Denkmal

Eine Berliner Familie zaubert aus Ruine ein Märchenschloss

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Jeanette Bederke

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

Andreas Unterberger und Christina Bohin haben das alte Schloss Neuenhagen in Brandenburg gekauft und umgebaut. Nach der Restaurierung soll es zum Kunst- und Kulturzentrum der Region werden.

Mit zur Seite geneigtem Kopf steht Christina Bohin vor dem frisch mit hellem Kalk verputzten Schloss Neuenhagen nahe Bad Freienwalde. „Das ist sie, unsere olle Kiste“, meint die 45-Jährige fast liebevoll. Der Stolz in ihrer Stimme ist nicht zu überhören. Immerhin haben sie und ihr Mann Andreas Unterberger in den vergangenen drei Jahren den mittelalterlichen Renaissancebau aus der Vergessenheit geholt, der mehr als 440 Jahre überdauert hat und zu den ältesten herrschaftlichen Gebäuden Brandenburgs gehört.

Als sie das Gebäude erstmals sahen, stand es leer, war schmutzig und unansehnlich, eine Ruine. Die neuen Schlossbesitzer, die das historische Gemäuer hinter der Kirche des Ortes für 40.000 Euro der Stadt Bad Freienwalde abgekauft hatten, mussten sich von Fremden immer wieder fragen lassen, wo denn nun das Schloss zu finden sei, von dem sie im Reiseführer gelesen hatten. „Dabei standen die Leute direkt davor“, erinnert sich Kunstfotografin Bohin noch heute lachend.

So ein herrschaftliches Anwesen aus dem Mittelalter, Ende des 16. Jahrhundert vom Geschlecht der Uchtenhagens erbaut, sei nun einmal deutlich schlichter, als wohlbekannte, fast schon protzige Barockanlagen. Und nicht zuletzt Theodor Fontane erwähnt in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, dass es sich bei dem einst durch einen Wassergraben mit Zugbrücke abgegrenzten Anwesen in Neuenhagen um ein Schloss handelt. Dieser Umstand war letztlich allerdings nicht ausschlaggebend für die bayrisch-österreichische Familie, hier ihr neues Zuhause einzurichten.

Der Eindruck im Innern ist märchenhaft

Schon seit Jahren in Berlin lebend hatte sie von einem eigenen Schloss geträumt, bereits unzählige Burganlagen besichtigt. Doch erst in Neuenhagen fanden sie „ihr“ Haus, fühlte Christina Bohin, „endlich zu Hause“ zu sein und konnte auch den Rest der Familie überzeugen – neben Mann Andreas auch die beiden gemeinsamen Töchter Leonie, 13, und Charis-Marie, 8.

Der äußere Eindruck war es damals nicht, der die gebürtige Regensburgerin überzeugte. Die Schönheit von Schloss Neuenhagen in seiner Schlichtheit erschloss sich ihr von innen. Wer das mittelalterliche Gemäuer durch die zweiflüglige Tür betritt, versteht schnell, was sie meint. Hausflur und angrenzende Räume beeindrucken durch imposante Tonnengewölbe, hereinfallendes Sonnenlicht taucht das Ganze in warmes Licht und verleiht dem Schlossinneren etwas Märchenhaftes.

„Den schlimmsten Dreck haben wir hinter uns“, sagt Bohin. Noch im Sommer sei sie manchmal schon etwas verzweifelt, wenn 20 Handwerker auf einmal das Schloss bevölkerten, Staub und Dreck kein Ende nehmen wollten.

Noch immer gehört allerdings viel Fantasie dazu, den Visionen von Bohin und Unterberger zu folgen. Denn wohnlich eingerichtet sind bisher nur die Privaträume der Familie im Obergeschoss. „Wir wollten von Beginn an ein offenes Haus“, erzählt der 48 Jahre alte Hausherr. Angesichts von 1000 Quadratmetern Nutzfläche eine durchaus sinnvolle Idee. So entsteht in dem einstigen Rittersaal mit den zwei Kaminen gleich links neben dem Eingang ein Salon – gemütliche Sofas sollen zum Verweilen einladen. Gleich daneben entsteht in einem eben großen Eckzimmer mit vielen Fenstern ein Café, dass Anfang nächsten Jahres eröffnen soll.

Mini-Kinoraum und Kunstausstellungen

„Es macht nach wie vor riesigen Spaß und bleibt spannend“, erzählt die dreifache Mutter, deren ältester Sohn Dimitri, 21, als einziger der Familie im 50 Kilometer entfernten Berlin geblieben ist. Was die neuen Schlossbesitzer zusätzlich anspornte, waren immer neue Geheimnisse, die das historische Bauwerk unter Asbest und DDR-Linoleum preis gab. Mittelalterliche Aborte, verborgene Fenster kamen hinter einst zugemauerten Nischen zum Vorschein, versteckte Wandschränke und Zugänge zu den weitläufigen Kellergewölben, die bald Theater, Konzerten und Ausstellungen Raum bieten werden.

