Das Potsdam-Museum im Alten Rathaus. Passender hätte die SPD Brandenburg den Ort für ihre Wahlparty nicht wählen können. Denn es bleibt alles beim Alten, zumindest an der Spitze des Landes. So feiern die märkischen Sozialdemokraten schon so etwas wie einen musealen Sieg. Sie haben auch diese sechste Landtagswahl gewonnen. Die Umfragen sagten einen so klaren Vorsprung voraus, dass sich Dietmar Woidke, der alte und neue Ministerpräsident, eigentlich schon um 18 Uhr hätte sehen lassen können. Doch als die ersten Prognosen mit 32,5 Prozent über die Schirme flatterten, jubelten die Sozialdemokraten erst einmal ohne ihn. Kurz vor 18.30 Uhr kommt er dann. Nicht zu übersehen, mit seinen 196 Zentimetern, bahnt Dietmar Woidke sich zusammen mit seiner Frau Susanne den Weg durch die Menge.

Die graugrünen Augen blitzen, das Lächeln fast ein wenig triumphierend. Wer aber genau hinsieht, bemerkt, dass er die Lippen immer wieder kurz zusammenpresst. So, als wolle er seine unbändige Freude im Zaum halten. „Es ist ein wunderbarer Abend für die Sozialdemokratie“, ruft er. „Wir haben geschafft, was ich persönlich vor zwölf Monaten nicht für möglich gehalten hätte: Wir sind weiterhin die Brandenburg-Partei.“

Unter den ersten Gratulanten sind die beiden früheren Ministerpräsidenten Manfred Stolpe und Matthias Platzeck. Auch der Berliner Landeschef Jan Stöß ist da und wird Woidke gleich umarmen. Platzeck strahlt, als wäre er selbst der Gewinner. „Dietmar Woidke hat innerhalb eines Jahres Tritt gefasst“, sagt Platzeck. „Er ist nicht nur der Ministerpräsident, er ist auch der Landesvater in Brandenburg.“ Manfred Stolpe spricht „von einer erstaunlichen Leistung“.

Der 52-jährige Brandenburger ist aber keiner, der seinen Gefühlen freien Lauf lässt. Er redet nur kurz und löst sich auch schnell aus den Umarmungen – um dann hinüber zum Landtag zu eilen, wo die Fernsehsender auf ihn warten. Anders als bei seiner Wahl zum Ministerpräsidenten im vorigen Jahr konnte er diesen Tag sichtlich genießen. Für den bodenständigen Woidke aus dem kleinen Naundorf bei Forst in der Lausitz dürfte dieser erste eigene Sieg die Bestätigung dafür zu sein, dass er doch der Richtige für die SPD ist.

„Riesiger Respekt“ vor der Aufgabe

Als der Lausitzer am 28. August 2013 die Nachfolge von Matthias Platzeck antrat, schien er es selbst noch gar nicht glauben zu können. Nach fast elf Jahren an der Macht hatte sich der unangefochten regierende Platzeck überraschend zurückgezogen. Ein Schock für die Partei. Nach einem Schlaganfall wollte er endlich kürzer treten. Der 60-Jährige wird auch im Landtag nicht mehr dabei sein. Dietmar Woidke hatte nicht nach diesem Amt gestrebt. Im Gegenteil: Er zeigte stets „riesigen Respekt“ vor der Aufgabe. Auch wenn zwischen Platzeck und ihm im vertraulichem Gespräch längst ausgemacht war, dass er einmal Ministerpräsident werden soll, so traf ihn der Zeitpunkt unerwartet.

Wie unerwartet, war am Gesicht seiner Frau abzulesen. Als ihr Mann im Landtag als Regierungschef vereidigt wurde, war das für Susanne Woidke kein freudiger Tag. Die Familienplanung sah gemeinsame Urlaube vor, ab und zu ein ruhiges Wochenende zuhause in Forst. Daraus wurde nun nichts. Außerdem schien Woidke im Amt des Innenministers seine Erfüllung gefunden zu haben. Im September 2010 war der Platzeck-Vertraute Rainer Speer über eine private Unterhaltsaffäre gestolpert, er trat die Nachfolge an.

