Elstal

Vor den Toren Berlins entsteht ein neues Wohnquartier

Viele Berliner kennen den Brandenburger Ort Elstal nur durch das Outlet-Center. Jetzt soll die ehemalige Eisenbahnersiedlung attraktiv für Familien werden. Auch ein Freizeitpark soll entstehen.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Das Straßenpflaster ist aufgerissen, unter den Schuhen knirscht der Schotter. Wer in der Elstaler Eisenbahnersiedlung die Schulstraße entlangläuft, fühlt sich um Jahrzehnte zurückversetzt – verlassen und einsam stehen die zweigeschossigen Wohnhäuser da, als wären sie seit Ewigkeiten unbewohnt. An den Fassaden bröckelt der Putz, öffnet den Blick auf das rohe Mauerwerk.

Einzelne Satellitenschüsseln und ein geparktes Auto sind die einzigen stummen Zeugen menschlicher Anwesenheit. An einem Fenster leuchtet ein gelber Rosenstrauß vor Spitzengardinen gegen das dunkle Grau der Fassaden an. „Hier wohnen meine Schwiegereltern“, verkündet Holger Schreiber und zeigt mit dem Finger auf den ersten Stock. Ein wenig Stolz lässt sich aus der Stimme des Bürgermeisters der Gemeinde Wustermark heraushören.

Das Leben seiner Familie ist eng mit der Elstaler Eisenbahnersiedlung verwoben. „Meine Großeltern und Eltern haben hier schon gewohnt, ich bin hier aufgewachsen, und auch die Familie meiner Frau hat ihr ganzes Leben hier verbracht.“

Dass die Siedlung nach jahrzehntelangem Dornröschenschlaf endlich saniert wird, ist für den Bürgermeister eine echte Herzensangelegenheit. Denn Elstal war jahrzehntelang der Vergessenheit anheimgefallen – obwohl der Ort im Havelland nur eine halbe Autostunde von der Berliner Innenstadt entfernt liegt. Die meisten Großstädter kennen von Elstal nur das Outlet-Center.

Früher war hier viel los

Angesichts des teilweise ruinösen Zustands der unter Denkmalschutz stehenden Gebäude hätten die meisten Investoren einen großen Bogen um die Eisenbahnersiedlung gemacht. Doch die Deutsche Wohnen, nach ihrem Börsenwert die größte deutsche Wohnungsbaugesellschaft, ließ sich nicht abschrecken.

Im Juli beginnt das Unternehmen mit der Restaurierung und Sanierung von insgesamt 127 Wohn- und acht Gewerbeeinheiten des Quartiers. Die Wohnungsbaugesellschaft ist auf Denkmalschutzsanierung spezialisiert: Ihr gehören bereits vier der sechs Unesco-Welterbesiedlungen der klassischen Moderne in Berlin, darunter die Hufeisensiedlung Britz, die Weiße Stadt in Reinickendorf sowie die Ringsiedlung Siemensstadt.

Dass sich das heruntergekommene Eisenbahnerviertel einmal in ein attraktives Wohngebiet verwandeln könnte, zeigen einige schmucke Häuser am Rande der Siedlung, die bereits von einem privaten Investor saniert wurden und in die sich schon junge Familien einquartiert haben. Auch Ingrid Schönefeld wohnt in einem sanierten Gebäude und hat ihre Wohnung vor einigen Jahren gekauft.

Leben möchte die 77-jährige gebürtige Elstalerin nirgendwo anders als in ihrem Geburtsort. Noch heute schwärmt sie von alten Zeiten: „Sie können sich nicht vorstellen, was hier los war. Es gab sämtliche Läden, die man brauchte, und als Kinder haben wir hier auf den Straßen gespielt.“ Die Fußgänger, die uns heute auf unserem Rundgang begegnen, lassen sich an fünf Fingern abzählen.

