Nach leichter Verzögerung ist eine fünf Zentner schwere Weltkriegsbombe in Oranienburg kurz vor 13 Uhr gesprengt worden. Eine dicke 80 Meter hohe Staubwolke wurde aufgewirbelt. Ursprünglich sollte der Blindgänger um 12 Uhr kontrolliert detonieren.
„Zu gravierenden Schäden soll es nach der ersten Inaugenscheinnahme nicht gekommen sein. Aber das ist mit aller Vorsicht zu genießen, weil die Häuser ordentlich mit Staub und Dreck eingezuckert sind“, erklärte Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke (SPD). „Einige kleine Risse in Häuserwänden, zerborstene Dachluken: Das ist wohl alles, was passiert ist“, so Laesicke.
Zunächst war befürchtet worden, bei der Explosion sei eine Fernwärme-Leitung beschädigt worden. Mitarbeiter der Stadtwerke hatten aber für Reparaturen oder eine Notversorgung bereit gestanden. Gegen 15 Uhr wurde der Sperrkreis aufgehoben, die Anwohner konnten in ihre Wohnungen zurückkehren. Auch der S-Bahn-Verkehr auf der Linie S1 wurde kurz darauf wieder aufgenommen.
Seit diesem Mittwochmorgen durfte sich für mehrere Stunden in der Innenstadt niemand aufhalten. Rund 12.000 Menschen - mehr als Viertel der Einwohner Oranienburgs - mussten einen zwei Kilometer großen Sperrkreis verlassen. Auch Behörden waren betroffen. Mitarbeiter des Rathauses, des Landratsamts sowie der Polizeiinspektion Oberhavel mussten ausweichen.
Bahnreisende mussten sich ebenfalls auf erhebliche Behinderungen einstellen. Ab 7.45 Uhr wurde der Regionalbahn- und S-Bahn-Verkehr unterbrochen. Die Linie RE5 fällt noch bis zum Nachmittag zwischen Nassenheide und Berlin-Gesundbrunnen aus. Auf der RB12 fahren zwischen Berlin-Lichtenberg und Löwenberg (Mark) Busse. Zwischen Birkenwerder und Oranienburg fiel die RB20 aus. Auch der Straßenverkehr war betroffen. Noch bis zum Nachmittag wurde eine Umfahrung des Oranienburger Stadtzentrums empfohlen.
Bereits Bombe Nummer 176
Die Räumung verlief zunächst ohne Komplikationen. „Gegen 9 Uhr wirkte die Innenstadt schon fast menschenleer“, sagte Bürgermeister Laesicke. Doch gegen Mittag waren dann noch Jugendliche in das Sperrgebiet eingedrungen. Für sie bestand Lebensgefahr, die Polizei musste die Jugendlichen suchen und aus dem Gefahrenbereich bringen. Die Sprengung musste schließlich um eine Stunde verschoben werden.
Für die Oranienburger sind Entschärfung oder Sprengung von Blindgängern eigentlich Routine. Seit dem Jahr 1990 bis zu dieser Bombe wurden seit dem Jahr 1990 bereits 176 Bomben entschärft oder gesprengt. Die Zahl der Bomben, die vor der Wende entschärft wurden, ist nicht bekannt.
So zeigten sich viele Anwohner am Morgen auch gelassen, so auch Wirt Dirk Weniger. Wird in Oranienburg eine Bombe entschärft oder gesprengt, dann ist seine Gaststätte an der Kremmener Straße die zeitweilige „Wohnstube“ für die Oranienburger, die ihre Wohnungen verlassen müssen.
Pünktlich um 7.30 Uhr hatte er den Gastraum geöffnet. „Ich habe die Zahl nicht mehr im Kopf, doch seit ich die Gaststätte vor 25 Jahren übernommen habe ist es bestimmt mehr als 30 Mal der Fall gewesen, dass bei mir Evakuierte für ein paar Stunden Unterschlupf finden" sagte der 51 jährige.
Bürgermeister: „Ungutes Gefühl“
Allerdings war bei Bombe Nummer 176 einiges anders. „So eine Bombe hatten wir noch nicht, die so dicht an einem mehrgeschossigen Wohngebäude liegt“, hatte Bürgermeister Laesicke gewarnt. Der Blindgänger amerikanischer Herkunft war am Montag zwischen zwei Wohnblöcken in 4,50 Meter Tiefe entdeckt worden. Der Zustand des Langzeitzünders der fünf Zentner schweren Bombe war zu schlecht, um den Sprengkörper zu entschärfen, begründeten Experten die Sprengung.
In den Mietshäusern, zwischen denen die Bombe gefunden wurde, wohnen 43 Familien. Sie packten am Morgen vorsorglich etwas mehr ein, als die Anwohner der weiter entfernt liegenden Wohnungen. Helfer stellten Spundwände und Strohballen-Berge auf, damit sich die Druckwelle nicht seitwärts ausbreiten konnte.
„Nach der letzten Bombensprengung haben die Menschen Angst um ihr Hab und Gut“, sagte Bürgermeister Laesicke vor der Sprenung. Vor zwei Wochen war im Stadtgebiet eine 500-Kilo-Bombe gesprengt worden, weil auch hier der chemische Zünder des Blindgängers in einem sehr schlechten Zustand war. Dabei wurde ein Einfamilienhaus zerstört. Weitere wurden bei der Detonation beschädigt.
Auch für Horst Reinhardt, Technischer Leiter beim Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD), war die Sprengung kein Routine-Fall. Der 62-Jährige, der die Bombe später unschädlich machte, hatte dies mehr als 150 Mal in seinen zurückliegenden 41 Dienstjahren getan. Vor der Sprengung sagte er dennoch: „Ich kann nicht abschätzen, wie groß die Schäden sein werden.“
Neue Bombe bei Hohen Neuendorf entdeckt
Zeit zum Verschnaufen gibt es kaum: Während der Sprengungsaktion wurde nahe der Stadt ein weiterer Blindgänger entdeckt: Eine Fünf-Zentner-Bombe in den Havelwiesen. Sie soll am Freitagmorgen gesprengt werden, wie die Stadtverwaltung Hohen Neuendorf (Oberhavel) mitteilte. Etwa 1200 Bewohner in Hohen Neuendorf und weitere 800 Menschen im benachbarten Birkenwerder müssen dann ihre Häuser verlassen.
plet/dpa/ap/mim












