Wahlkampf

Unions-Chef Schierack zieht mit Hocker durch die Mark

Der Cottbuser Orthopäde Michael Schierack will Ministerpräsident in Brandenburg werden. Aber er hat nur geringe Chancen. In Wustermark stellt Schierack sich vor – als Familienmensch.

Foto: Bernd Settnik / dpa

Ganz an den Rand stellt er sich, der Spitzenkandidat. Die Hände ineinander verschränkt, der Blick geht ins Weite. Michael Schierack will den Hauptpart bei dieser Wahlkampfveranstaltung offenbar anderen überlassen: der Falkenseer CDU-Direktkandidatin Barbara Richstein, dem CDU-Kreischef im Havelland, Dieter Dombrowski – und den Vertretern der brandenburgischen Mittelstandsvereinigung, die heute hier ihren Mittelstandstag haben.

Vor der langen CDU-Riege sitzen die Zuhörerinnen und Zuhörer auf den kubistischen Hockern, mit denen der märkische Unions-Chef seit Wochen durchs Land reist. Die Lounge-Hocker passen nicht so recht in das ländliche Brandenburg. So wie auch der Cottbuser Orthopäde und Honorarprofessor Michael Schierack nicht so recht in die Rolle eines künftigen Berufspolitikers zu passen scheint.

Schätzungsweise 70 Interessierte sind an diesem Abend zu seiner Wahlkampftour „Brandenburg. Besser. Machen“ gekommen. Nicht gerade viele, bei 1800 verschickten Einladungen und Hunderten von Handzetteln in den Briefkästen. Die Brandenburger haben noch weniger Lust auf Politik als sonst, nach Bundes-, Europa- und Kommunalwahlen. Vielleicht liegt es aber auch am abgelegenen Ort zwischen Wustermark und Elstal. Die letzten Kunden auf Karls Erdbeerhof sind schon weg, als der Mann zu reden beginnt, der nach der Landtagswahl am 14. September Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) ablösen will.

Der Flughafen als Chefsache

Er sagt Sätze wie: „Wenn ich Ministerpräsident bin, werde ich den Flughafen BER zur Chefsache machen. Dann bleiben die Akten auf meinem Schreibtisch, ich reiche sie nicht weiter.“

In den BER-Aufsichtsrat wolle er aber nicht gehen, das soll ein Fachmann übernehmen. Er sagt auch: „Brandenburg muss sicherer werden.“ Die Polizeireform, die den Abbau von Polizisten vorsieht, müsse gestoppt werden. Und: „In Brandenburg darf nicht mehr so viel Unterricht ausfallen.“

Schon nach wenigen Worten ist klar, wofür Michael Schierack steht. „Mein oberstes Ziel“, sagt er, „ist es, Rot-Rot im Land zu beenden.“ Brandenburg brauche eine starke CDU und eine starke Regierung. Unter dem roten Abendhimmel über Wustermark warnt der CDU-Landeschef: „Wer der SPD die Stimme gibt, wird erneut die Linken in die Regierung holen.“

„Herrn Schierack kenne ich bislang nicht näher“

Offenbar geht auch der CDU-Partei- und Fraktionschef bereits fest davon aus, dass die SPD nach den Wahlen in knapp zwei Wochen erneut für fünf Jahre ein rot-rotes Bündnis schmiedet. So oder so: Wenn die Union – entgegen der derzeitigen Umfrageergebnisse – die Wahlen gewinnt. Und auch, wenn die SPD – wie bei allen bisherigen Landtagswahlen seit 1990 – ihren ersten Platz verteidigt. Ministerpräsident Dietmar Woidke hatte jüngst erklärt, die Entscheidung falle nach der Wahl, es gebe aber angesichts der erfolgreichen Arbeit der ersten rot-roten Landesregierung derzeit keinen Grund „die Pferde zu wechseln“.

Zehn Jahre hatte die SPD in Brandenburg mit der CDU regiert – bis 2009. Die letzten vier Jahre dieser gemeinsamen Regierungszeit war Michael Schierack zwar stellvertretender Landeschef der CDU, aber noch nicht im Landtag. Bis heute hatten Regierungschef Dietmar Woidke und er nichts miteinander zu tun, obwohl sie beide aus der Lausitz kommen. „Herrn Schierack kenne ich bislang nicht näher“, sagte Woidke unlängst.

