Das Feiern müssen sie noch üben. Erst versagte auf der Wahlparty des brandenburgischen Landesverbandes der Alternative für Deutschland (AfD) der Ton der Fernsehübertragung für die Prognosen, dann fehlten dem potenziellen Gewinner des Abends, dem Landesvorsitzenden Alexander Gauland, die Worte. Gut 200 AfD-Mitglieder hatten sich am Alten Markt in der historischen Mitte Potdams versammelt, um ein sensationelles Ergebnis zu feiern. Als es endlich per Mikro ausgerufen wurde: „Zweistellig!“ brachen die Anwesenden tatsächlich kurz in Jubel und rhythmisches Klatschen aus.
Doch dann richteten sie – die meisten waren Herren im gesetzten Alter und in dunklen Anzügen – ihre Aufmerksamkeit wieder nach vorn, wo der Landesvorsitzende dann doch noch Worte fand. Er richtete seinen Dank an Wähler und Mitstreiter – und fand den für einen 73-Jährigen durchaus denkwürdigen Satz: „Für mich ist heute der glücklichste Tag in meinem Leben.“ Ganz unerwartet kam das Wahlergebnis der AfD nicht.
Viele hatten bis zum letzten Moment auf der Straße für ihre Partei geworben, wohl auch motiviert durch Umfragen und das Wahlergebnis in Sachsen, wo die erst 2013 gegründete Partei gerade in den Landtag einzog. Auch Berliner Parteifreunde hatten die Brandenburger unterstützt. So auch am Sonntag auf der Großdemonstration gegen Antisemitismus am Pariser Platz.
Mit blauen Wahlkampf-Luftballons waren die AfD-Politiker dort erschienen – und falls sich mancher gefragt haben sollte, ob eine solche Demonstration tatsächlich der richtige Ort war für den Wahlkampf einer Partei, die bewusst mit dem politisch rechten Rand liebäugelt: Man wird wohl mit solcherlei Auftritten jetzt öfter rechnen müssen. Denn genau diese Art Grenzüberschreitung gehört zum Kalkül der Partei. Es geht vor allem um Aufmerksamkeit.
„Wir werden von Wählern der SPD und der Linken gewählt“, konstatierte Bundes-Parteichef Bernd Lucke auf der Wahlparty der Brandenburger und bekam jubelnden Beifall bei dem Satz: „Die AfD passt in kein Rechts-Links-Schema, sie lässt sich nicht einordnen.“ Offenbar war es das, was vielen Wählern gefiel. Bestand das Programm der AfD im Europa-Wahlkampf noch vor allem aus Kritik an der Europa-Politik der deutschen Regierung, setzte die Partei in den Landeswahlkämpfen auf das Motto: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“
Gegen Flüchtlingsheime, für sichere Grenzen
Da ging es gegen Flüchtlingsheime, um den Schutz der deutschen Grenzen. Zuletzt auch darum, dass in der DDR nicht alles schlecht gewesen sein kann, etwa der Haushaltstag oder, ausgerechnet, die innere Sicherheit. Schließlich wurde in zwei „neuen“ Bundesländern gewählt.
Kein Wunder also, dass die AfD ihr stärkstes Ergebnis im Landkreis Oder-Spree II südlich von Frankfurt (O.) erzielte. In der Grenzregion erhielt sie 21,3 Prozent der Zweitstimmen.
Wie weit jenseits des politischen Mainstreams die AfD liegt, ließ die Partei im Wahlkampf geschickt offen. Nur, weil jemand „für kurze Zeit Mitglied in einer rechten Partei“ gewesen sei, werde niemandem die AfD-Mitgliedschaft verweigert, hatte Gauland noch kurz vor der Wahl in einem Interview gesagt.
Und er wandte sich gleichzeitig an die Wähler der Linkspartei, doch einmal zu „versuchen“, AfD zu wählen: „Auch Sie galten einst als Linksextremisten, als Sie in die Politik des vereinigten Deutschlands eintraten.“ An anderer Stelle zog er gegen die Ideologie der „68er“ oder auch „überbordenden Feminismus“ zu Felde. Nicht allen passte das, nicht alle Kritik wurde auf demokratischem Weg vorgetragen. In der Nacht zu Sonntag verübten Unbekannte einen Anschlag auf die Praxis des AfD-Direktkandidaten in Frankfurt (Oder).
Nun werden Gauland und seine Parteifreunde zeigen müssen, wie sich ihr Wahlkampf-Slogan „Mut zu Brandenburg“ in die Wirklichkeit übersetzen lässt. „Ich weiß, wir haben jetzt große Verantwortung“, sagte Gauland. „Wir müssen noch viel lernen, denn wir sind in der Politik alle noch neu.“
Mehr als 40 Jahre in der CDU
Letzteres ist zumindest in Bezug auf seine eigene Person tiefgestapelt. Er gehörte mehr als 40 Jahre zum konservativen Flügel in der CDU, leitete 1987 bis 1991 die hessische Staatskanzlei und war von 1991 bis 2006 Herausgeber der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ in Potsdam, wo der gebürtige Chemnitzer auch lebt. Als Publizist mischte Alexander Gauland gerne in den großen Debatten mit. Künftig wird er sich vom Rednerpult im brandenburgischen Landtag aus zu Wort melden. Der konservative Intellektuelle wehrt sich gegen den Verdacht, ein Rechtspopulist zu sein. Er wende sich „ausdrücklich nicht an Menschen mit rechtsextremem Gedankengut“, beteuerte er im Wahlkampf immer wieder. Dass eine solche Klarstellung überhaupt nötig war, hatte auch mit Gaulands Wahlkampfthemen zu tun: Kampf gegen Grenzkriminalität, zeitweilige Wiedereinführung von Grenzkontrollen, Begrenzung von Zuwanderung, Pflege konservativer Familienleitbilder.
Was Gauland als „vernunftorientierte Positionen“ bezeichnet, ist für Kritiker eher ein Fischen am rechten Rand. „Bestimmte Dinge werden in diesem Land nicht mehr angesprochen“, erklärte Gauland am Sonntagabend seinen Wahlerfolg. „Wir aber haben sie sehr deutlich angesprochen.“ Punkten konnte er damit rechts ebenso wie links: Einer ARD-Analyse zufolge wanderten jeweils 19.000 frühere Wähler von CDU und Linkspartei zur AfD ab. Den kleineren Rest machten Ex-FDP-Wähler und frühere Nichtwähler aus.
Die Ränder des Landkreises
Für andere AfD-Mitglieder dürfte sich tatsächlich einiges ändern. Andreas Galau zum Beispiel ist Vorsitzender des Kreisverbandes Oberhavel und war bisher Freizeitpolitiker. Er arbeitet als Beamter in der Berliner Senatsverwaltung und wird nun im brandenburgischen Landtag sitzen. 20 Jahre war er Mitglied der West-Berliner FDP. Ab jetzt will er sich als AfD-Abgeordneter um Themen wie Straßenbau, Internet und ärztliche Versorgung auf dem Land kümmern.
Der Wahlkampf habe ihn an die Ränder seines Landkreises geführt, in dem er heute lebe, sagt Galau. „Die Zustände in der Peripherie sind unglaublich, das ahnt man als Städter nicht.“ Ähnlich wie Galau dürfte es vielen AfD-Politikern gehen. Bisher saß seine Partei lediglich mit sieben Abgeordneten im frisch gewählten Europarlament. Seit September ist sie auch im sächsischen Landtag vertreten, nun folgen Brandenburg und Thüringen.
mit AFP





