Berlin-Spandau

Wer den Steinschmuck für das Stadtschloss meißelt

Wie kopiert man ein Gebäude, das es schon lange nicht mehr gibt? Und wo lernt man, wie man eine preußische Borussia aus dem Sandstein schlägt? Ein Besuch in der Schlossbauhütte Spandau.

Foto: Reto Klar

Klar, man könnte heute einen dieser hochgelobten 3-D-Drucker nehmen. Man würde das Denkmal am Bildschirm designen und aus Kunststoff in den Maßen von damals plotten. Das wäre sogar wetterfest. Arbeitszeit: vielleicht eine Woche. Oder man könnte eine Kopierfräse nehmen, wenn man denn unbedingt eine echte Steinskulptur haben will. Durch die Tonnen von Material würde sich die Fräse ackern, genau nach Plan, bis man die Figur erkennt. Schöne, neue Techniken sind das. Jungs-Fantasien. All das tut man hier aber nicht.

Also macht der Steinbildhauer Peik Wünsche den Job. Allein. Nur er mit seinen Hämmern und Eisen. Ein Jahr lang haut Wünsche, 52, die Borussia in Stein. In seiner Werkstatt steht links eine Gips-Borussia Modell, diese Figur in Leichtbauweise gibt es bereits seit einiger Zeit. Sie ist drei Meter hoch. Eine Frau im antiken Gewand, mit fast schüchternem Blick. Und rechts vom Bildhauer Wünsche steht dieser Koloss von Sandstein. Immerhin, man erkennt mittlerweile Kopf und Schultern, schemenhaft. Es ist, als wäre das Haupt dick einbandagiert. Von da an abwärts ist die Figur für Laienaugen nur ein grober Klotz. Aber in dem hellen Felsblock zeichnen sich überall Kratzspuren des Presslufthammers ab. Die Furchen im weißen, manchmal gelblichen Stein zeigen an, wie das Material immer weiter abgeschält wird. Stück für Stück, Schlag auf Schlag, nähert sich Wünsche dem Modell an. Detailgetreu kopiert er es.

Die Scherben fliegen

Sobald der Hammer röhrt, wirbelt ein feiner Staub durch das Atelier. Steinscherben fliegen zu Boden. Dann setzt Peik Wünsche die Maschine ab, zündet sich einen Zigarillo an und klopft die Staubwolken aus den Händen. Geht er nur ein paar Schritte zurück, steht er schon im Freien. Das ist praktisch, bei all dem Staub. Deshalb hat Wünsche dieses halbe Freiluftatelier, es ist ein Holzanbau an der Werkstatthalle, die im Moment als „Schlossbauhütte“ dient. In Spandau liegt sie, hier wird der Schmuck für das künftige Berliner Schloss gemacht. All dieser Schlüter-Barock-Fassadenschmuck – Adler, Wappen, Widderköpfe und Gesimse. Verzierungen dieser Art werden im Moment auch im Bodemuseum in der Ausstellung über Andreas Schlüter als „Schlossbaumeister“ gezeigt. Gerade entdeckt man Schlüter, der von 1660 bis 1714 lebte, als großen Künstler neu. Ein paar Originale vom Stadtschloss gab es noch, ein paar Fragmente. Der Rest wird nachgebaut. Schmuck ist nötig für 480 Meter Fassade. Peik Wünsche steht in seiner Staubwolke und fällt ein knappes Urteil: „Ein Glücksfall, dieses Schloss.“

Denn Wünsche baut ein Kolossaldenkmal in Stein, vom ersten bis zum letzten Hammerschlag. Bis zur kleinsten Falte des Gewands und bis zur Augenbraue wird die steinerne Borussia sein Baby sein. Wann bitte macht man denn so etwas noch als Steinbildhauer, in heutiger Zeit? Es ist ja fast so, als würde man auf frühneuzeitliche Art, nur mit Hand und Beil, ein ganzes Schiff zimmern, nur ist dieses Vorhaben eben noch viel größer, zeitaufwändiger. Vielleicht sogar noch etwas wahnsinniger, weil ein einziger Mann am Werk ist. Nur mit Hammer und Meißel, beteuert Peik Wünsche, bekomme man aber die Genauigkeit im Stein hin, die scharfen Konturen der Figur, ihre Anmut und Tiefe, wofür die Bildhauerei der Barockzeit gerühmt wurde. Diesen Duktus würde keine Fräse je so hinbekommen, ein dreidimensionaler Drucker sowieso nicht. Daher müsse der Bildhauer her, mit seinen großen Werkzeugkästen und den verschiedenen Eisen, den kleinen, großen, gezackten. Oder mit diversen Maschinenaufsätzen, es gibt welche mit Zähnen, spitze, breitschaufelige, gezackte.

