 Prozent durch das Land Brandenburg lockten, begründet Kötitz seine Ortswahl. Nun will er expandieren. Gefertigt werden Vorrichtungen für den Automobilbau, gerade wird ein Großauftrag für BMW erledigt. 18 Mitarbeiter beschäftigt der Maschinenbauingenieur derzeit. Beruflich ist Kötitz wie auch sein Betriebsleiter Thomas Schank, der vor drei Jahren vom Saarland nach KW zog, sehr zufrieden. Mit dem Wohnumfeld aber hapert es noch. Was in Kötitz’ Heimatgemeinde Trittau selbstverständlich war, fehlt hier: Wohlstand. „Ich wohne in Groß Köris unweit meiner Firma. Das ist landschaftlich traumhaft. Es gibt aber nur Aldi und Penny. Ich würde mal gern eine gute Pizza für zehn Euro essen. Die gibt es aber nicht, weil die Kaufkraft gar nicht da ist.“

Kötitz hofft auf den Flughafenbau und kann bereits jetzt schon einen Vorteil daraus ziehen. Seit Kurzem fliegt Ryanair von Schönefeld ins litauische Kaunas unweit seines Stammbetriebes. „Besser geht es gar nicht. In zwei Stunden bin ich da. Früher brauchte ich elf Stunden.“ Da sind die ersten Anzeichen des Hypes.

"Wir müssen attraktiver werden"

Wie wichtig moderne Infrastruktur ist, weiß Bürgermeister Franzke so gut wie seine Amtskollegen Udo Haase (parteilos) in Schönefeld und Uwe Malich (Linke) in Wildau. Franzke steht in seinem Büro und zeigt von seinem Fenster auf das Nachbarhaus im grau-beigefarbenen, bröckelnden Rauputz. „Das kommt weg. Da bauen wir ein neues Rathaus.“ Er geht zum nächsten Fenster und zeigt auf Bäume, die das Flüsschen Notte säumen. Dahinter liegt die „hässliche Festwiese“. „Ein idealer Grund für hochwertige Wohnungen oder Stadtvillen. Wir müssen einfach attraktiver werden, damit auch Führungs- und Fachkräfte sich hier ansiedeln, wir ausreichend Wohnraum anbieten können“, sagt Franzke. „Das erfordert hartes Investieren. Wir haben ja noch nicht mal eine vollständige Breitbandversorgung. Selbst in unseren bürgerlichen Ortsteilen Senzig oder Neue Mühle brauchen die Einwohner noch ein Modem, um ins Internet zu kommen.“ Dass sich die Investitionen rechnen werden, zeige ja das Beispiel Erdinger Moos.

Doch derzeit ärgern sich die drei Bürgermeister über die eigene Landesregierung. Sie sehen ihre Investitionspläne durch das geplante Finanzausgleichsgesetz beschnitten. Reiche Kommunen sollen künftig Teile ihrer Einnahmen an ärmere Gemeinden abgeben. Die drei Flughafenkommunen gehören zu den einnahmestärksten 18 Gemeinden im Land Brandenburg. „Was nicht heißt, dass wir nur unser Geld im Keller zählen“, sagt Franzke verärgert.

Vor sechs Jahren waren Königs Wusterhausen, Wildau und Schönefeld wegen des Flughafenbaus als einer der 15 regionalen Wachstumskerne in Brandenburg und damit als Hoffnungsträger und Motor für die Region eingestuft worden. Die Einstufung war die Folge einer veränderten Förderpolitik im Land Brandenburg, die die Landesregierung 2004 anschob. Nicht mehr das Gießkannenprinzip, sondern gezielte, effektive Förderung hieß die Marschrichtung. Das hieß „Stärken stärken“ und eine bevorzugte Förderung durch das Land.

Bürgermeister gegen neues Gesetz

„Mit dem neuen Gesetz wendet sich die Landesregierung von ihrem Prinzip ,Stärken stärken‘ ab“, sagt Franzke. Sechs Millionen Euro müsste die Gemeinde Schönefeld bereits im nächsten Jahr abgeben. „Das bringt unsere gesamte Finanzplanung durcheinander“, schimpft Udo Haase. Klar sei er dafür, dass Reiche Arme unterstützen müssen. „Wir haben viel, aber wir haben auch gut gewirtschaftet und haben riesige Belastungen“, sagt Haase und nennt den Straßen- und Brückenbau, den S-Bahn-Anschluss Waßmannsdorf. „Wir müssen eine moderne Infrastruktur vorhalten. Schließlich liegt der Flughafen in unserer Gemeinde, wird der neue Messestandort für die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung gebaut. Wir machen das gern, aber das geht nicht, wenn uns so viel Geld weggenommen wird.“

Nimmt die Landesregierung den Flughafenkommunen einen erheblichen Anteil ihrer Einnahmen, da sind Haase und Franzke sich sicher, wird eine Entwicklung wie im Erdinger Moos ausgebremst.