Einst war die Gegend um das Potsdamer Stadtschloss das Herz der Stadt. Friderizianisches Rokoko, barocke Paläste und repräsentative Bürgerhäuser bildeten ein Ensemble, das einer Residenzstadt würdig war. Nun soll die Potsdamer Mitte nach historischem Vorbild wieder neu erstehen. Das Stadtschloss, das den Landtag beherbergt, ist fertig. Doch wer durch das Fortunaportal gehen will, muss zuerst vorbei am heruntergekommenen Plattenbau der Fachhochschule Potsdam. Der Wahl-Potsdamer und TV-Moderator Günther Jauch bezeichnete den verblichenen Betonriegel abschätzig als „sozialistische Notdurft-Architektur“.

Bald aber werden am Alten Markt nicht mehr nur das neue Parlamentsgebäude mit der historischen Knobelsdorff’schen Fassade, die Nikolaikirche und das Alte Rathaus zu bewundern sein. In den nächsten Jahren sollen die Paläste und Bürgerhäuser von einst zurückkehren. Die neue Potsdamer Mitte, sie wird auf rund 24.000 Quadratmetern ein Mix aus Rekonstruktion und Moderne, Wohnen und Gewerbe. So sehen es die Pläne vor. „Die Annäherung an das historische Zentrum wird behutsam erfolgen“, verspricht Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). „Reminiszenz und Zukunftsweisendes sollen sich harmonisch ergänzen.“

Hälfte aller Grundstücke vergeben

In der Nähe des Stadtschlosses drehen sich derzeit wieder die Kräne. Direkt an der Langen Brücke an der Havel errichtet der Bauträger Kondor Wessels ein Wohn- und Geschäftshaus, ganz modern. Die Granitplatten am Stadtschloss, am Lustgarten und vor dem Filmmuseum sind verlegt, der Rasen auf dem neuen Steubenplatz angelegt. Für 2,8 Millionen Euro wurde die Fahrbahn der Breiten Straße verkleinert und dafür der Geh- und Radweg beidseitig verbreitert. 44 junge Kaiserlinden sind gepflanzt.

Etwa die Hälfte der zu bebauenden Grundstücke in der historischen Potsdamer Mitte sind nach Angaben der Stadt bislang vergeben. Der Bereich umfasst das Karree von der Alten Fahrt an der Havel nahe der Langen Brücke, den Alten Markt, den Neuen Markt hinter dem Filmmuseum bis hin zur Plantage an der Dortustraße.

Um das wiederaufgebaute Stadtschloss soll vor allem eines zurückkehren: ein Hauch von Italien. So lässt der Berliner Unternehmer Albis Lelbach den bei einem Luftangriff 1945 zerstörten Palazzo Barberini an der Alten Fahrt nach historischem Vorbild wieder entstehen. In den Prachtbau, dessen Mittelteil 1771/1772 dem gleichnamigen römischen Palazzo nachempfunden wurde, zieht die von Software-Milliardär Hasso Plattner versprochene Kunsthalle für die Stadt ein.

Potsdam ist von italienischen Vorbildern geprägt

Die Baugrube ist schon ausgehoben. Ende 2016 soll der Palast am südlichen Alten Markt stehen und das Museum Barberini unter Leitung des bisherigen Direktors der Kunsthalle Darmstadt, Peter Joch, eröffnet werden.

Die Fassaden der bereits im Bau befindlichen Palazzi Pompei und Chiericati werden sich unmittelbar anschließen. Im Rahmen des beschlossenen „Leitbautenkonzeptes“ werden der Palazzo Giulio Capra und weitere nach und nach an ihren einstigen Platz zurückkommen. Alles Nachbauten mit historischer Fassade, die an das von italienischen Vorbildern geprägte Potsdam erinnern sollen. „Die Preußenkönige wollten in Potsdam wenigstens einen Hauch vom warmen Süden spüren“ sagt der Historiker Andreas Kitschke, von dem das Buch „Italien in Potsdam“ stammt.