Ein winziger Raum gleich rechts neben der Eingangshalle gibt nach wie vor Rätsel auf. Er ist quadratisch, an einer Seite führen vier Treppenstufen nach oben ins Nichts. „Möglicherweise gab es hier einst einen Treppenturm, genau wissen wir es aber nicht“, sagt Bohin, die das geheimnisvolle Zimmer zu einem Mini-Kinoraum machen will, beispielsweise begleitend zu Kunstausstellungen, die sie plant.

Das Projekt hat bis jetzt 350.000 Euro gekostet

Besonders stolz sind Bohin und Unterberger auf die kleine Kapelle gleich daneben: Die scheint mit ihren teilweise bereits freigelegten Wandreliefs so wertvoll und interessant zu sein, dass die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und die Lottostiftung Geld für deren bauhistorische Erforschung und Wiederherstellung zur Verfügung stellten. „Die Reliefs waren mit insgesamt 20 Farbschichten zugekleistert, original bemalt leuchteten sie einst in Orange und Grün“, erzählt die Schlossherrin. Sie will die Kapelle, in der künftig auch wieder Trauungen stattfinden sollen, zu einem Popart-Kunstraum ausbauen – inklusive LED-Lichtern und einem schwebenden Taufengel, der einst als Deko-Objekt das Berliner Kaufhaus KaDeWe schmückte.

Ohnehin haben sie und ihr Mann bei der Einrichtung freie Hand – vom ursprünglichen Inventar des Hauses ist nichts mehr vorhanden. Insgesamt rund 350.000 Euro haben die neuen Schlossbesitzer bereits in ihren Lebenstraum gesteckt, nur ein Bruchteil davon sind Fördermittel. Ein Schlossatelier, in dem es regionales Kunsthandwerk und Produkte der Gegend zu kaufen geben wird, soll noch entstehen. Die öffentlichen Toiletten für die Café-Gäste werden nach den Vorstellungen Bohins selbst zum Kunstobjekt.

Im Obergeschoss ist zudem noch genügend Platz für Gästewohnungen. Wer die verwinkelte hölzerne Treppe nach oben geht, dessen Blick fällt auf eine Wandöffnung und den dahinter liegenden, einstigen Schlosssaal. An den Wänden hängen noch Reste typischer DDR-Tapeten, darüber sind Graffiti geschmiert. Der Boden ist sandig und aufgewühlt. „So sah es hier überall aus“, seufzt die Hausherrin. Sie ist erleichtert, dass ihr geschichtsträchtiges Zuhause seit vier Wochen komplett neue Fenster hat – die Reste der 60 alten liegen noch auf einem riesigen Schuttberg im Hof.

Besucher sollen den Alltag an der Tür abgeben

Von den Finanzen einmal abgesehen – etwa 250.000 Euro sind für die weitere Schönheitskur vorgesehen – hatten es die Neu-Neuenhagener bei der Schlossrettung auch sonst nicht leicht. Eineinhalb Jahre kämpfte sie zunächst um eine Baugenehmigung für das denkmalgeschützte Anwesen. Als alles – inklusive 30 verschiedener Auflagen – schon in Sack und Tüten schien, sollten sie nach dem Willen des Kreis-Umweltamtes aus Emissionsschutzgründen wieder ausziehen.

Als diese Hürde, die ein halbes Jahr kostete, schließlich genommen und der Umbau im vollen Gange war, verhängte der Denkmalschutz einen sofortigen, Nerven raubenden Baustopp. „So etwas wirkt schon existenzgefährdend, die Denkmalsabschreibung ist ja Teil unseres Finanzierungskonzepts“, macht Unternehmer Unterberger deutlich.

Auch diese Herausforderung ist inzwischen gemeistert, und die Zugezogenen fühlen sich endlich angekommen in ihrer neuen Heimat. Waren es zuerst die Töchter, die sich schnell einlebten, so genießen auch die Eltern nunmehr das beschauliche Landleben. „Ich habe aufgehört, ständig auf der Suche zu sein, bin deutlich ruhiger geworden, auch wenn der tägliche Kampf anstrengend ist“, erzählt Bohin. „Wir wissen allmählich, warum wir hier gelandet sind“, ergänzt Unterberger.

So bald wie möglich, wollen beide die von gemütlichen Biergärten als Ort der Begegnung geprägte Gastkultur ihrer ursprünglichen Heimat im Schloss Neuenhagen zelebrieren. „Das Genießen miteinander ist das Wichtigste, Besucher sollen den Alltag an der Tür abgeben und sich genauso wohl fühlen wie wir“, fasst Bohin das Schloss-Konzept zusammen.