Wer bei einem Potsdamer Facharzt seiner Wahl einen Termin machen will, muss oft lange warten. „Die Wartezeiten haben Dimensionen erreicht, die nicht mehr akzeptabel sind, zum Beispiel beim Augenarzt“, beklagt sich eine Potsdamerin. „Am 1. Juli 2014 habe ich mir einen Termin für März 2015 reservieren lassen. Wartezeiten von neun Monaten sind inzwischen normal.“ Komme man bei Notbedarf ohne Anmeldung, könne man gut vier Stunden im Wartezimmer zubringen.
Die Seniorin, die sich in einem Brief an die Potsdamer Demokraten in der Stadtverordnetenversammlung gewandt hat, ist nicht die Einzige, die von zu langen Wartezeiten berichtet. Dabei hat Potsdam offiziell mehr Fachärzte als eigentlich benötigt. Die Landeshauptstadt gilt – wie die meisten Orte im direkten Umland von Berlin – im Fachjargon als „überversorgte Region“. Nur ein Einzelfall also? Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) sagt Nein.
„Wenn kein medizinisch dringender Fall vorliegt, kann es schon einmal sein, dass ein Patient Monate warten muss, ehe er seinen Termin hat“, bestätigt der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung, Christian Wehry, auf Anfrage der Berliner Morgenpost. Statistisch gesehen gebe es in Potsdam bei allen Facharztgruppen eine Überversorgung. „Die Patienten fragen sich: Warum muss ich mich dann trotzdem so lange gedulden?“, so Wehry und gibt auch die Antwort: „Die Bedarfsplanung für die ärztliche Versorgung basiert auf statistischen Zahlen. Sie ist aber realitätsfern und funktioniert so nicht.“ Denn nicht nur die Potsdamer gehen zum Arzt, viele Patienten fahren aus dem Umland in die Landeshauptstadt. Gerade zu Fachärzten. „Auch viele, die in Potsdam arbeiten oder studieren, suchen sich ihren Arzt dort“, sagt Wehry. All diese Patienten tauchen aber in keiner Statistik auf. Denn die Bedarfsplanung orientiere sich an der Einwohnerzahl. Danach liegt Potsdam bei der Versorgung an der Spitze in Brandenburg: Ein Facharzt steht in der Landeshauptstadt 699 Einwohnern zur Verfügung, in Spree-Neiße hingegen betreut er 2290 Bewohner. Das Land Brandenburg ist nach Angaben der KV mit einem Facharzt für 1404 Patienten bundesweit am schlechtesten aufgestellt. Berlin hingegen liegt nach Bremen an zweiter Stelle. Pro 800 Einwohner gibt es hier einen Facharzt.
In Potsdam gibt es laut einer aktuellen Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung 15 Augenärzte, nach dem errechneten Bedarf sind das zwei zu viel. Bei 26 Frauenärzten in der Stadt sollte eigentlich eine Praxis geschlossen werden. 17 Kinderärzte haben sich im wachsenden, bei jungen Familien beliebten Potsdam niedergelassen – sechs mehr als offiziell nötig. Es gibt neun Hautärzte, acht würden laut Bedarfsplan genügen. Und von den 76 Psychotherapeuten sind 18 über dem Soll. Statistisch gesehen ist Potsdam tatsächlich sehr gut versorgt.
Servicestellen zur Terminvergabe
Die Kassenärztliche Vereinigung, in der alle Vertragsärzte vertreten sind, warnt davor, dass sich die Situation in Städten wie Potsdam künftig eher verschlechtern könnte. Der Grund sind Pläne von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Der Vorentwurf des sogenannten Versorgungsstärkungsgesetzes sieht vor, dass die KV frei werdende Arztsitze in den überversorgten Ballungszentren aufkauft – und diese Praxen damit vom Markt sind. Gröhe erhofft sich davon, dass sich verstärkt Ärzte in den ländlichen Gebieten niederlassen. Denn dort werden sie dringend gebraucht. Sein Argument: „Es gibt genügend Ärzte, sie sind bundesweit nur falsch verteilt.“
In Brandenburg fehlen laut KV derzeit mehr als 60 Haus- und Fachmediziner. In der Prignitz werden Hautärzte gesucht, in Elsterwerda, Bad Liebenwerda, Finsterwalde (Elbe-Elster) und Lauchhammer (Oberspreewald-Lausitz) gibt es zu wenig Augenärzte. Die KV und Krankenkassenverbände haben sich jüngst darauf geeinigt, weiterhin bis zu 50.000 Euro „Lockprämie“ zu zahlen. Seit 2006 bekommen Mediziner eine Anschubfinanzierung, wenn sie sich in Brandenburg in Gebieten niederlassen, die unterversorgt sind oder in denen eine sogenannte Unterversorgung droht. Bei der Übernahme einer Praxis erhalten die Ärzte 25.000 Euro, bei einer Praxisneugründung 20.000 Euro. Eröffnet der Mediziner eine Zweitpraxis, bekommt er 7500 Euro. Zusammen mit den Fördermitteln aus dem Strukturfonds der KV Brandenburg kann ein Zuschuss von bis zu 50.000 Euro gewährt werden.
Bundesgesundheitsminister Gröhe hat mit seinem geplanten Gesetz auch vor, die Wartezeiten für Patienten zu verkürzen. Geregelt werden soll das über Terminservicestellen bei der KV. Sobald eine Überweisung des Hausarztes vorliegt, muss die KV innerhalb einer Woche einen Termin bei einem Facharzt vermitteln, so der Plan. Die Wartezeit für den Termin darf dann vier Wochen nicht überschreiten. Der Facharzt muss in zumutbarer Entfernung angesiedelt sein. Gelingt das nicht, kann sich der Patient im Krankenhaus behandeln lassen. Die KV soll die Terminservicestellen bis 1. Januar 2016 aufbauen. Sprecher Wehry ist skeptisch: „Es besteht die große Gefahr, dass damit ein weiteres bürokratisches Ungetüm im Gesundheitswesen gebildet wird.“ Unklar ist auch, wer die Servicestellen finanziert.