Ein Trumm von 16 Tonnen Gewicht

Pünktlich zum Jahresbeginn 2014 lieferte ein Kran den 16 Tonnen schweren Sandsteinblock bei Wünsche ab. Ein Trumm, mehr als drei Meter hoch, anderthalb Meter breit. Grobe Stücke sprengte Wünsche gleich heraus, sie liegen vor der Tür. Jetzt hat er immer noch neun Tonnen, aber immerhin die ersten Konturen. Der Sandstein stammt aus dem Elbsandsteingebirge, dem Reinhardtsdorfer Steinbruch, er ist den Steinen von damals am Schloss sehr ähnlich. Eine Fachkommission fällt heute Entscheidungen über solche Fragen. Kunsthistoriker und Museumsspezialisten sind das. Sie nehmen in der Schossbauhütte genauso alle Entwürfe für den Fassadenschmuck ab, an denen viele Bildhauer dort seit Jahren arbeiten, und die wenigen fertigen Teile, die es schon gibt. Peik Wünsche will die Borussia Anfang 2015 fertig stellen. Sie soll später im Schlüterhof des Humboldtforums stehen, dem neuen alten Schloss.

Es ist die einzige Großskulptur, die bisher vollständig nachgebaut wird. Eine ganze Reihe von antiken Göttern stand einst auf dem Portal VI des Schlosses, und daneben stellte Andreas Schlüter die Borussia, als Verkörperung des Preußischen Königtums. Das war ein Ruhmesbild nach dem damaligen Zeitgeschmack, die Frau trägt die Insignien der Macht, eine Krone und einen Regentenstab. Der Bildhauer Wünsche arbeitet sich gerade in diesen Tagen an die Stelle im Sandstein vor, an der er die Krone herausmeißeln will. Die allegorische Gestalt hält die Preußenkrone im linken Arm und beschützt sie. Und doch ist die Borussia keine martialische Darstellung, sondern friedlich, fast beruhigend. Schlüter muss sie um 1699/1700 geschaffen haben. Zweieinhalb Jahrhunderte blieb sie oben stehen an der Schlossfassade. Dann verschwand sie.

Borussia, verzweifelt gesucht

Schon bei den vorbereitenden Arbeiten zur Schlosssprengung im Jahr 1950 gab es keine Spur mehr von ihr. Die vom Krieg beschädigten Götter aus dem Schlüterhof wurden mit Pferdekarren in Sicherheit geschafft, das zeigen alte Fotos. Aber die Borussia ist nirgends mehr zu sehen. Und niemand machte sich danach wohl überhaupt noch Gedanken um sie – verschollen und vergessen. Genau dieser Status als „verloren“ machte sie auf einmal wieder interessant, viele Jahrzehnte später. Als nämlich die Ideen für einen Nachbau des Berliner Stadtschlosses und seiner Fassaden aufkamen, ließen die Schloss-Förderer ausloten, ob man überhaupt einen Bauschmuck von damals heutzutage so kopieren könne, dass es glaubwürdig nach Barockkunst aussieht und welchen Aufwand man dafür betreiben müsste. „Als Beispiel für eine verschollene Skulptur wählte man die Borussia aus“, erzählt der Bildhauer Matthias Körner. Geht das, ein riesiges Standbild nur nach alten Fotografien wieder herzustellen? Mit dieser Mammutaufgabe kam erst einmal Körner zum Zuge: Er lieferte alle Vorarbeiten zu dem, was jetzt sein Kollege Wünsche in Spandau in Stein haut.

Körner zeigte, dass es geht. Das Borussia-Modell aus Gips, ihr kecker Blick, die Art, wie das Haar fällt und wie der Stoff ihres Umhangs drapiert ist – alles seins. Matthias Körner ist spezialisiert auf solche Modellierungen. Er bewundert die Schlütersche Bildhauerkunst schon seit er das Handwerk als junger Mann in Ost-Berlin gelernt hat. Da tauchten zwei Engelsköpfe aus der einstigen Schlossfassade in der Werkstatt auf, die Bildnisse der „Fama“ und des „Pax“, des Friedens. Sie zogen ihn wie magisch an, das ist mehr als 30 Jahre her. Nichts hat sich für Körner daran geändert. Er studierte Schlüter, wo es nur ging, sagt er, experimentierte, recherchierte. Heute hat er sein Atelier in den Weddinger Uferhallen, hier entwarf er das Modell für die Preußen-Allegorie, erst baute er es in Ton und danach in Gips. Immer wieder veränderte er etwas, näherte sich an, bis er Schlüters Stil durchdrungen hatte – oder wenigstens nah dran war, wie er selbstkritisch anmerkt.

