Jüdisches Viertel

In die Ruinen kehrt endlich das Leben zurück

Das jüdische Viertel nördlich der Synagoge an der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte entstand vor 150 Jahren. Jetzt wird es mit großem Aufwand saniert. Ein Besuch vor Ort.

Foto: Glanze / Sergej Glanze

Dicker Staub bedeckt die Fenstersimse der ehemaligen jüdischen Mädchenschule an der Auguststraße in Mitte, lange schon wurden auch die Türen nicht mehr in ihren Scharnieren bewegt. Doch das wird sich ändern. Das Gebäude wird saniert. Rufe von Bauarbeitern schallen über das Gelände, nur gelegentlich unterbrochen vom Lärm schweren Baugeräts. Im Hof steht der Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde zu Berlin, André Lossin. Er blickt zum Giebel des Nachbargebäudes empor. „Das Dach haben wir schon neu gedeckt“, sagt er. Die Sanierung der einstigen Schule und zwei weiterer Gebäude ist so etwas wie sein „Kind“. Monatelang hat er Finanzierungsmöglichkeiten geprüft, Angebote von Baufirmen eingeholt und Gespräche mit Architekten, Statikern und Denkmalschützern geführt. Nun ist der Wiederaufbau in vollem Gang.

In der Mädchenschule sind Bauarbeiter unterwegs. Sie sehen aus wie Darsteller in einem Berliner Werbefilm mit Urban-Art-Hintergrund. Künstler haben ihre Spuren in dem Haus hinterlassen: Gerahmte Ölbilder, Reste von Bühnenbildern und immer wieder Graffiti. Ein Wandbild zeigt Bert Brecht. Es stammt aus der DDR-Zeit, als das 20er-Jahre-Gebäude die nach Brecht benannte Polytechnische Oberschule beherbergte. Grimmig blickt der Dramatiker in das Treppenhaus. Doch das Brecht-Bild kam erst in den 50er-Jahren an die Wand. Bis 1939 war dort die jüdische Mädchenschule untergebracht. Das Haus ist Teil eines Ensembles, das im Juni vom Bund zum „Denkmal von nationaler Bedeutung“ ernannt worden war. Ein mehrere Tausend Quadratmeter großes Areal hinter der Synagoge an der Oranienburger Straße, zu dem einst auch ein Krankenhaus nebst Siechengebäude, ein Arbeitsamt für Berliner Juden sowie Wohnhäuser und ein jüdisches Kinderheim gehörten.

4,1 Millionen Euro für Sanierung

Während das Gebäude mit Brechts Konterfei recht gut erhalten ist, ähnelt das ehemalige Jüdische Krankenhaus einer Ruine. Türrahmen sind aus ihren Fassungen gesprengt, Decken eingebrochen. Doch dem Verfall wird nun Einhalt geboten. „Wir sind in der glücklichen Lage, nach Jahren der Vorarbeit endlich das Geld zur Sicherung der Gebäude zur Verfügung zu haben“, sagt André Lossin. Durch den Titel eines „Denkmals von nationaler Bedeutung“ erschließen sich Förderetats, etwa von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, dem Landesdenkmalamt Berlin und dem Bund.

Rund 4,1 Millionen Euro werden bis 2014 allein in die Sanierung des Krankenhauses investiert, das inmitten des riesigen Gemeindeareals zwischen August- und Oranienburger Straße liegt. Der Berliner Architekt Carl Eduard Knoblauch hatte es zwischen 1859 und 1861 errichtet. Als nach den Pogromen in Osteuropa immer mehr Juden nach Berlin strömten, wurde das Krankenhaus zu klein. In Wedding wurde neu und größer gebaut. Das Haus an der Auguststraße wurde zu einem Kinderheim, unter den Nazis zu einem Lager für Deportationen.

Dass die Gemeinde 4,1 Millionen Euro in die Sanierung des Knoblauch-Hauses investieren kann – sie selbst steuert um die 15 Prozent der Summe bei –, hat mit dem hohen konservatorischen Wert der Gebäude zu tun. Eduard Knoblauch entwarf das Krankenhaus in Backsteinarchitektur mit einer klaren geometrischen Gliederung. Die Eingangstüren sind mit Terrakotta-Reliefs eingefasst. Details, die an Karl Friedrich Schinkels Bauakademie erinnern. Ein Zufall ist das nicht. Knoblauch war Schinkel-Schüler.

