Mosaik

Als die Digedags das Berliner Stadtschloss besuchten

Eine Ausstellung in Berlin erinnert an die Erfolgsgeschichte des DDR-Comicheftes „Mosaik“. Zeichner Hannes Hegen entführte seine Leser mit den Digedags in die große Welt, die er selbst nicht sah.

Foto: Tessloff-Verlag,Nürnberg

Unterwegs zur DDR-Comic-Ausstellung kaufe ich an der Tankstelle schnell noch das aktuelle „Mosaik“. Der Titel verspricht, dass die drei kleinen Helden diesmal Rom erobern. Er habe das „Mosaik“ früher auch immer gelesen, meint der Tankwart. Er ist ein 19-jähriger Schlaks. Auf Nachfragen reagiert er, indem er wortlos die Quittung zum Unterschreiben rüberschiebt. Ein Erinnerungsgespräch unter Männern kommt nicht zustande. Dabei gehören eindeutig die Jungs zur Zielgruppe des 1955 erstmals erschienen Comics, der locker die DDR bis heute überlebt hat. Im „Mosaik“ ging es schon immer um historische Machtimperien, Streitlust und Technikbegeisterung. Dagegen gibt es keine lächelnden Pferde, Mode oder Erste-Liebe-Tipps. Das Frauenbild im DDR-„Mosaik“ war auf andere Weise merkwürdig, eine Art prüde Minne für Vorpubertäre.

Das Museum in der Kulturbrauerei, wo die „Mosaik“-Ausstellung läuft, behauptet in seiner Werbung, dass die Digedags „ihre Leser aus der engen Welt der SED-Diktatur“ entführten. Das ist politisch korrekter Quatsch, Kinderzimmer werden von Eltern und niemand anderem beherrscht. Die traurige Wahrheit, welche auch immer außerhalb herrscht, versteht man erst viel später. Die Erkenntnis vom Niedergang der kleinen, heilen Bilderbuchwelt traf mich kurz nach der Wiedervereinigung auf der ersten Reise nach Athen. Es eröffnete sich eine scheußlich moderne Stadt um alte hindrapierte Steinsäulen namens Akropolis herum. Der beschauliche Hafen von Piräus war die letzte Rettung meines Weltbildes, dort schließlich bestiegen die Comic-Helden ja ein lustiges Schiffchen. Am Ende des Ausflugs stand ich fassungslos vor unendlich vielen, mächtigen Containerschiffen. Und musste lachen. Auf so viel Kapitalismus hatten einen die Digedags gar nicht vorbereitet.

Viel politischer Zeitgeist

Zweifellos steckt aber viel mehr politischer Zeitgeist in den harmlosen Comics, als man gemeinhin denkt. Gleich am Eingang zeigen die Ausstellungsmacher einen Ausschnitt aus einem „Augenzeugen“ von 1955. Das waren kleine ideologische Filmnachrichten, die jeweils vor Beginn eines Kinofilms gezeigt wurden. In diesem geht es lautstark gegen die amerikanische Unkultur. Im selben Raum wird eine erschreckende Wahrheit in Wort und Bild vorgeführt, denn in punkto Bekämpfung der Comic-Kultur war man sich in Ost und West damals einig. Ein Foto zeigt eine „Schundverbrennung“ 1958 in Aachen, gleich daneben ein sozialistischer Scheiterhaufen am Kindertag 1955, der zum Anti-Comic-Tag erklärt wurde. Die Bilder erinnern an die Bücherverbrennung 1933.

Irgendwann war die Zeit reif für den ostdeutschen Comic. Johannes Hegenbarth hieß der Held der Stunde, ihm ist die Ausstellung gewidmet. Der 1925 in Böhmen Geborene war im Krieg, wurde danach als Sudetendeutscher vertrieben und konvertierte schließlich zum Sozialismus. Aber eben nicht ganz: Als Grafiker und Karikaturist siedelte er in seinem Haus in Berlin-Karlshorst eine kleine private Comic-Manufaktur an. Ein Dutzend Leute arbeitete schließlich für ihn und seine heiteren Bildergeschichten – die eine Art Baedecker für Jungenträume sind. Die Ideen für seine Geschichten sammelte Hannes Hegen, so sein Künstlername, in West-Berliner Kinos, wo er heimlich Filmszenen abfotografierte. Die Ausstellung zeigt seinen Vorlagenordner aus dem Film „Dünen der Südsee“ von 1954. Hegen entführte seine Leser in die große Welt, dorthin, wo er selbst gar nicht hinkam. In gewisser Weise ist er der Karl May des Comics.

Die „Mosaik“-Abos waren heiß begehrt, und selbst zerfledderte Exemplare machten in meiner Schulzeit die Runde. Eine Statistik des Verlags Junge Welt von 1961 listet auf, dass das „Mosaik“ bereits 240.000 Stück Auflage hat und 20,8 Pfennig Gewinn pro Ausgabe einbringt, wohingegen „Der Pionierleiter“ bei einer 40.000-er Auflage 18,2 Pfennig Verlust einfuhr. Hegens Kasse stimmte, aber natürlich hätten sich die Funktionäre mehr ideologische Erziehung gewünscht. Das wurde mal bedient, mal unterlaufen. In den Heften sind heute viele Kuriositäten zu entdecken. Im Heft 82 machen die Digedags Zwischenstation in Berlin. Und wo gehen sie hin? Zum Stadtschloss. Das war allerdings bereits Jahre vorher gesprengt worden. Die Zensur hatte es offenbar übersehen. Im selben Heft zählen die geschäftstüchtigen Digedags habgierig wie Walt Disneys Dagobert Duck die Einnahmen. Das entsprach so gar nicht dem Bild der verordneten Kollektivwirtschaft.

Und die alten Römer hatten es auch nicht leicht in der DDR. Das Titelbild „Angriff aus der Luft“ von Heft 18 musste verändert werden. Ursprünglich sollten die Fallschirme an das römische Wappentier, den Adler, erinnern. Die Aufpasser erinnerte es mehr an den Bundesadler. Da mussten schnell ein paar Striche korrigiert werden. Nun schweben die Römer mit an Champignons erinnernden Fallschirmen durch die Luft. In der Ausstellung werden auch die DDR-Indianer gezeigt. Auf dem Foto posiert die Fachgruppe Indianisten des Kulturbunds in voller Tracht. Die Cowboys lagen weniger im Trend, weil sie die Vorfahren der amerikanischen Imperialisten waren. Auch Hannes Hegen sah sich in seiner Amerika-Serie aufseiten der ausgeraubten Indianer und sich befreienden Sklaven. Das ist irgendwie auch komisch aus heutiger Sicht.

Mitte der 70er-Jahre plötzlich werden aus den Digedags die Abrafaxe, die heute noch durch die Fantasiewelten touren. Der erfolgreiche Unternehmer Hannes Hegen hatte selbstbewusst wie leichtsinnig seine Kündigung angedroht – und der Verlag hatte sie angenommen. Dem „Mosaik“ hat es nicht geschadet.

Museum in der Kulturbrauerei, Prenzlauer Berg. Di–So von 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr. Eintritt frei. Bis 3. August