20.15 Uhr, die Talkrunde im RBB beginnt. Alle drei Kandidaten haben ihre Position eingenommen. Bislang gab es in Brandenburg einen Kuschelwahlkampf, erleben wir jetzt, beim einzigen Aufeinandertreffen der Spitzenkandidaten, endlich die erste, heiße Schlacht?

Den Moderatoren Dirk Platt und Tatjana Jury sitzen Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), sein Herausforder, der CDU-Spitzenkandidat Michael Schierack, und Christian Görke, der Spitzenkandidat der Linken, gegenüber. Der zurückhaltende Partnerlook lässt auf Harmonie tippen: Alle drei sind im blauem Anzug und weißem Hemd gekommen. Nur der Ministerpräsident hebt sich ab, der trägt eine blau-weiß-gestreifte Krawatte.

Görke will Woidke nicht ablösen

Das erste Wort beim einzigen Zusammentreffen der Spitzenkandidaten der großen Parteien vor der Landtagswahl in Brandenburg am kommenden Sonntag hat Christian Görke von den derzeit mitregierenden Linken. „Was können Sie besser als der amtierende Ministerpräsident?“ Görke antwortet: „Im Gegensatz zu meinem Kollegen“ – er meint CDU-Kandidat Schierack – „bin ich eher Realist.“ Er wolle erst in fünf Jahren wieder gefragt werden, ob er Ministerpräsident werden wolle.

Die Linke ist mit Görke an der Spitze nicht in diesen Wahlkampf gezogen, um den Regierungschef abzulösen. Ihr Ziel ist es, weiter mitzuregieren. Die Umfragen sehen die SPD erneut vorne, wie seit 1990 bei allen Landtagswahlen. 33 Prozent werden ihr vorausgesagt, die CDU folgt auf Abstand mit 25 Prozent. Sie überholt damit die Linke, die nach ihrer ersten Regierungsbeteiligung mit nur mehr 21 Prozent rechnen kann. Der Linke-Chef Christian Görke hat mit dem ersten Satz zwei Dinge klar gemacht: Er macht keinen Wahlkampf gegen die SPD. Und er wird in diesen 45 Minuten nur einen angreifen: Michael Schierack von der CDU, den Konkurrenten als möglicher Koalitionspartner.

Herausforderer Michael Schierack weiß, was er als Ministerpräsident besser machen könnte. „Ich bin Quereinsteiger, kann zuhören und mit den Menschen sehr gut umgehen“, sagt der Cottbuser Orthopäde und CDU-Landtagsabgeordnete. Im Wahlkampf hat Michael Schierack den Namen Woidke teilweise nicht einmal in den Mund genommen. Heute greift er nicht nur Rot-Rot an, sondern auch den Regierungschef persönlich. Aber immer in moderatem Ton. „Ich hätte Ihnen gern gesagt, dass ich sie bewundert habe, wie sie standgehalten haben, als Platzeck damals Rot-Rot eingefädelt hat“, sagt Schierack. Denn Woidke stand 2009 der stasibelasteten Linken skeptisch gegenüber. „Und nun wollen Sie als Ministerpräsident Rot-Rot fortführen. Das verstehe ich nicht.“

Kein geborener Wahlkämpfer

Der 47-Jährige Arzt wirkt souverän in dieser Runde. Auch wenn er nicht der geborene Wahlkämpfer ist. Waren seine ersten Auftritte im Wahlkampf noch ungelenk, so hat Michael Schierack in diesem Wochen sogar das Angreifen gelernt. Er wirft Rot-Rot vor, die Steuer-Mehreinnahmen – „Brandenburg verdankt sie der Politik unserer Kanzlerin“ – nicht richtig investiert zu haben: in mehr Polizisten, Lehrer und Erzieherinnen. Die Brandenburger fühlten sich nicht mehr sicher, der Unterrichtsausfall sei dramatisch gestiegen. In der Diskussion um den Pannen-Flughafen BER greift er Woidke ebenfalls an. Er kümmere sich nicht genug. „Wenn ich Ministerpräsident bin, werde ich den Flughafen zur Chefsache machen“, sagt Schierack. Aber auch er wolle nicht in den BER-Aufsichtsrat gehen, dort würden Fachexperten gebraucht. „Der Linke jedenfalls“, sagt er, „kann es nicht.“ Christian Görke sitzt als Finanzminister in dem Kontrollgremium.

Ministerpräsident Dietmar Woidke lässt offen, ob er nach einer erfolgreichen Wahl nicht doch in den Aufsichtsrat geht, oder sogar den BER-Vorsitz übernimmt. Er lässt auch offen, mit wem er künftig zusammen arbeiten möchte. Die Talkrunde bringt Schnittpunkte mit beiden Parteien zutage. Nur einmal, da wird ein Dissens zwischen SPD und Linken deutlich. Der Linke Christian Görke stellt den Ausstieg aus der Braunkohle bis 2040 in Aussicht, er sehe es nicht kommen, dass ein neues Kraftwerk entsteht. Woidke widerspricht. „Wir werden herkömmliche Energieträger solange brauchen, wie die Rundum- Versorgung mit erneuerbaren Energien nicht gelingt“. Das werde noch länger dauern.

Zweimal patzen die Kandidaten. Auf die „Entweder-Oder-Frage“, ob er bei Konflikten entweder putschen oder abtauchen würde, antwortet CDU-Kandidat Schierack: „Abtauchen“. Als die Kamera aus ist, erklärt er: „Ich meinte damit, es ist immer besser, sich erst mal zurückzuziehen.“ Finanzminister Görke schwelgt so in den vermeintlichen Erfolgen der Linken, dass er aus Versehen behauptet, das mit über 18 Milliarden Euro verschuldete Brandenburg habe keine Schulden mehr. Dietmar Woidke, der Ministerpräsident, ist beim Thema BER teilweise schwer zu bremsen. Doch er lässt sich kein einziges Mal aus dem Konzept bringen. Eine Kuschel-Talkrunde war es nicht, aber eben eine Talkrunde a la Brandenburg. Der Märker mag die politischen Streitereien sowieso nicht.