Von der einstigen Nutzung des Hauses als Hospital kündet nur noch wenig. Natürlich gibt es noch die großen Flügeltüren zu den Patientenräumen. Auch sind da noch die Räume für das Pflegepersonal, Ärzte und Mitarbeiter. Aber sonst erinnert wenig an die ursprüngliche Nutzung. Die DDR richtete dort eine Blindenschule ein, und auch eine Schule für Kinder von Funktionären.

Arbeiter schlagen zurzeit den Putz von den Wänden ab. Unter ihm hat sich Hausschwamm ausgebreitet. Die gespinnstartigen Verästelungen des Pilzes durchziehen große Teile des Mauerwerks. Um die Ausbreitung zu stoppen, werden in die Wände Dutzende Löcher gebohrt, in die Flüssigkeit gespritzt wird, die den Hausschwamm neutralisiert. „Das Haus wird danach zwar baulich gesichert sein, aber auf den ersten Blick mit dem abgehackten Putz einen etwas wüsten Eindruck machen“, sagt Architekt Benedikt Mueller.

Bei der Sicherung des Gebäudes sind die Leute vom Bau bereits einen wichtigen Schritt vorangekommen. Dachrinnen und Regenrohre wurden ausgewechselt und an neue, unterirdische Drainageröhren angeschlossen. „So bringen wir das Wasser vom Fundament und Keller weg, was in den vergangenen Jahren leider nicht der Fall war“, sagt Benedikt Mueller.

Humboldt Universität zieht ein

In das Gebäude zieht ein neuer Nutzer. Unter Führung der Humboldt-Universität wird dort ein Zentrum für jüdische Studien eingerichtet. Zwar wird das Zentrum nicht alle Räume nutzen, aber doch als eine Art Hausherr fungieren, wenn sich weitere Nutzer melden.

Noch patrouillieren Polizisten zwischen den Gebäuden, Kameras überwachen das Areal. Ein Sicherheitszaun trennt die Neue Synagoge mit dem Centrum Judaicum von den Gebäuden an der Auguststraße. Fahrzeuge, die ein Sicherheitstor passieren wollen, werden überwacht. Eine Folge der Anschläge vom 11. September. „Die Bedrohungslage ist einfach so“, sagt Lossin. In der Gemeinde gibt es dennoch Überlegungen, den sicherheitsrelevanten Bereich künftig auf das große Grundstück mit der Synagoge und dem Centrum Judaicum zu beschränken. Die Mädchenschule, Knoblauchs Krankenhaus und das kleine barocke Apothekengebäude, das gegenüber vom Me Collectors Room steht, sollen wieder für Besucher offenstehen.

Bis dahin wird noch einige Monate gebaut. Und da bleibt viel zu tun, etwa bei dem an das Krankenhaus angrenzenden ehemaligen Siechenhaus, in dem die schweren und unheilbaren Fälle lagen. Das Haus wird von großen Stahlträgern umklammert. Anders wäre seine Standfestigkeit nicht mehr gewährleistet.

Für den Erhalt der einstigen Mädchenschule an der Auguststraße musste die Gemeinde nach anderen Finanzierungen Ausschau halten. Mit Erfolg. Der Galerist Michael Fuchs hat das Gebäude gemietet und bezahlt die Sanierung. Fuchs will in dem von August Beer entworfenen Haus mit 20er-Jahre-Optik nicht nur Atelierräume unterbringen, sondern neben einer Bar auch ein koscheres Restaurant. Das Gebäude bleibt jedoch – wie die anderen auf dem Areal auch – im Eigentum der Gemeinde. „Das war ein gutes Geschäft für beide Seiten. Es auszuschlagen, wäre keine Option gewesen“, sagt Lossin. Das Gebäude war von den Nazis enteignet und der Gemeinde erst 2009 rückübereignet worden. Für einen Ausstellungsmacher ist es perfekt. Es liegt mitten im Galerienviertel der Spandauer Vorstadt. Gegenüber präsentiert die Alfred-Ehrhardt-Stiftung Kunst, einige Meter weiter lädt Thomas Olbrichts „Me Collectors Room“ zu Lesungen und Kunstschauen.

Das Haus der ehemaligen Mädchenschule, das Fuchs erwarb, ähnelt auch schon in seinem jetzigen Zustand einer Galerie. An Wänden und Treppenhäusern prangen Graffiti und sozialistische Wandbilder. Künstler hatten die Gebäude einige Jahre zwischengenutzt und zahlreiche Werke in dem Haus hinterlassen. Ob sie überdauern, bleibt abzuwarten. Ein Wandbild könnte die Sanierung überstehen. Das von Bert Brecht. Und so wird der große Theatermacher ab Ende dieses Jahres wohl die Gäste der Galerie Fuchs begrüßen. Mit seinem ach so ernsten Blick.