Brandenburg

Warum Fürstenwalde sich nun „Domstadt“ nennt

Der spätgotische Dom ist das Wahrzeihen von Fürstenwalde. Nun darf sich die Stadt offiziell „Domstadt“ nennen. Zwei Drittel der Einwohner votierten dafür. Kritiker sprechen von einer „Dorfkirche“.

„Domstadt Fürstenwalde“ steht auf dem braun-weißen Hinweisschild an der Autobahn 12. Doch die schmückende Bezeichnung „Domstadt“ gibt es für den 32.000-Einwohner-Ort an der Spree so noch gar nicht offiziell. Und dass, obwohl der imposante spätgotische Backsteinbau bereits seit 543 Jahren quasi Wahrzeichen von Fürstenwalde ist. Doch nun hat sich die Stadt für den schmückenden Namenszusatz entschieden, und zwar einstimmig.

Zuerst taten sich die Fürstenwalder schwer: Seit Monaten wurde diskutiert, ob die Spreestadt den Dom in der Bezeichnung tragen soll oder nicht. Die Idee dazu hatte der Fürstenwalder Dompfarrer Martin Haupt schon vor Jahren, wie er erzählt. Spätestens seit der umfassenden Rekonstruktion und Wiedereinweihung des stark kriegszerstörten Gotteshauses im Jahr 1995.

Mehr als sieben Million Euro waren über Jahrzehnte in den Wiederaufbau der ehemaligen Domkirche des Bistums Lebus geflossen. „In ganz Berlin und Brandenburg gibt es mit Brandenburg an der Havel und Fürstenwalde nur zwei echte Domstädte. Echt heißt, dass sie Bischofssitz waren oder sind“, sagt Martin Haupt.

Fürstenwalder Bürger stimmen für den Zusatz „Domstadt“

Irgendwann erreichte die Diskussion das Fürstenwalder Stadtparlament, wie sich dessen Vorsitzender Jürgen Teichmann erinnert. Normalerweise hätten die Stadtparlamentarier autark darüber entscheiden können. Die Fraktion „Die Linke“ wollte allerdings erst das Volk befragen. Und so waren die Fürstenwalder am vergangenen Sonntag aufgerufen, nicht nur für den Bundestag an die Wahlurne zu treten, sondern auch über den Namenszusatz „Domstadt“ abzustimmen. Das Ergebnis – zwei Drittel der Wähler, rund 8650 stimmten dafür – war mit Spannung erwartet worden.

Während es erwartungsgemäß viele Befürworter gibt, die angesichts von jährlich knapp 30.000 Dombesuchern vor allem touristische Potenziale sehen, melden sich auch immer wieder Kritiker, die den Namenszusatz für „überzogen“, „größenwahnsinnig“ halten, weil der Fürstenwalder Dom im Vergleich zu ähnlichen, weitaus bekannteren Bauten etwa in Köln oder Speyer doch eher eine „Dorfkirche“ sei. Dem widerspricht Dompfarrer Haupt entschieden.

Fürstenwalder Domes 1945 stark beschädigt

Dass die Einwohner der größten Stadt im Landkreis Oder-Spree sich ihres Domes und seiner Bedeutung durchaus bewusst sind, bewiesen sie vor acht Jahren durch eine große Spendenbereitschaft für eine neue Orgel. Ganz neu war das Instrument der Potsdamer Orgelbaufirma Schuke allerdings nicht. Sie wurde in Leipzig nicht mehr gebraucht und musste für den Fürstenwalder Dom umgebaut, um zwölf Register erweitert und angepasst werden.

Mit dem Einbau von kirchlichem Exil-Inventar haben die Fürstenwalder bereits Erfahrung. So stammt der hölzerne Barock-Altar aus der ehemaligen Mönchskirche in Jüterbog. „Wir mussten notgedrungen auf solche Lösungen zurückgreifen, denn mit der Zerstörung nach Tieffliegerangriffen im April 1945 verbrannte auch die Original-Ausstattung des Domes fast komplett“, erzählt Haupt. Im Laufe der Jahrhunderte war der gotische Sakralbau mit der dreischiffigen Hallenkirche, mehrfach geplündert, gebrandschatzt, vom Blitz getroffen und von Bränden heimgesucht worden. Nur einige eingemauerte Epitaphen und das heutzutage höchst seltene Sakramentshaus von 1517 überstanden das Bombardement wie durch ein Wunder fast unbeschadet. Das Votum der Bürger für den Namenszusatz war kein Abstimmungsergebnis im verbindlichen Sinne, an dass die Stadt rechtlich gebunden war. Die Abgeordneten legten das Ergebnis für ihre nächsten Sitzung in dieser Woche zugrunde. „Sie orientierten sich daran und stimmten abschließend einstimmig dafür“, so Teichmann.

Dom hat hohes Identifikationspotenzial

Der Namenszusatz ist allerdings nicht amtlich, schränkt Stadtsprecherin Annegret Trilling ein. „Er kann, muss aber nicht zwingend verwendet werden.“ Der Dom habe ein hohes Identifikationspotenzial, könne für die touristische Vermarktung genutzt werden, sagt sie. Eine Veränderung des Fürstenwalder Stadtlogos oder der postalischen Adressen werde es aber nicht geben und damit auch keine zusätzlichen Kosten, entgegnet Annegret Trilling Kritikern. Lediglich auf den Ortseingangsschildern, die laut Trilling ohnehin erneuert werden müssten, werde zunächst der Zusatz „Domstadt“ über dem Namenszug „Fürstenwalde/Spree“ angebracht.

„Im Gegensatz zu früher, muss eine Stadt so eine Namensergänzung laut einem Beschluss des Brandenburger Landtages heute lediglich anzeigen. Bis vor gut einem Jahr hingegen war sie verpflichtet, so eine Änderung noch beim Brandenburger Innenministerium zu beantragen“, weiß Fürstenwaldes Stadtsprecherin. Das hatte damals auch Frankfurt an der Oder leidvoll erfahren müssen. Die Stadt genehmigte sich den Namenszusatz „Kleiststadt“, musste die Schilder aber wieder umändern. Rechtlich war der Namenszusatz unzulässig. Inzwischen schmückt sich die Grenzkommune in Kooperation mit ihrer polnischen Partnerstadt Slubice mit dem Beinamen „Europäische Doppelstadt“.

Einen längeren Atem bewies hingegen Neuruppin, der Zusatz „Fontanestadt“ wurde per Satzung beschlossen und genehmigt. Er hat sich durchgesetzt. Seit Ende vergangenen Jahres trägt die erste Stadt im Landkreis Oder-Spree ebenfalls einen Beinamen: Erkner ist nun „Gerhart-Hauptmann-Stadt“, da der Dichter dort einst vier Jahre dort lebte.

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