Unter den Linden stauen sich Autos und Busse bis zur Schlossbrücke, hupen Fußgänger und Radfahrer an, die sich halsbrecherisch zwischen ihnen hindurchdrängeln. Dazu dröhnen an der Kreuzung Friedrichstraße die schweren Baumaschinen, der Mittelstreifen mit den namensgebenden Bäumen musste hier längst für die Baustelle des künftigen Kreuzungsbahnhofs Unter den Linden Platz machen. Ein Bummel auf Berlins ältester Prachtstraße ist schon seit gut anderthalb Jahren alles andere als ein Vergnügen. Und das wird mindestens bis 2016 auch so bleiben. Wie schön, dass der Berliner Nicolai Verlag zur Feier seines 300. Geburtstags eine Besonderheit aus dem Verlagsarchiv hervorgesucht hat, die nun zumindest einen virtuellen Bummel über den Boulevard erlaubt. Und das auch noch zu einer Zeit, in der lärmende Baumaschinen und motorisierte Fahrzeuge noch gar nicht erfunden waren.
Mit der sogenannten Lindenrolle, einem „Panorama der Straße Unter den Linden vom Jahre 1820“, hat der Verlag sich und allen Berlin-Fans ein Geschenk gemacht, das die Flaniermeile im Zentrum der Stadt zwischen Brandenburger Tor und Schlossbrücke im Format zehn Zentimeter mal 3,92 Meter beidseitig begehbar macht. „Diese fortlaufenden Darstellungen beider Seiten der Linden, welche das Brandenburger Thor schließt, sind verschiedentlich durch Figuren, Truppen, Reuter; Wagen usw. usw. und was sonst noch im täglichen Leben sich daselbst regt und bewegt mannigfaltig staffiert, und gewährt Einheimischen sowohl als Fremden eine angenehme täuschende Ansicht“ , heißt es in der Ankündigung zum Erscheinen des Panoramas in der Spenerschen Zeitung vom 18. November 1820.
Erste Auflage nach der Wiedervereinigung schnell vergriffen
Kurz nach der Wiedervereinigung im Jahr 1991 hatte der Nicolai Verlag das beeindruckende vier Meter lange Panorama schon einmal als Leporello herausgegeben. „Die Auflagenhöhe von 1991 lässt sich nicht mehr herausbekommen“, erläutert Kirsti Kriegel, Sprecherin des Nicolai Verlags. Bekannt dagegen ist der damalige Preis, 68 Deutsche Mark, sowie die Tatsache, dass das Buch schnell vergriffen war.
Zusätzlich erschien ebenfalls 1991 eine auf 500 Exemplare limitierte Sonderausgabe „in bedruckter Schmuckdose mit Rollenmechanik“, die der Nicolai Verlag zusammen mit der Königlichen Porzellan Manufaktur KPM herausbrachte. Damaliger Preis: Rund 500 Deutsche Mark und ebenfalls schnell vergriffen. Die Neuauflage zum Verlagsjubiläum orientiert sich indes an der Buchvorlage. Das vier Meter lange Leporello liegt einem Buch mit dem sehr informativen Erläuterungstext von Hans-Werner Klünner bei. Klünner, ein versierter Stadthistoriker und früherer Mitarbeiter der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, erläutert mit viel Liebe zum Detail die Entstehungsgeschichte der einzelnen Häuser und berichtet von ihren Bewohnern.
Älteste Darstellung der Straße
Zu erzählen gibt es eine ganze Menge zudem nicht nur von der Prachtstraße, sondern auch von der Lindenrolle, der ältesten Gesamtansicht der Straße Unter den Linden. So ist etwa bis heute unbekannt, wer der akribische Zeichner war, der architektonisch genau sämtliche Gebäude abbildete und obendrein liebevolle Alltagsszenen von raufenden Kindern, schnüffelnden Hunden, flanierenden Damen und marschierenden Soldaten schuf. Die Lindenrolle ist ein echtes Phänomen ihrer Zeit. So hatte der Maler Friedrich Tielcker ein Panorama erstellt, das Berlin aus der Vogelperspektive, vom Dach des Domes zeigte. Das eigentliche Vorbild für die Lindenrolle könnte jedoch eine um 1816 in Paris entstandene, jedoch wesentlich kleinere Rolle sein, die die Champs-Élysées abbildete.
Unklar ist auch, warum von der ursprünglich in zwei Fassungen verkauften Lindenrolle – einmal koloriert, einmal ohne Farbe – nur so wenige Exemplare erhalten geblieben sind. Schon 1908, als das Märkische Museum eine der farbigen Fassungen erwarb, galt die Lindenrolle als Rarität. 1982 jedenfalls gelang es dem Verein der Freunde und Förderer des Berlin Museums, aus dem Kunsthandel ein „vorzüglich erhaltenes, koloriertes Exemplar zu erwerben, das für die nun erstellte Publikation als Vorlage diente“, so Rolf Bothe, der damalige Direktor des Berlin Museums, in seinem Vorwort.
Mit vier Talern ursprünglich ziemlich teuer
Stadthistoriker Klünner jedenfalls stellt die These auf, dass der für die damalige Zeit hohe Verkaufspreis für die Rolle – vier Taler kostete die schwarz-weiß Version, stolze neun Taler die „illuminierte“ Fassung – dazu führte, dass die Lindenrolle wohl keine allzu große Verbreitung fand. Zum Vergleich: Vier Taler erhielt ein Lohndiener damals für sechs Tage Arbeit.
Da ist die Neuauflage doch deutlich erschwinglicher. Anlässlich des 300-jährigen Geburtstages hat der Nicolai Verlag sich eine eine interessante Preisgestaltung für das in diesem Herbst erschienene Buch einfallen lassen: Bis Jahresende wird es in Anlehnung an das Gründungsdatum des Verlages zum Jubiläumspreis von 17,13 Euro verkauft. ,Ab 2014 gilt dann der Preis von 24,95 Euro für die noch verbliebenen Exemplare der Auflage (2000 Exemplare).





