Es gibt viele erschütternde Schilderungen in diesem Prozess vor dem Amtsgericht Eberswalde, in dem sich zwei Erzieherinnen wegen fahrlässiger Tötung verantworten müssen. Aber die meisten Tränen fließen, als eine 20 Jahre alte Zeugin gehört wird. Marie S. arbeitete am 8. Dezember 2010 im brandenburgischen Eberswalde in der Kita Kunterbunt als Praktikantin. Und sie begleitete die beiden Kinder-Gruppen, als es zu einem gemeinsamen Winterspaziergang am Rande eines nur 250 Meter entfernten Garagenkomplexes ging. Es waren 26 Kinder, zwischen zwei und vier Jahre alt. Als Aufsichtskräfte mit dabei waren außerdem eine zweite Praktikantin, eine Hilfskraft und die beiden Erzieherinnen – die verantwortlich waren und die nun vor Gericht stehen.

Marie S. ist immer noch traumatisiert, hat inzwischen vieles vergessen oder auch verdrängt. Aber eine Szene kann sie noch beklemmend genau schildern: Sie kamen um die Mittagszeit mit den Kindern von dem Ausflug zurück. Es wurde erschrocken festgestellt, dass zwei Mädchen fehlten. Marie hatte erst im Haus nach den beiden Zweijährigen gesucht, dann auf dem Hof. Und als auch das ohne Ergebnis blieb, war sie gemeinsam mit der zweiten Praktikantin zurück zu dem Wäldchen gelaufen. Zu dem Platz zwischen Garagen, wo die Kinder ausgelassen gespielt, mit Schnee geworfen und Schneemänner gebaut hatten.

Den Kopf unter Wasser

Und beide hatten diese Schreie gehört und fast gleichzeitig auch kleine Schuhabdrücke im Schnee entdeckt. „Wir rannten los und folgten diesen Schreien“, sagt Marie S. und beginnt zu weinen. „Es war Liz. Sie hat nach Gabi geschrien.“ Gabriela S., auch Gabi genannt, ist eine der beiden angeklagten Erzieherinnen. Die Praktikantinnen hatten sich durch einen Busch gekämpft, eine Böschung gesehen, Sekundenlang aufgeamtet, in der Hoffnung, die Kinder seien da runtergerutscht und kämen nun nicht wieder hinauf. Doch es war ein Irrtum. Marie S. sah einen Teich. Und am Rande dieses Teichs, im Wasser, befand sich Liz. Sie versuchte vergeblich herauszukommen. Marie S. zog ihre Jacke aus, sprang ins Wasser, hin zu Liz. Als sie das kleine Mädchen auf dem Arm hatte, schrie Liz einen anderen Namen: Lilly, immer wieder Lilly. In diesem Moment sah Marie S. dann auch Lilly. „Sie schwamm auf dem Teich, den Kopf unter Wasser.“ Lisa G., die zweite Praktikantin, war inzwischen zurückgerannt, um Hilfe zu holen. Und Marie S. stand fassungslos im Wasser, auf dem Arm die schreiende Liz, ein paar Meter daneben die leblose, auf dem Wasser treibende Lilly.

Sie habe Liz ja erst einmal ans Ufer tragen müssen, schildert sie vor Gericht ihre verzweifelte Situation. Und als sie Liz endlich ans Ufer geschleppt habe, sei das Kind immer wieder zurück in Richtung Wasser gerutscht. Marie S. wird überwältigt von diesen Erinnerungen, kann kaum noch reden. Auch Zuschauer beginnen zu weinen. Eine Frau, es ist Lillys Mutter, knetet ein kleines Plüschtier in der Hand. Ihr Mann kann sie nicht trösten. Er ist viel zu sehr mit seiner eigenen Erschütterung beschäftigt. Das Ehepaar hat Nebenklage eingereicht. Die beiden wollen hören, warum ihr kleines Mädchen sterben musste. Am Ende des ersten Prozesstags wird Lillys Mutter vor Gericht sagen, wie sehr der Familie ihr „Sonnenschein“ fehle. Es gebe „keine Entschuldigung für die Unachtsamkeit“ der Angeklagten. „Das Glück unserer Familie ist zerrissen.“