Das große Vorbild namens Bernini

Oder man könnte auch sagen: bis er Berninis Stil erreichte. Im Atelier von Körner, gleich neben einer Topfpalme, die vom Gipsstaub weiß-grün meliert ist, hängt eine Fotografie aus dem Petersdom in Rom. Eine Frauenfigur ist darauf zu sehen, ein Schmuckstück in Marmor, wie es typisch für den Großmeister des italienischen Barock ist, für Gian Lorenzo Bernini. Dieses Bildnis war ein Vorbild für den Berliner Schlossarchitekten, Schlüter kupferte davon für seine Borussia bis ins Detail ab. Der Umhang ist identisch, die Haltung, der Ausdruck. Matthias Körner hat viele Fotos dieser Art in Rom gemacht, hat das Original mehrfach in natura studiert. Von wegen preußisches Urweib also – die Borussia ist Italienerin. Der italienbegeisterte Andreas Schlüter war, nachdem er in Preußens Dienste trat, ganz offiziell gen Süden geschickt worden, um Kunstinspirationen einzusammeln. Anstößig war sein Kopieren nicht, wohl eher der Normalfall. Die nachgeahmte Frauenskulptur Berninis zeigt übrigens die mittelalterliche Markgräfin Mathilde von der Toskana, die als eine der ganz wenigen Frauen im Petersdom beigesetzt ist. Bernini schuf das Grabmal für sie im Jahr 1633/34, ein halbes Jahrhundert, bevor Schlüter kam. Das Grab war eine Art politisches Statement des damaligen Papstes. Denn Mathilde von der Toskana galt gemeinhin als Symbolfigur für die Papstmacht – ein Kaiser musste einst beim Papst zu Kreuze kriechen, als jener gerade Gast von Mathilde in Canossa war.

Angetan davon, kopierte Schlüter offenbar fleißig, in Rom langte er beherzt zu. Auch einige Engel aus dem Petersdom setzte er auf die Gesimse des Berliner Stadtschlosses. Um das Jahr 1700 herum explodierte der Barockstil in ganz Berlin, gleichsam um hechelnd nachzuholen, was im Jahrhundert vorher, in dem der Dreißigjährige Krieg wütete, unmöglich war. Schlüter war der Mann der Stunde. Und da, das wissen Kunstwissenschaftler heute, unterhielt er ganze Heere von Gehilfen und Bildhauern. Die einen machten Reliefs, die anderen Kapitelle, Wappenkartuschen, Bukranien, also Rindsköpfe, die nächsten fertigten Adler an. Schlüter forderte bald beim König eine Kutsche an, damit er alle Werkstätten abklappern könne. Heute gibt es gerade einmal fünf oder sechs Bildhauerateliers in der Stadt, die nun mit dem Großauftrag des Berliner Schlossschmucks befasst sind. An die 30 Freiberufler umfasst die Szene, die hoch spezialisiert ist, alle kennen sich untereinander, sagt Peik Wünsche, der für sein riesiges Borussia-Vorhaben gerade ganz in die Spandauer Schlossbauhütte gezogen ist.

Die Nadel ist ganz entscheidend

Insgesamt sind für das Schloss schon 280 Modelle in Gips hergestellt worden, sie alle werden von jetzt an auch in Stein gehauen. Viele sind Serienbauteile, alles in allem entstehen 2900 Schmuck-Architekturteile. Die Arbeitsschritte ähneln denen, wie schon vor dreihundert Jahren gearbeitet wurde. Gibt es erst einmal ein Modell aus Gips, wird dieses im sogenannten Punktierverfahren eins zu eins in den Sandstein übertragen. Am Modell wird eine Hilfskonstruktion abgebracht, die einen langen, beweglichen Arm hat, an dessen Ende eine spitze Nadel ist. Mit ihm wird ein Punkt auf der Figur gesetzt. Dann wird das Hilfsgerät in genau gleicher Position an den Sandstein geschraubt, und schon kann man den gleichen Punkt markieren – oder sich, nach Abschälen der Steinmasse, diesem Punkt immer weiter annähern. Peik Wünsche setzt an einem Arbeitstag Dutzende solcher Punkte, immer wieder hängt er das Punktierkreuz vom Modell hinüber zum Sandstein und zurück. Genauso klettert er wieder und wieder auf seine Holzleitern.

Außerdem läuft er regelmäßig hinein in die große Werkstatt der Bauhütte, das sind etwa dreißig Schritte für ihn. Peik Wünsche schaut dort immer wieder auf ein vergrößertes Foto der Borussia, das da zwischen vielen Architekturzeichnungen an einer Stellwand hängt. Er studiert darauf den Faltenwurf und die scharfen Kanten des Kleides, die Konturen des Gesichts. So sollen die später sein. Die Auswahlkommission wird das so einfordern, das weiß Wünsche schon. Alles müsse dramatischer werden, so ist es meist auf der Endgerade einer so aufwendigen Skulptur. Das Modell in Gips ist malerisch. In Stein gehauen muss es dann umso eindringlicher werden, dafür sticht und kratzt Wünsche dann auch fester zu, wenn es soweit ist. Die handgeschmiedeten Duktuseisen, angetrieben vom Gummihammer, sind dann an der Reihe, ganz zuletzt das Beizeisen. Bis zu den Augenlidern arbeitet er sich dann vor. Die, das haben schon alle Steinbildhauer gesagt, sind immer das i-Tüpfelchen. Bernini trug dabei etwa schwarzen Kohlestift auf, als Schminke, bevor er das Eisen ansetzte. Und auch der preußische Künstler Schadow behielt sich diese Krönung immer selbst vor, das könne nur er, beschrieb er einmal. „Der Augenlider-Schnitt mit dem Meißel ist das schwierigste Stück, überhaupt der letzte Hauch.“

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