Ein ehemaliger Stasi-Spitzel will Potsdam regieren: Der Linken-Politiker Hans-Jürgen Scharfenberg hat angekündigt, bei der Oberbürgermeister-Wahl im Herbst in der Landeshauptstadt anzutreten. Seine Partei hat bereits signalisiert, dass sie den 55-Jährigen spätestens im Sommer für das kommunalpolitische Amt nominieren wird. Interne Widerstände scheint es nicht zu geben. Seine Stasi-Vergangenheit sei bekannt, heißt es. Scharfenberg war bereits bei der OB-Wahl 2002 angetreten und unterlag damals gegen den SPD-Kandidaten Jann Jakobs nur knapp – zum Sieg fehlten ihm 122 Wählerstimmen.

Nach Bildung der rot-roten Landesregierung durch Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) sorgt die Stasi-Belastung von Linken-Kandidaten in Brandenburg jedoch bundesweit für Diskussionsstoff. Mehrere Abgeordnete der Linkspartei im Landtag wurden als ehemalige Stasi-Zuträger enttarnt. Scharfenberg gab seine MfS-Tätigkeit bereits 1995 zu, als er Fraktionschef in der Stadtverordnetenversammlung wurde. Der Landtagsabgeordnete hat aber anders als die Fraktionschefin im Landtag, Kerstin Kaiser, bislang auf eine detaillierte Darstellung seiner Stasi-Machenschaften verzichtet. Auf seiner Internetseite ist lediglich zu lesen: „Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit“. Der Linken-Politiker will auch künftig zurückhaltend mit seiner Verstrickung umgehen. Der Morgenpost sagte er: „Ich muss das ja nicht wie ein Schild vor mir hertragen.“

Oberbürgermeister Jakobs zeigt sich optimistisch, „dass die Mehrheit der Potsdamer einen früheren Stasi-Spitzel als Stadtoberhaupt nicht haben will“. CDU-Landeschefin Johanna Wanka sagte, ein Oberbürgermeister mit Stasi-Vergangenheit wäre für Potsdams Image schädlich. Die von der Birthler-Behörde freigegebene Akte umfasst rund 300 Seiten und zeigt, dass Scharfenberg keine Skrupel hatte, Kollegen und Freunde bei der Stasi anzuschwärzen. Dabei schreckte IM „Hans-Jürgen“ – so der selbst gewählte Deckname des Zuträgers – auch nicht vor pikanten persönlichen Einschätzungen zurück. Immer wieder berichtete Scharfenberg über sexuelle Präferenzen von Personen aus seiner Umgebung.

Scharfenberg, der sich im Juni 1978 in einer konspirativen Wohnung handschriftlich zur inoffiziellen Mitarbeit mit dem Mielke-Ministerium verpflichtete, äußerte sich wenige Monate später zur vermeintlichen Homosexualität eines Kollegen an der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften Potsdam-Babelsberg. An der Kaderschmiede für Staatsfunktionäre war IM „Hans-Jürgen“ in dieser Zeit als wissenschaftlicher Assistent tätig. Dort strebte er eine wissenschaftliche Laufbahn an. Daraus wurde nichts. Er blieb aber an der Akademie, ab Ende 1985 als hauptamtlicher SED-Kader.

Über eine Kollegin berichtete Genosse Scharfenberg seinem Stasi-Führungsoffizier: „Sie ist ein offenherziger, geselliger Mensch, man könnte das teilweise als geschwätzig bezeichnen.“ Und weiter: „Ihre Beziehungen zum anderen Geschlecht sind schwer einschätzbar. Aber sie scheint offensichtlich in der Richtung etwas gehemmt zu sein.“ Einen Kollegen mit Doktorgrad stufte IM „Hans-Jürgen“ als „Weiberheld“ ein. Seine „Beziehungen zu den Sekretärinnen bewegen sich an der Grenze des Vertretbaren“, gab er zu Protokoll. Bereits früher, als der Kollege noch im Wohnhaus untergebracht war, heißt es in den Unterlagen weiter, „gab es Exzesse mit Frauen“. Offenbar, so schlussfolgerte Scharfenberg, können die Familienverhältnisse von diesem Akademiker nicht in Ordnung sein.

Der IM berichtete der Stasi ausweislich seiner Akte aber auch über offensichtliche Geldschwierigkeiten von Kollegen („er leiht sich immer wieder einen kleineren Geldbetrag bis 20 Mark aus“, „seine Ehefrau kann mit Geld nicht umgehen“). Selbst über einen Nachbarn, der die DDR verlassen wollte, lieferte Scharfenberg nützliche Informationen. Er teilte dem Geheimdienst mit, bei dem Antragsteller handele es sich um einen selbstständigen Handwerker aus seinem Wohngebiet, der aus Verärgerung über abgelehnte Reiseanträge zurück in die BRD wolle. Dort hatte seine Mutter gelebt, zu deren Beerdigung er laut Scharfenberg nicht fahren durfte. Ende 1985 sortierte die Stasi den IM aus, weil er zum stellvertretenden Parteisekretär an der Akademie aufstieg.