Demografie

In Brandenburg kurbeln Dorfkümmerer das Leben an

Das Projekt ist bundesweit einzigartig: Frauen und Männer kümmern sich in Brandenburg ehrenatmlich um den Erhalt der Dorfgemeinschaft. Ihre offizielle Bezeichnung: Dorfkümmerer.

Foto: Patrick Pleul / ZB

Der Ort, in dem er lebt, ist „ein Geschenk Gottes“. So beschreibt Hans-Jürgen Bewer sein Altkünckendorf. Nur wenige Meter von seinem Haus entfernt liegt der Buchenwald Grumsin im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Seit Juni 2011 zählt der Forst wegen seiner Einzigartigkeit zum Weltkulturerbe. Die alte Dorfkirche ist hübsch saniert. In Altkünckendorf gibt es ein Landschulheim, aber keine Schule. Ein Dorfgemeinschaftshaus und keine Gaststätte. 180 Leute wohnen in dem uckermärkischen Dorf. Mit 71 Jahren könnte Hans-Jürgen Bewer seinen Ruhestand auf der Terrasse genießen, doch er sagt: „Das Leben darf nicht am Gartenzaun des eigenen Grundstücks enden.“ Seit vorigem Jahr ist der Diplomingenieur ein sogenannter Dorfkümmerer.

Dorfkümmerer sollen die anderen motivieren

Das Projekt hat die soziale Beratungsagentur IQ Consult in Brandenburgs abgelegene Regionen gebracht. Deutschlandweit einmalig, soll damit das Gemeinschaftsleben in den ländlichen Regionen Brandenburgs gestärkt werden. „Ein Dorfkümmerer ist in erster Linie jemand, der die anderen Bewohner motiviert, Neues zu wagen“, beschreibt der Geschäftsführer des Berliner Sozialunternehmens, Norbert Kunz, die Herausforderung. Mit Unterstützung des Dorfkümmerers könnten zum Beispiel Lösungen bei Problemen im Nahverkehr gefunden werden. Die Idee ist, Menschen dafür zu gewinnen, die aus den Regionen selbst stammen. „Die Aufgabe ist nichts für Quertreiber, sondern für Bewohner, die in den Gemeinden anerkannt sind und die den Zusammenhalt stärken“, sagt Kunz.

Neben Hans-Jürgen Bewer in Altkünckendorf sind seit Juni 2012 weitere sieben Dorfkümmerer in der Uckermark, in Oberhavel und im Barnim im Einsatz. Die soziale Beratungsagentur IQ Consult hatte sie über eine Ausschreibung in den örtlichen Zeitungen gefunden und sie in einem zehntägigen Workshop auf die Aufgabe vorbereitet. Alle sind älter als 55 Jahre. Angelehnt ist die Initiative laut Kunz an ein spanisches Projekt. Scouts dienten dort in entlegenen Regionen als Organisatoren und Ansprechpartner für Firmen. Finanziert wird die Initiative in Brandenburg mit rund 100.000 Euro aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF). Die monatlichen 400 Euro Aufwandsentschädigung pro Kümmerer übernimmt ein Fonds der Generali-Versicherungsgruppe. „Wir finanzieren das Projekt, weil es kein Projekt ist“, sagt Uwe Amrhein von Generali. „Ein Projekt kommt und geht, aber die Dorfkümmerer bleiben.“

Schon Ende 2113 endet Finanzierung

Ob das so ist, wird sich noch zeigen. Denn im Dezember 2013 endet zunächst einmal die Finanzierung. Es wird bereits versucht, bis Ende 2014 zu verlängern. Bis dahin hoffen die Initiatoren, dass sich andere Geldquellen in den Regionen auftun. Brandenburgs Sozialminister Günter Baaske (SPD) setzt auf die Dorfkümmerer. „Oft schwindet die Kraft, um in den Dörfern Neues entstehen zu lassen und auch Bewährtes zu erhalten“, sagt Baaske. „Häufig wird am Tisch bei Freunden oder zu Hause diskutiert, was sich alles ändern sollte, aber nichts geschieht.“ Dorfkümmerer könnten helfen, die Ideen umzusetzen. „Ein Dorfkümmerer sorgt dafür, dass der Schatz entdeckt und gehoben wird.“ Laut Baaske wird 2030 die Hälfte der Brandenburger innerhalb des sogenannten Speckgürtels um Berlin leben, die andere außerhalb. „Die eine Hälfte wohnt damit auf zehn Prozent der Landesfläche, die andere auf 90 Prozent.“

