Truppenübungsplatz

Bundeswehr gibt Bombodrom endgültig auf

Nun ist es offiziell: Die Bundeswehr räumt ihren Standort Wittstock komplett - auch den Truppenübungsplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide. Damit haben die Bombodromgegner endgültig gewonnen. Zwar hatte die Bundeswehr das Areal längst aufgegeben, aber bisher eine militärische Nutzung offen gelassen.

Der jahrelange Streit um die militärische Nutzung des nordbrandenburgischen Truppenübungsplatzes Kyritz-Ruppiner Heide ist beendet. Der Standort an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern wird komplett aufgegeben. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sagte am Mittwoch, eine Prüfung habe ergeben, dass für den Standort bei Wittstock nach dem Verzicht auf das Bombodrom als Luft-Boden-Schießplatz keine alternative Nutzung durch die Bundeswehr sinnvoll sei.

Damit endet die fast 18 Jahre währende Auseinandersetzung um das 12.000 Hektar große Areal. Die Freude ist aber gepaart mit der Unsicherheit um die künftige zivile Nutzung des Geländes. Während Tourismusunternehmen auf eine wachsende Zahl von Gästen setzen, ist unklar, wer für die Räumung des mit Munition verseuchten Naturschutzgebietes aufkommt. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) sagte: „Es kommt nun darauf an, kluge Konzepte für die friedliche Nutzung des zwar wertvollen, aber leider durch Munition verseuchten Naturschatzes zu entwickeln und schrittweise umzusetzen. Wichtig ist mir, den Bund als Eigentümer des Geländes nicht aus der Verantwortung für die Munitionsräumung zu entlassen.“

Der zuständige Bundeswehr-Kommandant, Oberstleutnant Thomas Hering, vermutet 1,5 Millionen Blindgänger im Boden des Bombodroms. Eine Komplettberäumung der Heide würde mindestens zwölf bis 15 Jahre in Anspruch nehmen und mindestens 400 Millionen Euro kosten. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte, zu den Kosten und einer möglichen Übernahme könnten derzeit keine Angaben gemacht werden. Guttenberg habe entschieden, das Areal an die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben zu übergeben.

„Wer soll das bezahlen?“

Wittstocks stellvertretender Bürgermeister Dieter Herm gab sich am Mittwoch zurückhaltend: „Bund und Land sind gefordert, uns finanziell zu unterstützen. Ich warne davor, Luftschlösser zu bauen, was Nachnutzungspläne angeht“, sagt Herm. „An eine komplette Entmunitionierung glaube ich nicht. Wer soll das bezahlen?“ Dass die Bundeswehr den Ort verlasse, sei ein herber Schlag für eine strukturschwache, wirtschaftlich gebeutelte Gegend. Das Potsdamer Verwaltungsgericht hatte Ende Juli 2007 die Nutzung der Kyritz-Ruppiner Heide als Bombenabwurfplatz untersagt. Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg bestätigte am 27. März 2009 das Urteil. Der damalige Verteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU) gab am 9. Juli 2009 den Verzicht auf den Bombenabwurfplatz bekannt. Derzeit beschäftigt die Bundeswehr auf dem Truppenübungsplatz noch 80 Mitarbeiter. Zudem soll die Luftraumbeschränkung für Wittstock aufgehoben und für den allgemeinen Flugverkehr freigegeben werden.

Kritik an einem möglichen Aus für den Bundeswehrstandort hatten zuvor stets die Bürgermeister von Wittstock mit Verweis auf die Steuereinnahmen von rund 1,5 Millionen Euro pro Jahr geübt. Außerdem habe die Bundeswehr jedes Jahr Aufträge an regionale Firmen in Höhe von 20 Millionen Euro vergeben. Und die Soldaten selbst hätten auch Geld in die Stadt gebracht, sagt Ulrich Nehls, der seit 15 Jahren im Wittstocker Zentrum ein Fahrradgeschäft betreibt. „Wenn Soldaten in den Laden kamen, haben sie gekauft, ohne nach dem Preis zu fragen.“ Bei Toni Diekmann, Inhaber des Restaurants „Marktstübchen“, knallten hingegen die Sektkorken. Erst am Mittwochmittag sei wieder ein Tiefflieger über die Stadt gedonnert. „Das schreckt Touristen ab – und die kommen“, sagt Diekmann.

Der Vizechef der Unternehmervereinigung „Pro Heide“, Bernd Purand, rechnet jetzt mit zahlreichen Investitionen in der Region. Im März habe sich eine kommunale Arbeitsgemeinschaft aus Bürgerinitiativen und Gemeinden gegründet, die Konzepte für die zivile Nutzung entwickelten. Auf den bislang von der Bundeswehr genutzten Wegen könnten geführte Wanderungen, Radtouren oder Kutschfahrten angeboten werden. Der Generalsekretär der CDU Brandenburg, Dieter Dombrowski, forderte die Landesregierung auf, ein konkretes Nutzungskonzept vorzulegen. „Es kann nicht sein, dass sich die Landesregierung seit Monaten bedeckt hält und jegliche Verantwortung auf die Bundesebene abwälzt.“ Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) sprach von einer sehr guten Nachricht für die Müritz-Region und für Nordbrandenburg. „Die Region lebt von einem sanften und naturnahen Tourismus.“ Der Verzicht der Bundeswehr erleichtere die Weiterentwicklung der Region.