Potsdam

Auch der Geschäftsführer der IHK steht unter Druck

Nach dem Rücktritt des Präsidenten wegen massiver Vorwürfe der Vetternwirtschaft und Verschwendung ist nun IHK-Hauptgeschäftsführer René Kohl stark unter Druck geraten. Doch er will im Amt bleiben.

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Sie waren ein enges, eingespieltes Team, der langjährige Präsident der Industrie- und Handelskammer Potsdam, Victor Stimming, und der Hauptgeschäftsführer der IHK, René Kohl. Schulter an Schulter posierten die beiden in feinem, dunklen Zwirn auf einem Wahlplakat zum Endspurt der IHK-Wahl 2012 als „die Macher“. Inzwischen ist Präsident Stimming nach massiven Vorwürfen der Vetternwirtschaft und der Verschwendung von seinem Ehrenamt zurückgetreten.

Geschäftsführer René Kohl hingegen will im Amt bleiben. „Ich habe nur die Beschlüsse der Gremien umgesetzt“, sagte Kohl der Berliner Morgenpost. „Es gibt keinen Grund für mich, einen Rücktritt anzubieten.“ Doch innerhalb der 77.000 Kammer-Mitglieder werden die Forderungen immer lauter, dass auch Kohl Konsequenzen aus der Protz-Affäre zieht. „Wir brauchen einen kompletten Neuanfang“ sagte ein einflussreiches Mitglied der Berliner Morgenpost.

Vollversammlung will Transparenzregeln erarbeiten

Nach Informationen der Berliner Morgenpost hat die amtierende IHK-Präsidentin Beate Fernengel dem Hauptgeschäftsführer Anfang der Woche geraten, Urlaub zu beantragen. Den trat René Kohl zunächst auch an. Am Dienstag kam er aber überraschend zurück. Eine Suspendierung kann nur das IHK-Präsidium beschließen.

Wieweit Kohl für die mutmaßlichen Verfehlungen des früheren Präsidenten verantwortlich zu machen ist, steht noch nicht fest. Denn vieles scheint vom damaligen Präsidium und teilweise auch von der Vollversammlung abgesegnet gewesen zu sein. „Wir sind häufig den Empfehlungen des Hauptgeschäftsführers gefolgt“, sagt aber ein Kammermitglied. „Da wir alle nur ehrenamtlich tätig und in unseren Berufen sehr engagiert sind, haben wir vieles zu wenig hinterfragt.“ Das werde sich künftig ändern.

Die 80 Mitglieder der Vollversammlung wollen neue Transparenzregeln erarbeiten. Vize-Präsidentin Fernengel hat die Präsidentschaft kommissarisch übernommen. „Ich werde der Vollversammlung am 11. Dezember vorschlagen, eine externe Wirtschaftsprüfungsgesellschaft zu beauftragen“, sagte Beate Fernengel der Morgenpost. „Wir sind auf einem guten Weg.“

70.000 Euro teurer Mercedes für den IHK-Chef

Noch aber gibt es mehr Fragen als Antworten. Weshalb dem ehrenamtlichen Präsidenten eine aus den Zwangsmitgliedsbeiträgen bezahlte Sekretärin zustand, die ihren Arbeitsplatz nicht einmal in der IHK, sondern in seiner privaten Baufirma in Brandenburg/Havel hatte. Weshalb für seine Altersvorsorge auf Beschluss des früheren Präsidiums vom 23. August 2012 Rückstellungen von einer halben Million Euro gebildet werden sollten, was die Rechnungsprüfstelle dann aber verhinderte.

Auch: Weshalb der Potsdamer IHK-Chef einen rund 70.000 Euro teuren Mercedes fahren konnte, während dem Berliner IHK-Präsidenten von der Kammer weder ein Dienstwagen noch eine Sekretärin zur Verfügung gestellt wird. Stimming soll zudem eine Aufwandsentschädigung von mindestens 20.000 Euro pro Jahr erhalten haben. Sein Berliner Kollege lässt sich nur die Dienstreisekosten erstatten.

Dann sind da noch ein Beraterhonorar von 31.000 Euro für Dienstleistungen beim Bau der IHK-Zentrale und zwei Bauaufträge an Firmen der Familie. „Wir haben Unterlagen von der IHK Potsdam angefordert aber bislang noch nicht erhalten“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Freitag. Die Behörde prüft, ob ein Anfangsverdacht der Untreue vorliegt.

„Dienst-Reise“ nach Malta, finanziert aus Mitgliedsbeiträgen

Die Staatsanwaltschaft interessiert sich vor allem für die Verwendung der Sekretärin und eine „Dienst-Reise“ nach Malta. Auf der Mittelmeerinsel hat das alte Präsidium 2012 getagt, wohl finanziert aus IHK-Mitgliedsbeiträgen. Nur ein Mitglied, das damals mit dabei war, ist heute noch im Präsidium vertreten, der Neuruppiner Gastrobetreiber Bert Krysnowski. Auch er schweigt.

Hauptgeschäftsführer Kohl weigert sich gegenüber dieser Zeitung, Fragen zu der Luxus-Sitzung zu beantworten. Den Vorwurf, er habe dem Präsidenten die Sekretärin bewilligt, weist er aber zurück. Nicht er, sondern die Kammer habe im Jahr 2000 entschieden, Stimming in seinem Unternehmen eine Sekretärin zur Verfügung zu stellen. „Das war noch vor meiner Amtszeit“, sagt Kohl. Auch zu anderen Vorgängen war von ihm keine Stellungnahme zu erhalten. Hauptgeschäftsführer Kohl hat – wie Stimming – die Vorzüge des Amtes offensichtlich genossen.

Seinem Dienstwagen ließ der Angestellte als Kennzeichen seine Initialen verpassen, P-RK, für Potsdam – und René Kohl. IHK-Mitglieder nahmen ihm das als eitle Spielerei sehr übel. „Das ist seine Welt“, sagte ein Mitglied der Kammer. „Stars, Sternchen und Schnittchen.“ René Kohl ist stolz auf den Erfolg des jährlichen Balls der Wirtschaft. Rund 650 zum Teil prominente Gäste feierten dieses Jahr mit.

Ein enges, eingespieltes Team

Im Oktober 2006 hatte René Kohl den Sprung vom Büroleiter zum IHK-Hauptgeschäftsführer geschafft. Der heute 45-Jährige arbeitete nach der politischen Wende zunächst im Landesrechnungshof, danach war er Büroleiter der damaligen CDU-Landtags-Fraktionschefin und anschließend des damaligen Wirtschaftsministers Ulrich Junghanns (CDU).

Ehrgeizig war er schon immer: Kurz vor dem Mauerfall ging er Ende der 1980er-Jahre als Berufssoldat zur NVA, wurde Hubschrauberpilot. Gerüchte, wonach es eine Stasi-Verstrickung gebe, bestätigten sich nicht. Auch jetzt hieß es, bei der IHK liege keine Stasi-Freizeichnung vor. Kohl weist den Vorwurf entschieden zurück. Die Stasi-Unterlagenbehörde habe ihn überprüft.

„Ich will aufklären“, sagt Kohl nach dem Rücktritt von Stimming. IHK-Mitglieder fragen sich, ob er der Richtige dafür ist. Denn bislang deute nichts darauf hin, dass er als Geschäftsführer die verschwenderische Amtsführung des Präsidenten verhindert hätte. Im Gegenteil. Beide seien sie ein enges, eingespieltes Team gewesen.