Um 13 Uhr löste sich die Angst von mehr als 12.000 Bürgern aus Oranienburg in einer 80 Meter hohen Staubwolke auf. Experten hatten einen fünf Zentner schweren Bombenblindgänger amerikanischer Herstellung erfolgreich am Lindenring gesprengt. Eine Entschärfung war, wie berichtet, nicht möglich gewesen. Verletzt wurde niemand, die Druckwelle beschädigte allerdings eine Fernwärmeleitung in der Nähe.
Weitere Schäden konnten zunächst nicht ausgeschlossen werden. „Die Häuser sind alle ordentlich mit Staub und Dreck eingezuckert“, sagte Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke (SPD) vor Ort. Um die Bombe war ein zwei Kilometer großer Sperrkreis in der Innenstadt gezogen worden. 12.000 Menschen mussten ihre Wohnung verlassen oder konnten ihren Arbeitsplatz nicht erreichen. Auto- und Bahnverkehr waren gesperrt.
In den Morgenstunden des Mittwochs glich das Zentrum einer Geisterstadt. Die für zwölf Uhr geplante Sprengung musste um eine Stunde verschoben werden, weil die Evakuierung einiger Pflegeheime länger dauerte als erwartet. Zudem drangen mehrere Jugendliche in den Sperrkreis ein, sie wurden von der Polizei zurückgeleitet.
Bereits 176 entschärfte Weltkriegsbomben
Laut Hans-Joachim Laesicke hätten die Oranienburger mit Entschärfungen oder Sprengungen von Weltkriegsbomben bereits Erfahrung: 175 Funde wurden seit 1990 registriert. Der jetzige Fall 176 war seinen Angaben nach besonders heikel, weil der US-Blindgänger sehr dicht an einem mehrgeschossigen Wohnhaus lag.
„Die Sprengmeister haben alles dafür getan, die Schäden so gering wie möglich zu halten. Spundwände und Strohballen-Berge wurden aufgezogen, damit sich die Druckwelle nicht seitwärts ausbreiten kann.“ Um 13 Uhr dann drückten die Feuerwerker den Knopf, die Bombe explodierte kontrolliert.
Kommune muss die Kosten alleine tragen
Für Dirk Weniger ist es schon zur Normalität geworden, dass bei „Bombeneinsätzen“ sein Lokal „Zum Lindenwirt“ an der Kremmener Straße zur zeitweiligen Wohnstube für die Anwohner wird, die ihre Wohnung verlassen müssen. Pünktlich um 7.30 Uhr hatte er am Mittwoch die Gaststätte eröffnet. Die 30 Tisch- und sechs Thekenplätze waren schnell besetzt. „Ich habe die genaue Zahl nicht im Kopf, doch seit ich das Lokal vor 25 Jahren übernommen habe, nehme ich bestimmt schon zum 30. Mal Evakuierte bei mir auf“, berichtete der 51-Jährige.
Deshalb kennt er auch die 57 Jahre alte Ines Jung, die sich an einer Kaffeetasse wärmte und einen Band von „Herr der Ringe“ vor sich hatte. „Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, mehr als 100 Evakuierungen habe ich hier schon erlebt“, sagte sie und ergänzte: „Es wäre für Oranienburg und die Region gut, wenn sich der Bund an der Beseitigung von alliierten Bomben beteiligen würde. Zuschüsse gibt es nur für die Bergung oder Vernichtung von deutscher Weltkriegsmunition.“ Die Kommunen müssen die Kosten allein tragen.
Weitere 300 Blindgänger vermutet
In dem Gebiet rund um Oranienburg werden noch 300 weitere Blindgänger vermutet. Der nächste Großeinsatz steht schon am Freitag an. Nach offiziellen Angaben wurde in den Havelwiesen zwischen Hohen Neuendorf und Birkenwerder (Kreis Havelland) ebenfalls eine 250-Kilo-Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt.
Ersten Untersuchungen zufolge ist der Aufschlagzünder defekt, der Kampfmittelbergungsdienst (KMBD) hat einen 50-Meter-Sperrkreis rund um die Fundstelle einrichten lassen, der bewacht wird. Auch in diesem Fall ist eine Entschärfung vor Ort nicht möglich, die Bombe kann nicht transportiert werden. Seit Dienstag wurden deshalb bereits 64 Kubikmeter Strohballen angefahren, um eine eventuelle Druckwelle besser abfangen zu können.
Die Sprengung ist für elf Uhr geplant, zu diesem Zeitpunkt wird der Sperrkreis auf einen Kilometer erweitert. Bereits drei Stunden vorher darf sich niemand mehr innerhalb dieses Radius aufhalten. Sicherungstrupps der Stadtverwaltung und der Feuerwehr werden ab acht Uhr jedes Haus kontrollieren und Verbliebene in Sicherheit begleiten. Die Wasserstraße/Havel wird von der Wasserschutzpolizei gesichert.
Sperrkreis soll am Freitag drei Stunden aufrecht erhalten werden
„Unser Ziel ist es, die Neutralisierung schnellstmöglich zu schaffen. Das funktioniert aber nur, wenn bis elf Uhr das Gebiet wirklich komplett frei ist und niemand seine privaten Anliegen hier höher bewertet als die allgemeine Sicherheit“, so Wolfgang Narewski, der bei der Stadtverwaltung für Ordnung und Sicherheit zuständig ist. Sollte alles planmäßig verlaufen, kann der Sperrkreis um 14 Uhr wieder aufgehoben werden.
Wer nicht bei Bekannten oder auf der Arbeitsstelle unterkomme, könne sich in der Turnhalle der Grundschule Niederheide aufhalten. Evakuierte würden mit Getränken und Essen aus der Gulaschkanone versorgt. Das Ende des Sperrkreises werde durch einen lauten Sirenenton bekannt gegeben.




