Die Brandenburger stehen der Politik generell distanziert gegenüber. Nicht einmal jeder Zweite gab am Sonntag bei den Landtagswahlen seine Stimme für eine der Parteien ab. Damit reihen sich die Märker hinten in die Liste der niedrigen Wahlteilnahmen in ostdeutschen Bundesländern ein. Auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern war die Beteiligung an den jüngsten Landtagswahlen nicht viel größer. Das Minus bei der Brandenburger Wahlbeteiligung 2014 rührt vor allem daher, dass die Bürger 2009 parallel zum Landesparlament auch den Bundestag bestimmen durften. Ein realistischer Wert waren weniger die 67-Prozent-Beteiligung von 2009 als die 56 Prozent von 2004. Historisch tief ist die Brandenburger Wahlbeteiligung aus diesem Herbst jedoch nicht. Den Minusrekord halten ihre Nachbarn aus Sachsen-Anhalt mit 44,4 Prozent bei den dortigen Landtagswahlen von 2006.

Unter der knappen Hälfte der 2,1 Millionen Brandenburger Wahlberechtigten, die ihre Stimme abgegeben haben, hat die SPD auch mit Dietmar Woidke ihren Stand als dominante politische Kraft deutlich behauptet. Der Mann aus Forst an der Oder hat es geschafft, das Ergebnis seines Vorgängers Matthias Platzeck annähernd zu wiederholen. Womöglich ist diese Vormachtstellung der Sozialdemokraten im Land auch ein Umstand, der die Menschen nicht gerade an die Urnen treibt. Wo die Frage, wen sich die seit 1990 regierende SPD für vier weitere Jahre als Juniorpartner erwählen möchte, das spannendste politische Thema ist, herrscht nicht eben wahlmotivierende Spannung.

Zudem geben in den Umfragen die meisten Brandenburger an, mit ihrer ökonomischen Lage zufrieden zu sein und auch sonst an der Entwicklung des Landes wenig auszusetzen zu haben. Und Parteienstreit finden die Brandenburger noch weniger gut als die Deutschen generell. Dennoch: Die Sozialdemokraten haben am Sonntag auch das zweitschwächste Ergebnis ihrer Geschichte in Brandenburg eingefahren. 2004 waren die Sozialdemokraten noch ein bisschen schlechter. Platzeck hatte zwei Jahre zuvor das Erbe des Über-Vaters Manfred Stolpe angetreten und es gelang ihm, die rot-schwarze Koalition gegen starke Linke zu erneuern.

Der Linken widerfuhr nach fünf Jahren im Kabinett das, was kleineren Regierungspartnern schon oft passiert ist. Der größere Bündnispartner steht im Mittelpunkt und erntet die Erfolge. Der kleinere wird abgestraft. Insgesamt hat die Regierungskoalition von Dietmar Woitke alles andere als gewonnen an diesem 14. September.

In ihrer Hochburg Brandenburg haben die Linken unter Finanzminister Christian Görke enorm verloren. Protestwähler dürften sich Richtung Alternative für Deutschland (AfD) oder in die Wahlenthaltung verabschiedet haben. 2009 noch bei 27 Prozent und annähernd auf Augenhöhe mit den Sozialdemokraten, wären die Kräfteverhältnisse jetzt in einer Neuauflage eines rot-roten Bündnisses völlig anders. Nach einem Verlust von fast einem Drittel der Prozentpunkte wird in Brandenburg in der Linkspartei die Debatte über den Sinn und Unsinn von Regierungsbeteiligungen und den damit verbundenen Abweichungen von der reinen Lehre ausbrechen.

CDU kann nicht wirklich zufrieden sein

Die CDU um den Spitzenkandidaten Michael Schierack, der in Cottbus I den Wahlkreis von SPD-Bildungsministerin Martina Münch eroberte, hatte sich erhofft, etwas näher an die SPD heranzukommen. Das überragende Resultat der Bundestagswahlen vor einem Jahr, wo die CDU die SPD mit 34,8 zu 23,1 Prozent abhängte, hatte zeitweise den Optimismus geweckt, ein Kopf-an-Kopf-Rennen könnte möglich sein. Aber andererseits haben die Christdemokraten mit 23 Prozent das beste Wahlergebnis seit 1999 erzielt. Damals holten sie unter dem aus Berlin importierten ehemaligen Innensenator Jörg Schönbohm 26,5 Prozent. Die CDU hat die Linke als zweitstärkste Kraft im Land abgelöst. Jetzt können sich die Christdemokraten Hoffnungen machen, mit der SPD zu regieren. Dann hätten sie ihr Wahlziel, Rot-Rot abzulösen, erreicht.

Den Grünen ist es gelungen, sich auch in dem für sie strukturell in weiten Teilen schwierigen Flächenland Brandenburg zu etablieren. Dank ihrer relativen Stärke in Potsdam, einigen Wahlkreisen im Berliner Speckgürtel und wenigen grünen Inseln im weiten Land sind die Bündnisgrünen erneut in den Landtag eingezogen, wenn auch nur knapp. Ihre Themen wie der Kampf gegen die Massentierhaltung oder gegen die Tagebaue in der Lausitz zogen nur bei der Minderheit der Wähler. Für die meisten waren Bildung, Wirtschaft, Arbeitsplätze und soziale Gerechtigkeit ausschlaggebend für ihre Wahlentscheidung.

Wähler wanderten von FDP und Linken zur AfD

Die FDP ist auch in Brandenburg im Kreis der sonstigen Parteien aufgegangen. Dafür stieg die AfD zum echten landespolitischen Faktor auf und schnitt in Brandenburg noch einmal deutlich besser ab als zuvor in Sachsen oder zeitgleich in Thüringen. Erste Resultate legten eine Wanderung enttäuschter FDP-Wähler, aber auch vieler bisheriger Linken-Anhänger zur neuen Kraft nahe.

Die Verteilung der Direktmandate sieht 2014 deutlich anders aus als vor fünf Jahren. 2009 hatten die Linken mehr Wahlkreise geholt als die SPD, obwohl diese bei den Zweitstimmen vorne lag. Gerade östlich von Berlin, aber auch in der Prignitz und im Süden des Landes siegten linke Direktkandidaten. Die meisten der zuletzt 21 Wahlkreise fielen jetzt an die SPD. Aber auch die CDU konnte in der Fläche zulegen und ihre Hochburgen im Speckgürtel westlich von Berlin, in der Lausitz und in Elbe-Elster im äußersten Süden des Landes verteidigen.