Die Elstaler Eisenbahnersiedlung wurde einst nach Vorbild der Gartenstadtsiedlungen in den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gebaut und galt als fortschrittliche Arbeitersiedlung. Jedes Haus hat ein kleines Stückchen Gartenland, ehemalige Kleinviehställe verbinden die einzelnen Gebäude. Erbaut wurde das Viertel von der Eisenbahnverwaltung für ihre Mitarbeiter, die auf dem Elstaler Rangierbahnhof – einst einem der größten in Deutschland – Schichtdienst schieben mussten. Da waren kurze Wege wichtig.

Neue Kita und Freizeitpark

Für Elstal ist die Eisenbahnersiedlung viel mehr als nur ein Sanierungsprojekt. Die Siedlung ist das Herzstück des Ortes. Wäre sie verfallen, wäre mit ihr ein Großteil Elstals verloren gegangen. Gegründet wurde der Ort Anfang des 20.Jahrhunderts, um eine Heimstatt für die Beamten des Rangierbahnhofs zu schaffen. Bekannt wurde Elstal später auch durch das olympische Dorf, das die Nazis für die Spiele 1936 hier bauen ließen und das seit 2010 saniert wird.

Als 1995 der Rangierbahnhof geschlossen wurde, schien mit ihm auch Elstal zu sterben. Nun soll mit der Rettung der Eisenbahnersiedlung der Aufschwung kommen – mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung. Denn das Sanierungsvorhaben hat auch viele weitere Investitionsprojekte in Gang gebracht, die Elstal zu einem attraktiven Berliner Vorort machen sollen. Bürgermeister Schreiber wirbt emsig um Investoren für seine Gemeinde, nicht nur mit der Deutschen Wohnen ist ihm ein echter Coup gelungen. Investitionen in Höhe von insgesamt 50 Millionen Euro stünden für die kommenden Jahre an.

„Der Standort Wustermark ist alles andere als eine Schlafstadt“, erklärt der parteilose Rathauschef beim Rundgang durch die Siedlung und zählt einige Vorzeigeprojekte auf: Der Branchenprimus Rossmann baut im Güterverkehrszentrum (GVZ) Wustermark gerade ein neues Hightech-Zentrallager für 20 Millionen Euro, und auch der bereits totgesagte Binnenhafen am Havelkanal soll wiederbelebt werden: Die Havelport Berlin GmbH hat einen neuen Pachtvertrag für den Hafen von Wustermark unterschrieben und will neue Auftragspartner für den Logistikstandort an Land ziehen. In etwa einem Monat soll der Be- und Entladeverkehr am Kai aufgenommen werden.

Die Gemeinde Wustermark will sich vor allem für junge Familien attraktiv machen: Im Ortsteil Elstal entsteht für zwei Millionen Euro ein neues Kita-Gebäude. 60 neue Kita-Plätze sollen sicherstellen, dass jedem Wustermarker ein Kita-Platz zur Verfügung gestellt werden kann. Und auch in die Sanierung der Wustermarker Grundschule investiert die Gemeinde drei Millionen Euro.

Ab Sommer 2014 soll dann auf einer Fläche von 50.000 Quadratmetern ein neuer Freizeitpark entstehen, der Tagesausflügler und Familien nach Wustermark locken soll – sieben Millionen Euro lässt sich der Investor das Vorhaben kosten. Damit Besucher künftig nicht mehr vom Zustand der Straßen abgeschreckt werden, plant die Gemeinde außerdem, die Verkehrs- und Gehwege zu sanieren – dabei werden auch gleich die Trink- und Schmutzwasserleitungen erneuert. „Für uns als kleine Kommune sind das enorme Mittel, drei bis vier Millionen Euro werden in Straßen- und Leitungsausbesserungen investiert“, sagt Schreiber.

Auch nach der Sanierung sollen die heute überwiegend älteren Bewohner, die derzeit in der Eisenbahnersiedlung wohnen, bleiben können. „Die Mieten bleiben weiterhin bezahlbar“, versichert Lars Dormeyer, Geschäftsführer der Deutschen Wohnen Management GmbH. Wer jetzt 150 Euro für eine Zweizimmerwohnung zahle, müsse zwar mit einer Verdopplung der Kosten rechnen – für eine sanierte Wohnung mit direkter Regionalbahnverbindung nach Berlin sei das aber akzeptabel.