„Die Menschen sterben den Ärzten hier auf dem Asphalt weg, und wir können nichts dagegen tun. Es ist so furchtbar.“ Der junge Feuerwehrmann wendet sich ab. Sein Schutzanzug ist durchnässt, der Mann weint. Er geht weg von dem Buswrack, das unter der Brücke steht, die die Autobahn 13 über die A10 leitet. Der graue Doppeldeckerbus ist zerstört. Das Blech an vielen Stellen aufgerissen, die Scheiben sind zerborsten. Ein Körper hängt aus einem der Fenster. Rettungskräfte haben die Leiche mit Decken verhängt. Ein Arm ist noch zu sehen, an dem läuft Blut herab und tropft in eine Pfütze auf der Straße. Zwölf Menschen sind tot. Sie starben um 10.44 Uhr. Ein weiterer Mann wird am Nachmittag seinen schweren Verletzungen erliegen.
Arne Feuring, der Polizeipräsident des Präsidiums Frankfurt (Oder), steht an der Unglücksstelle und erklärt, wie das Schreckliche passierte. Es war wohl so, sagt Feuring, dass der Bus aus Polen von einem Auto abgedrängt wurde. Am Kreuz Schönefeld kommen der Berliner Ring – die Autobahn A 10 – und die A 13 von Süden sowie die A 113 von Norden zusammen. Eine 37 Jahre alte Frau, die mit einem rot-silbernen Mercedes auf die A 10 auffahren wollte, verlor offenbar die Kontrolle über ihr Fahrzeug.
Ihr Wagen rammte den Bus, oder der Busfahrer wollte dem Fahrzeug ausweichen – es kam zu einem fatalen Manöver. Der Bus prallte offenbar erst an eine Leitplanke, dann an den Pfeiler der Autobahnbrücke. Vier Fahrgäste werden durch die Scheiben geschleudert, acht Menschen sterben im Bus. Das war um 10.44 Uhr. Am Nachmittag stirbt einer der Schwerverletzten. 13 Tote. Die Fahrerin des Mercedes wurde schwer verletzt. Ihr Beifahrer blieb unversehrt. Ein weiterer Insasse kam mit leichten Blessuren davon.
Sie waren auf dem Rückweg von einem Betriebsausflug nach Spanien – dann fuhren die 49 Menschen, die an einer Reise des Forstamtes im polnischen Falkenburg (Zlocieniec) teilgenommen hatten, in die Katastrophe.13 Menschen starben, 18 wurden zum Teil schwerst verletzt, 20 Menschen erlitten leichte Verletzungen. Unter den Toten ist auch ein 13-jähriges Mädchen. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) zeigte sich erschüttert und reiste an die Unfallstelle. Polens Regierungschef Donald Tusk flog am Abend nach Berlin. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach Tusk ihre Anteilnahme aus. Merkel und Tusk wollten sich am Abend treffen.
Fünf Minuten nach dem Unfall wurde die Berliner Feuerwehr alarmiert. Fünf Rettungswagen und ein Notarzt wurden losgeschickt. Das reicht nicht. Es werden sechs Rettungswagen, drei Notärzte, drei Löschfahrzeuge, die von Berlin aus zum Autobahnkreuz fahren. Dazu weitere Rettungskräfte aus Brandenburg.. Fünf Seelsorger sind im Einsatz. Sie verständigen sich mit den Überlebenden, von denen keiner Deutsch spricht, vor allem über Gesten.
Sieben Hubschrauber bringen Schwerverletzte zu Kliniken in Brandenburg und Berlin. Ein Polizist sagt, das klinge zwar jetzt zynisch, aber er sei froh darüber, dass es eine Falschmeldung war, wonach unter den Opfern auch Kinder und Jugendliche gewesen seien. Es seien ausschließlich Erwachsene ums Leben gekommen. Und ja, ihm sei klar: Es ist zynisch, das irgendwie positiv zu bewerten. Der Beamte weiß da noch nicht, dass auch ein 13 Jahre altes Mädchen unter den Todesopfern ist.
Was sich unter der Autobahnbrücke abspielt, kann kaum jemand in Worte fassen. „Wir können von einem geordneten Chaos sprechen“, sagt ein Polizeisprecher. Selbst hartgesottene Rettungskräfte zeigen sich erschüttert: „Das habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen“, meint Lutz Ulbricht von der Freiwilligen Feuerwehr. Es sei ein „grauenhaftes Bild“. Klaus Scholz ist Notfallseelsorger und beschreibt die Szenerie so: „Ein Bild des Grauens.“ Tote auf der Straße, Tote im Bus, überall Verletzte. „Einige Leute schrien, andere irrten umher“, sagt Scholz.
Scholz ist 68 Jahre alt, war 50 Jahre lang Feuerwehrmann. Dreimal war er nach Flugzeugabstürzen am Flughafen Schönefeld im Einsatz. Er geht auf die Verletzten zu, spricht mit ihnen, tröstet sie. Viele der Überlebenden, sagt Scholz, schauten immer wieder zum zerstörten Bus. Als die Verletzten versorgt sind, kümmern sich Klaus Scholz und seine Kollegen vom Notfallseelsorgeteam des Landkreises Dahme-Spreewald um die Rettungskräfte. “Auch die Helfer brauchen manchmal Hilfe nach einem so tragischen Erlebnis“, sagt Scholz.
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