Bislang haben die ehrenamtlichen Helfer in den berlinfernen Gegenden 15 Projekte angestoßen. Hans-Jürgen Bewer etwa, der Dorfkümmerer von Altkünckendorf bei Angermünde, hat sich dafür starkgemacht, den Grumsiner Wald für die Entwicklung im Ort besser zu nutzen. „Unser Buchenwald steht als Weltkulturerbe auf einer Stufe mit dem Grand Canyon in Arizona“, sagt Bewer. Am 3. Mai eröffnet nun dank seines Engagements der Informationspunkt Weltkulturerbe für Touristen in Altkünckendorf. Er konnte die Stadt Angermünde überzeugen, die Kosten für den Infopunkt mit der interaktiven Ausstellung, einem Imbiss, Toiletten und einem Parkplatz mit zu übernehmen. Hans-Jürgen Bewer hatte früher im PCK Schwedt gearbeitet, 1999 zog er mit seiner Frau nach Altkünckendorf. Aus der Familie kamen bereits mehrere Ideen für das Dorf. Die Bürger honorierten das, indem Bewer Ortsvorsteher wurde. Der Sohn brachte vor Jahren den Vorschlag ein, in Altkünckendorf einen Natur-Marathonlauf zu starten. Er findet seither regelmäßig statt.

Projekte von der Dorfküche bis zur Zukunftswerkstatt

Auch Ursula Macht ist Dorfkümmerin. Sie will in ihrem Dorf – dem uckermärkischen Flieth-Stegelitz – den sanften Tourismus ankurbeln. Die 58 Jahre alte Literaturwissenschaftlerin und Dolmetscherin ist vor vier Jahren von Berlin in den 134-Einwohner-Ort gezogen. Sie sagt: „Hier ist es einfach nur schön.“ Doch die Probleme sind auch hier ähnlich wie in Altkünckendorf. Es ziehen zwar auch junge Familien in die entlegenen Regionen, doch wegen fehlender Arbeitsplätze sind in den Dörfern oft vor allem die Alten zurückgeblieben. Zur Zukunftswerkstatt, die alle Dorfkümmerer zum Start abhielten, kamen auch in Flieth-Stegelitz Interessierte.

Dort sollten die Probleme benannt und erste Ideen gesammelt werden. Ursula Macht veranstaltet auf ihrem Hof inzwischen Filmabende und Diskussionen. Mittlerweile hat sich eine örtliche Versorgergemeinschaft mit 15 bis 20 Mitgliedern gebildet. Sie garantieren einem ansässigen landwirtschaftlichen Betrieb, Produkte abzunehmen. Im uckermärkischen Brüssow ist Kurt Glowe als Dorfkümmerer tätig. Er will seine Mitmenschen für sozialunternehmerische Initiativen gewinnen. In seinem Projekt „Lebens-Energie für das Dorf“ werden Dorfküche, Dorf-Atelier und Gemeinschaftsgärten zu einem sozialunternehmerischen Gesamtvorhaben kombiniert. Das Projekt wurde Anfang des Jahres in das Programm „Neulandgewinner“ aufgenommen. Damit unterstützt die Robert-Bosch-Stiftung engagierte Menschen und Initiativen, die gute Ideen haben, um den Strukturwandel in schrumpfenden Regionen zu gestalten. „Die Teilnehmer kennen die Verhältnisse vor Ort und sind bereit, aktiv zu einer Verbesserung der Situation beizutragen“, heißt es in der Begründung.