„Friedrich der Große ließ in Potsdam, beeinflusst von seinem künstlerischen Berater, dem italienischen Grafen Algarotti, Fassaden nach Kupferstichen von Bauwerken aus Italien errichten. Er selbst ist nie in Italien gewesen.“ Anders Friedrich Wilhelm IV., der ein Jahrhundert nach Friedrich dem Großen Potsdam zur Residenz wählte. „Seine Italiensehnsucht war noch weit stärker ausgeprägt als bei seinem berühmten Großonkel“, sagt Kitschke. „Zweimal, 1828 und 1835, hat er als Kronprinz Italien besucht.“

Verzögerungen bei der Umsetzung

Das Bild der Potsdamer Mitte sollen neben dem Palais Barberini, als Leitbau im Original errichtet, sieben Neubauten mit historischen Fassaden prägen sowie vier Neubauten, die sich am historischen Bau orientieren. „Um den Alten Markt herum wird ein architektonisches Ensemble geschaffen, das auch international Beachtung finden wird“, erhofft sich Potsdams Baubeigeordneter Matthias Klipp (Bündnisgrüne). Der Otto-Braun-Platz und die Uferpromenade würden wieder „lebendige und erlebbare Stadträume mit Cafés und Restaurants“. Derzeit bereitet der Sanierungsträger den Uferpromenadenweg vor. Der Gestaltungswettbewerb läuft. Baustart für die Promenade soll 2015 sein, sie soll mit dem Palais Barberini 2016 fertig sein.

Aber nicht alles läuft nach Plan. Potsdams Baudezernent Klipp bedauert Verzögerungen beim Abriss des Plattenbaus am Alten Markt. Die Stadt wollte das Gebäude gegenüber dem Stadtschloss schon jetzt abreißen und das Grundstück in den nächsten zwei Jahren verkaufen und entwickeln lassen. Doch die Fachhochschule weigert sich bislang, so schnell umzuziehen. Da noch ein Gebäude am neuen Standort an der Pappelallee fehlt, soll ein Teil der Studenten bis 2017 im Zentrum unterrichtet werden.

Nach dem Abriss ist auch dort ein Gebäude mit historischer Fassade geplant. Auch das Rechenzentrum an der Plantage/Dortustraße bleibt länger. Denn das Land zieht erst 2017 aus dem ebenfalls unschönen Plattenbau aus. Westlich des Alten Marktes wird das Brockessche Palais laut Klipp in den nächsten zwei bis drei Jahren denkmalgerecht umgebaut, der Lange Stall soll wieder entstehen – und der Turm der Garnisonkirche, sofern die Pläne der Stiftung für den Wiederaufbau finanzierbar sind.

Noch fehlen 26 Millionen Euro an Spenden

Der Kuratoriumsvorsitzende, Altbischof Wolfgang Huber, musste jüngst Verzögerungen einräumen. Es fehlen noch 26 Millionen Euro an Spenden. Die Stiftung hält bislang am Zeitplan für die Fertigstellung des Turms im Oktober 2017 fest. Unklar ist auch, wann die Synagoge an der Schloßstraße 1 entsteht. Der moderne Bau sollte bis Ende 2012 fertig sein. Doch weil sich die Jüdischen Gemeinden nicht über die Gestaltung einigen konnten, legte das Land die zugesagten fünf Millionen Euro auf Eis. Seit knapp drei Jahren liegt das Baugrundstück brach.

Um die Gestaltung der Mitte wird leidenschaftlich gestritten. Der Stadtschlossverein und die Initiative „MitteSchön“ warnen davor, die Chance auf eine Wiederherstellung des historischen Zentrums der Stadt zu vertun. Im Oktober 2013 gründete sich ein Bündnis aus Innenstadtvereinen und Bürgerinitiativen.

„Stadtschloss und Lustgarten bilden eine Einheit, Garnisonkirche und Neustädter Tor müssen zusammengedacht werden, die Plantage muss als einer der drei wichtigsten Stadtplätze begriffen und entwickelt werden“, so ihre Forderung. Der weitere Ausbau des Stadtkanals müsse endlich vorangetrieben werden. Barbara Kuster von „MitteSchön“ sagt: „Immerhin geht es um Potsdams gute Stube.“