Seit August bietet Brandenburgs Zentrale Ausländerbehörde in Eisenhüttenstadt Unterricht für Flüchtlingskinder an. „Ich heiße Roman, bin ein Junge und zehn Jahre alt. Ich wohne in Eisenhüttenstadt“, sagt einer der Schüler.

Er ist vor einigen Monaten mit seiner Familie aus Tschetschenien gekommen. Seitdem lebt er in der zentralen Erstaufnahmestelle für Asylbewerber. Schulunterricht hat Roman seit sieben Wochen. 19 Stunden in der Woche lernt er deutsche Vokabeln und Zahlen, liest in der Fibel oder von der Tafel – mit Erfolg.

Seit mehreren Monaten gibt es diesen Schulunterricht. Bisher haben 50 Mädchen und Jungen im Alter zwischen sechs und 15 Jahren teilgenommen. Das ist deutschlandweit einmalig, denn Schulpflicht besteht für die Flüchtlingskinder erst nach der sogenannten Erstaufnahme in Eisenhüttenstadt, wenn sie mit ihren Familien in Heime der Brandenburger Landkreise und Kommunen verteilt werden.

Große Nachfrage kann nicht befriedigt werden

„Mit dem Schulunterricht wollen wir den Kindern die Integration erleichtern. Und die fängt mit der Sprache an“, sagt der Leiter der zentralen Ausländerbehörde, Frank Nürnberger. „Wenn sie dann nach der Verteilung in normale deutsche Schulen kommen, fällt ihnen das Lernen schon leichter und sie finden schneller Anschluss.“

Das zusätzliche Angebot des Landes Brandenburg werde von den Flüchtlingsfamilien gern angenommen. „Wir haben mehr Nachfragen als Plätze. Vor allem die Eltern legen Wert darauf, dass ihre Kinder vorankommen“, sagt Nürnberger. Allerdings kann die große Nachfrage noch nicht komplett befriedigt werden.

Immerhin sind mehr als ein Drittel der rund 600 derzeitigen Bewohner des Erstaufnahmeheims in Eisenhüttenstadt Kinder, nicht alle im schulpflichtigen Alter, aber die meisten. Sie stammen größtenteils aus Tschetschenien und Serbien. „Wir haben bisher vier Klassen mit insgesamt 50 Schülern. Demnächst werden wir zwei weitere Klassen aufmachen, die Räume werden gerade umgestaltet“, erzählt der Behördenleiter. Das Mobiliar stammt aus dem Eisenhüttenstädter Oberstufenzentrum: Schulbänke, Projektoren und Tafeln. Die Erstausstattung der fremden Schüler mit Stiften und Lernmappe übernimmt das Land.

„Sie brauchen noch mehr Liebe als andere Kinder“

Insgesamt acht Lehrer hat das staatliche Schulamt auf Geheiß des Bildungsministeriums für diesen besonderen Schulunterricht eingesetzt. Normalerweise unterrichten sie an der Eisenhüttenstädter Astrid-Lindgren-Grundschule sowie an der Otto-Buchwitz-Förderschule der Stadt. So wie Kornelia Mager, Klassenleiterin einer 6. Klasse und Lehrerin für Deutsch, Geschichte und politische Bildung. Außerdem hat sie eine Qualifikation für den Unterricht mit lese- und rechtschreibschwachen Schülern. In der Erstaufnahmeeinrichtung hat sie es quasi mit ABC-Schützen zu tun. Sie ist stolz darauf, was ihre Schützlinge wie beispielsweise Roman bereits gelernt haben.

Was sie besonders beeindruckt, sind Lernwille und Disziplin der kleinen Ausländer. Bei den Fragen der Lehrerin schnellen die Finger in die Höhe, jeder möchte dran kommen und die richtige Antwort geben. „Die Mädchen und Jungen sind einfach dankbar, dass wir ihnen etwas beibringen, und das macht auch uns Spaß“, sagt Mager, die angetan ist von dieser neuen Herausforderung. Unterschiede zu deutschen Kindern sieht sie nicht. „Sie brauchen allerdings noch mehr Liebe als andere Kinder, weil ihnen in der Fremde die Geborgenheit fehlt.“ Auch wenn sie die ausländischen Schüler nur für eine kurze Zeit betreue, würden sie ihr ans Herz wachsen, sagt die Lehrerin.

Kürzlich wurde die 52 Jahre alte Pädagogin von ihren Schützlingen mit einem Geburtstagsständchen auf Deutsch sowie einem Blumenstrauß überrascht. Dass die Mädchen und Jungen intensiv etwas lernen können, liegt vor allem an der langen Verweildauer der Asylbewerber in der Erstaufnahmestelle.

Weitere Wohncontainer auf dem Gelände

„Normalerweise sollten sie nicht länger als drei Monate hier sein, um erste Formalien zu klären. Aufgrund der erhöhten Flüchtlingsströme und fehlender Kapazitäten in den Kommunen können wir sie aber nicht so schnell verteilen wie angestrebt“, sagt Nürnberger, der monatelang eine völlig überfüllte Erstaufnahmeeinrichtung führen musste.

Inzwischen hat sich die Lage etwas entspannt. Im Dezember werden zudem weitere Wohncontainer auf dem Gelände aufgestellt, sodass die Flüchtlinge nicht länger in Provisorien leben müssen. Sobald Plätze für den Schulunterricht durch den Umzug von Familien in die Kreise frei werden, rücken andere Kinder nach.

Grundschullehrerin Angelika Tietze etwa unterrichtet gerade eine komplette Klasse mit Flüchtlingen zwischen sechs und elf Jahren, die gerade erst nach Eisenhüttenstadt gekommen sind und noch kein Deutsch sprechen. Viel erklärt sie spielerisch mit Gesten und Bildern, aber eben auch immer wieder geduldig auf Deutsch. „Sie lernen sehr schnell, verstehen viel“, sagt die Pädagogin und beginnt wie bei deutschen Erstklässlern mit dem Alphabet. Zwei Mütter, die mit ihren beiden Söhnen bittend vor der Tür zum Klassenzimmer stehen, muss sie ablehnen. „Mehr als zwölf Schüler auf einmal geht nicht. Die Kinder sollen ja auch was lernen“, sagt sie energisch.

Betreuer für Erwachsene werden gesucht

Auf weniger Resonanz ist bislang die Werbung der zentralen Ausländerbehörde um ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuer gestoßen. „Wir brauchen Betreuer, weil auch viele erwachsenen Bewohner Deutsch lernen wollen“, sagt Behördenleiter Nürnberger. Ein pensionierter Lehrer unterrichtet einmal pro Woche. Er ist bisher die rühmliche Ausnahme, abgesehen von den Mitarbeitern der Regionalen Arbeitsstelle für Ausländerfragen.

Inzwischen haben sich aber auch Studenten der Frankfurter Europa-Universität Viadrina gemeldet. Sie wollen ebenfalls Deutschunterricht geben. In der Kita des Erstaufnahmeheimes hilft zudem eine junge Frau ehrenamtlich aus. Sie will solange bleiben, bis sie einen neuen Job gefunden hat. Weitere Unterstützung ist erwünscht, nicht nur beim Sprachenlernen. „Wir könnten auch Handwerker gebrauchen, die gemeinsam mit den Bewohnern etwas tun, oder Leute, die Freizeitaktivitäten anbieten“, sagt Nürnberger.