Es dauerte nicht lange, bis Marie S., die die noch immer schreiende Liz im Arm hielt, Hilfe bekam. Mehrere Mitarbeiterinnen der Kita kamen angerannt. Gabriela B., die Erzieherin, sprang sofort ins Wasser und holte das Kind heraus. Sie zogen Lilly die nasse Kleidung aus, wickelten sie in eine Jacke, versuchten es mit Herzdruckmassage, mit Mund-zu-Mund-Beatmung. Ein Notarzt erschien. Lilly wurde ins Krankenhaus geschafft. Aber alles vergebens. Die Zweijährige starb am 17. Dezember gegen 19 Uhr im Deutschen Herzzentrum. Liz überlebte.

Den beiden angeklagten Erzieherinnen wird von der Staatsanwaltschaft nun vorgeworfen, die Kinder an jenem 8. Dezember etwa zehn Minuten lang unbeaufsichtigt gelassen zu haben. Den 46 und 43 Jahre alten Frauen ist deutlich anzusehen, wie sehr sie unter dem Tod des Kindes leiden. Beide sagen, dass ihnen das alles unendlich leidtue. Beide machen aber auch deutlich, dass sie keine Erklärung haben – also letztlich bei sich selbst keinen Fehler sehen. Sie hatten Lilly zum letzten Mal bewusst wahrgenommen, als sie zu ihnen kam, sich von Gabriela B. die Nase putzen und von der zweiten Angeklagten Mara E. den Schnee von der Kleidung klopfen ließ.

Schon vorher ein ungutes Gefühl

Für die Strafrichterin sind nun vor allem die Minuten nach dieser letzten bewussten Begegnung interessant. Die Situation, als die Gruppe zurück zur Kita lief. Die Erinnerungen sind sehr verschieden. Die Erzieherinnen sprechen von einem geordneten Abgang. Zwar hätten die Kinder sich nicht anfassen müssen, weil ihre Handschuhe so nass waren, aber sie seien brav nebeneinanderher gelaufen. Gabriela B. weiß auch noch genau, dass sie die Kleinen vor dem Loslaufen zählte. Und auch Mara E. will noch einmal gezählt und das mit Gabriela B. abgestimmt haben.

Ein wenig anders indes beschreibt es die Praktikantin Lisa G. Bei einer polizeilichen Vernehmung, die vor Gericht verlesen wird, sagte sie: „Ich hatte vorher schon so ein ungutes Gefühl an diesem Tag.“ Warum das so gewesen sei, möchte die Richterin wissen. „Weil es so ein Durcheinander war“, antwortet die 20-Jährige. „So viele Kinder.“ Und Marie S. schildert dann auch den Rückweg zur Kita anders: keineswegs geordnet, sondern eher spontan. Sie und Marie S. seien von einer der Erzieherinnen sogar noch aufgefordert worden, den Kindern hinterherzurennen und sich an die Spitze zu stellen, damit die Kleinen nicht auf die Straße laufen. Nur so lässt sich erklären, warum keine der fünf erwachsenen Frauen nicht schon beim Zurücklaufen das Fehlen von Liz und Lilly bemerkte. Ähnlich soll es sich bei der Ankunft in der Kita verhalten haben. Die Kinder kamen quasi grüppchenweise. So bemerkte Gabriela B. das Fehlen der beiden Zweijährigen dann auch erst beim Umziehen im Gruppenraum – weil es natürlich auffallen musste, wenn statt elf Kindern nur noch neun auf der Bank sitzen und ihre Schuhe ausziehen. Und es gab ja auch nur vier Mädchen in dieser Gruppe. Zwei fehlten. Der Prozess wird am 30. Mai fortgesetzt.