Nachfolge war Genugtuung für ihn

So war Woidke – eher als gedacht – an den Kabinettstisch zurückgekehrt. Nach den Landtagswahlen 2009 hatte Platzeck seinen bisherigen Umwelt- und Agrarminister zunächst nicht mehr in sein Kabinett berufen. Das schmerzte. Auf Wunsch Platzecks übernahm er stattdessen den Vorsitz der SPD-Fraktion. Dass ausgerechnet er, der in den SPD-Rotwein-Kungel-Runden nichts zu suchen hatte, dann auch noch das Rennen um die Platzeck-Nachfolge machte, war eine Genugtuung für ihn.

Auch wenn ein Freudenausbruch nicht zu ihm passt: An diesem Abend im Alten Rathaus von Potsdam präsentiert sich dennoch ein gelöster Woidke seinen Anhängern und Wahlkampfhelfern. Der promovierte Diplom-Agraringenieur wirkt längst nicht mehr so spröde wie noch vor diesem Sommer. Wochenlang tingelte er durchs Land, schüttelte Hände, hörte zu – und warb unaufgeregt für die Wiederwahl der SPD. An manchen Morgen konnte er kaum mehr sprechen, so heiser war er. Dabei setzte die SPD nicht auf die großen Kundgebungen wie CDU-Herausforderer Michael Schierack. Noch nie hat Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel in Brandenburg so in einen Wahlkampf eingegriffen wie dieses Mal. Die Union schaffte es immerhin, die Linke auf den dritten Platz zu verweisen.

Gute-Laune-Wahlkampf mit Country-Musik

Das alte Wahlkampfteam von Matthias Platzeck schnitt auf Woidke das bewährte Wahlkampf-Muster zu, wie einst auf Platzeck. Es wurde ein Gute-Laune-Wahlkampf mit Strohballenfesten und Country-Musik auf dem Dorf. Ohne viel Polit-Prominenz. Das Motto des Spitzenkandidaten: „Ich will, dass Brandenburg so bleibt, wie es ist“. Dabei gibt es genügend Probleme zu lösen, die von Rot-Rot unbewältigt blieben. Der Unterrichtsausfall an den Schulen ist gestiegen, die Einbrüche im Umland von Berlin reißen nicht ab, in der Grenzregion zu Polen machen Einbrecherbanden die Dörfer und Städte unsicher. Seine Konkurrenten machten es Woidke leicht: Der Linke-Spitzenkandidat Christian Görke wie auch CDU-Herausforderer Michael Schierack waren beide sehr darauf bedacht, ihn ja nicht zu ärgern.

Ob der Brandenburger CDU-Chef Michael Schierack sein Ziel erreicht, Rot-Rot bereits nach ihren ersten fünf Jahren abzulösen, hängt nun vom künftigen Ministerpräsidenten ab – und den innerparteilichen Konsequenzen der Linken auf ihren heftigen Absturz. Am Montag werden die SPD-Parteigremien beschließen, wann und mit wem die Sondierungsgespräche für eine mögliche Regierungsbeteiligung beginnen. „Wir werden mit den Linken und der CDU Gespräche führen“, kündigt Woidke noch am Sonntagabend an.

Unwägbare Lage bei den Linken

Bislang allerdings deutete vieles auf eine Fortsetzung der rot-roten Koalition hin. Unüberwindbare Positionen gibt es mit beiden Parteien nicht. Bei den Linken könnte es beim Zeitplan für den Braunkohleabbau knirschen, zudem fordert sie die Einführung einer Gemeinschaftsschule. Mit der Union könnte es Streit um die Kommunalreform und weitere Investitionen in Sicherheit und Bildung geben. Bei den Linken bleibt eine nicht zu unterschätzende Unwägbarkeit: Sollte sie mit der SPD in den nächsten Wochen einen Koalitionsvertrag aushandeln, müssen ihre Mitglieder der Grundlage für die Regierungsarbeit in einer Befragung zustimmen. So ist es zumindest geplant. Ihre erste Regierungsbeteiligung in Brandenburg hat sie massiv Wählerstimmen gekostet. Die Basis könnte daher erneute Zugeständnisse verweigern. Ein Risiko, das Woidke vielleicht doch nicht eingehen will.