Streit in Potsdam

Synagogenneubau spaltet die Gemeinde

Das jüdische Leben kehrt in die brandenburgische Hauptstadt zurück. Bald soll die Gemeinde auch ein Gotteshaus bekommen. Doch nicht alle Juden in Potsdam nehmen den Synagogenneubau an.

Foto: BLB Brandenburg

Der braune Terror setzte dem jüdischen Leben in Potsdam ein Ende. Die Nazis trieben Menschen in den Tod, zerrissen Familien und brandschatzten Gotteshäuser, so wie Potsdams Synagoge im November des Jahres 1938. Doch das jüdische Leben ist in die Landeshauptstadt zurückgekehrt. Zaghaft zwar, aber unübersehbar.

In der jüdischen Kindertagesstätte werden nun zum Sabbat wieder hebräische Lieder gesungen. Ein Kibbuz sorgt für Kultur und den sozialen Zusammenhalt. Und am Abraham-Geiger-Kolleg werden erneut Rabbiner ausgebildet. Bald soll die Gemeinde auch ein Gotteshaus bekommen. "Es soll eine Synagoge für alle werden", sagt Renée Röske, Sprecherin der Jüdischen Gemeinde Potsdam. Doch dass wirklich alle Juden in Potsdam die Synagoge annehmen, dafür stehen die Zeichen schlecht. Vor einigen Tagen wurde die Jüdische Gemeinde Potsdam - sie hat rund 400 Mitglieder - von ihrem Rabbiner Nachum Presman verlassen. "Meine Vorstellungen wurden nicht gehört. Ich habe gelitten", sagt Presman. Er trat einer neuen Gemeinde bei, der von dem Dirigenten Ud Joffe gegründeten "Synagogengemeinde Potsdam". Diese kritisiert die Pläne für die Synagoge heftig.

Ber Bau ähnelt einem Sozialamt

Der Bau, so die Kritiker, ähnele äußerlich eher einem Sozialamt als einer Synagoge. Im Inneren seien zudem zu viele Funktionsräume untergebracht. Dadurch gehe Platz für die Gebetsräume verloren. "Dieser Entwurf ist überhaupt keine Synagoge", sagt Joffe. Es sei eher ein Gemeindehaus als ein Gotteshaus. Und tatsächlich: Nach außen hin ist der puristisch gestaltete Bau nicht ohne Weiteres als sakrales Gebäude zu erkennen. Aber die Baumaterialien sind durchaus passend. "Die Synagoge wird aus Jerusalem-Stein bestehen, aus dem fast ganz Jerusalem gebaut ist", sagt Röske, die neben ihrer Tätigkeit in der Gemeinde auch Mitglied im Vorstand des Bauvereins für die Synagoge ist. 2009 hatte der Verein den Entwurf des Berliner Architektenbüros Haberland zum Sieger erklärt. Für das Vorhaben streckt das Land rund fünf Millionen Euro vor. Der Verein will diese unter anderem mit Spenden zurückzahlen. Im Frühjahr 2011 soll Baustart sein, 2013 soll das Gebäude fertig sein.

Als einziges ostdeutsches Bundesland hat Brandenburg noch keine Synagoge wiedererrichtet. "Es wäre die erste Synagoge in Brandenburg seit fast 70 Jahren", sagt Joffe. Es wäre quasi eine "Landessynagoge". Genau deshalb wünscht sich Joffe einen repräsentativen Bau, außen wie innen. Der 42-Jährige liegt seit Ende letzten Jahres im Streit mit dem Bauverein. Joffe beklagt, der Verein habe sich vor allem nach den Bedürfnissen der mehrheitlichen Jüdischen Gemeinde Potsdam gerichtet. Die Gemeinde besteht fast ausschließlich aus russischen Zuwanderern. Viele dieser Juden hätten mit dem religiösen jüdischen Leben lange keinen Kontakt gehabt, moniert Joffe. Aus demselben Grund hat Presman die Gemeinde verlassen. Er sagt: "Judentum ist eine Sache von 24 Stunden, Tag für Tag." Das hätten die Zugewanderten nicht verstanden.

Platz für 180 Menschen

In den Gebetsräumen der Synagogen soll es Platz für 180 Menschen geben. Hinzu kommen ein Versammlungssaal für die Gemeinde, eine Bibliothek, ein Raum für rituelle Bäder sowie ein weiterer kleiner Raum für andere jüdische Gemeinschaften und Büros für die Gemeindeverwaltung. Um in die Gebetsräume zu kommen, müssen Besucher einen Fahrstuhl benutzen, dann an Büros vorbeigehen. "Es gibt kein Raumkonzept, nichts ist durchdacht", klagt Ud Joffe. Wenn er sich jüdische Feste in diesem Gebäude vorstellt, verliert er leicht die Fassung. "Man kann auch gleich in einem Bunker beten."

Renée Röske, die Orthodoxe ist, kann die Empörung nicht verstehen. Sie lebt "sehr traditionell" und bewertet die Synagogen-Pläne als einen guten Kompromiss zwischen religiöser und sozialer Gemeindearbeit. "Wir haben ein Bedarfskonzept für unsere Gemeinde erstellt. Der Haberland-Entwurf hat den Bedürfnissen am besten entsprochen. Unsere Mitglieder haben sich klar und deutlich für dieses Konzept entschieden." Zudem hatte der Berliner Rabbiner Yitzhak Ehrenberg 2009 den Entwurf für den Bauverein nach religiösen Vergaben begutachtet und für gut befunden.

Fehler in der Talmud-Auslegung

Joffe und Presman sehen kleine Fehler in Ehrenbergs Begutachtung und in seiner Auslegung des Talmud. Doch allgemein habe der Entwurf zu wenig Platz für große jüdische Feste gelassen. Renée Röske plädiert für Realismus. Nach ihrer Erfahrung sind Synagogen, genau wie Kirchen, meist nur "an zwei bis drei Tagen im Jahr voll besetzt". Neben dem Gebetssaal müsse es jedoch auch genügend Platz für die zusätzlichen Gemeindeangebote wie Musik- oder Religionsunterricht geben. Mit der neuen Synagoge sollen die Potsdamer Juden wieder an ihre Tradition anknüpfen, die durch die Nazis in Deutschland so grausam vernichtet wurde. Am Wilhelmplatz, dem heutigen Platz der Einheit, stand die letzte Potsdamer Synagoge. In der Reichspogromnacht 1938 wurde sie von den Nazis geschändet. In der Bombennacht 1945 wurde das Gebäude stark beschädigt, 1957 abgerissen. Nicht weit von diesem alten Standort soll die neue Synagoge entstehen, in der Schloßstraße 1, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Landtagsneubau.

Insgesamt leben heute um die 1000 Juden in Potsdam. Diese gelte es wieder dauerhaft neugierig auf ihr Judentum zu machen, und dazu benötige man ein repräsentatives und erhabenes Haus Gottes, so Joffe. Röske sagt, ihre jüdische Gemeinde habe bereits ein nachhaltiges Konzept. Eine Synagoge sei halt ein Gemeindezentrum, in dem Juden ihre Kultur, Religion und Tradition erleben können - und eben nicht nur ein repräsentativer Bau.