Maskenmann-Prozess

Zu wenig verletzt und ausgekühlt - Experte bezweifelt Opferversion

Im Maskenmann-Prozess hat ein Gutachter Zweifel an der Darstellung des gekidnappten Managers. Es sei für ihn „nicht vorstellbar“, wie das Entführungsopfer ohne schwerere Verletzungen fliehen konnte.

Wenn sich die Entführung von Stefan T. durch den „Maskenmann“ so abgespielt hat, wie der Unternehmer es als Zeuge vor dem Frankfurter Landgericht geschildert hat, hätte das Opfer dementsprechende Verletzungen aufweisen müssen.

Zu dieser Schlussfolgerung kommt der Gerichtsmediziner Harald Voss in seinem Gutachten, das er am Montag im Prozess gegen Mario K. vorgestellt hat. „Zumindest im Gesicht, an den Händen und an den Fußsohlen hätte Herr T. Kratzer, Abschürfungen oder andere Hautwunden haben müssen“, so sein Fazit.

Und der Gutachter geht noch weiter: Da das Opfer nach Zeugenangaben offenbar keine derartigen Verletzungen hatte, gebe es „nur geringe Anzeichen“ für den von T. geschilderten Tatablauf. Tatsächlich hatte unmittelbar nach der Entführung in Storkow vom 5. Oktober 2012, aus der sich der Unternehmer zwei Tage später nach seinen Angaben selbst befreien konnte, niemand entsprechende Verletzungen bemerkt – weder das Ehepaar E. aus Wendisch Rietz, zu dem sich T. am Morgen des 7. Oktober nach abenteuerlicher Flucht durch Sümpfe und Wasserlöcher gerettet hatte, noch der von der Polizei hinzugezogene Notarzt Matthias J.

Gutachten erst drei Monate später

Eine weitere Ermittlungspanne geschah deutlich später: Voss selbst fertigte sein Gutachten auf Ersuchen der Ermittler erst drei Monate nach dem Vorfall an. Notfallarzt J. hatte zwar eine kurzfristige Vorstellung des Entführungsopfers bei einem Gerichtsmediziner als dringend erforderlich angesehen, passiert war dies jedoch nicht. „Der Patient war in einem stabilen, guten Zustand, wirkte ruhig, hatte auch keine Anzeichen einer Unterkühlung“, sagte der Notarzt am Montag als Zeuge vor Gericht aus. Er hatte den Unternehmer am 7. Oktober nur wenige Minuten lang in den Räumen der Frankfurter Polizeidirektion Ost untersucht – allerdings nur sehr oberflächlich. Da steckte das Entführungsopfer in einem weißen Ganzkörper-Overall – Vorsichtsmaßnahme für die anschließende Spurensicherung.

Gut zwei Stunden zuvor hatte T. an jenem Morgen bei einem Rentnerehepaar in Wendisch Rietz geklingelt. Der fremde, durchnässte Mann habe vor der Tür gestanden – in verdreckten Socken, einem schmutzigen Jogginganzug und ohne Schuhe sowie mit Schlammspuren im Gesicht und an den Händen, erinnerte sich der 67-Jährige als Zeuge vor Gericht.

Gerichtsmediziner Voss hat die von dem Entführten geschilderten Erlebnisse im Selbstversuch überprüft, ist am mutmaßlichen Tatort gewesen – einer kleinen Grasinsel inmitten einer Sumpflandschaft mit tiefen Schlammlöchern im Storkower See. „Aus diesem sumpfigen Gelände wieder herauszukommen, erforderte immense Kraftanstrengung“, sagte er am Montag vor Gericht. Unter den nasskalten Witterungsbedingungen im Oktober 2012 und mit ständig klammer Kleidung könne sich der Körper nicht wieder erwärmen. Es hätte aufgrund schwerster Unterkühlung akute Lebensgefahr für das Opfer bestanden, so der Gutachter.

Der Prozess wird am Donnerstag mit weiteren Zeugenvernehmungen fortgesetzt.