In Wustermark stellt Schierack sich vor – als Familienmensch. Der 47-Jährige ist verheiratet mit einer Sopranistin und Vater einer sechsjährigen Tochter und eines dreijährigen Sohnes.

Zu seinem Werdegang sagt er: „Ich bin Arzt und erst seit 2009 im Landtag. Habe also keine typische Karriere als Berufspolitiker hinter mir.“

Zeit für Schinkenstullen

Irgendwie wirkt er immer ein bisschen in Eile. Verhaspelt sich, führt die Sätze nicht zu Ende. Nach dem offiziellen Teil des Abends steht Michael Schierack noch für Gespräche mit den Bürgern bereit. Doch kaum einer will was wissen. So hat er Zeit, zwei kleine Schinkenstullen zu essen. Ein älteres Ehepaar kommt auf ihn zu. Der Mann sagt: „Auf dem Land fehlen doch Ärzte. Wann werden die ausgebildeten Ärzte endlich zwangsverpflichtet, sich dort niederzulassen?“ Schierack kontert: „Sagen Sie mir einen Beruf, in dem es möglich ist, jemandem vorzuschreiben, wo er beruflich tätig sein soll?“ Er könnte jetzt eigene Lösungen anbieten, wie das Ärzteproblem zu lösen ist. Stattdessen verabschiedet er das Ehepaar, wenn auch sehr freundlich.

Michael Schierack fremdelt mit seiner Politikerrolle. Selbst sieht er das nicht so. „Mir macht Politik großen Spaß“, sagt er.

Einen Tag später ist Straßenwahlkampf dran. Immerhin aber in Cottbus, dem eigenen Wahlkreis. Das bedeutet: in der Fußgängerzone Kugelschreiber und Wahl-Flyer verteilen. Und auf die Kundgebung mit der Kanzlerin in Cottbus am 12. September hinweisen. Angela Merkel hat der CDU im Europawahlkampf einen unverhofft klaren Sieg beschert. Sie wird für Unterstützung sorgen. Zuerst will Michael Schierack aber noch in die Kreisgeschäftsstelle der CDU. Auf dem Weg dorthin begegnet er einem Patienten. „Sie haben mir in der Praxis Blut abgenommen“, erzählt ihm der Mann.

Mit ihm ist Ruhe eingekehrt

Ganz in der Nähe liegt die Orthopädiepraxis, 2005 hat Schierack sie eröffnet, mittlerweile arbeiten dort drei Kollegen und zehn Schwestern. Der Cottbuser ist ein Heimatrückkehrer: Während seines Medizinstudiums an der Charité hatte er an mehreren Kliniken im Ausland gearbeitet – in Australien, Großbritannien und Kanada. Dann begann er in Berlin-Buch seine Ausbildung zum Facharzt für Orthopädie und Facharzt für Unfallchirurgie. Ab 2002 bis zu seiner Selbstständigkeit war Schierack Leitender Arzt in einer Cottbuser Klinik.

Statt der zwei Studenten, die ihm beim Aufbau des Infostandes in der Cottbuser Fußgängerzone helfen sollten, wartet in der CDU-Geschäftsstelle seine Mutter auf ihn. Die 73-Jährige strahlt. „Ich bin schon stolz auf meinen Sohn“, sagt sie. Dabei war sie erst gar nicht so glücklich, als er bei dem „schönen Beruf als Arzt“ Politiker werden wollte. „Als Mutter sieht man zuerst die viele Arbeit“, sagt sie. „Er hat aber immer erreicht, was er sich vorgenommen hat.“

Ob er sich aber wirklich vornimmt, Ministerpräsident zu werden? Es war schon eine Überraschung, dass der bis dahin sehr zurückhaltende Michael Schierack die Hand gehoben hat, als es um eine Nachfolge für die umstrittene Partei- und Fraktionschefin Saskia Ludwig ging. Seit November 2012 führt er jetzt die Brandenburger CDU. Mit ihm ist Ruhe eingekehrt. Zumindest bis zur Landtagswahl.