Es gibt kaum ein dramatischeres Mittel, das nachhaltiger wirkt als ein Piano Furioso. Dabei handelt es sich in der Musik um die Übersteigerung ins Leise. Der Orchesterklang schwillt an, wird lauter und lauter und wenn scheinbar nichts mehr geht, sich als letztes Mittel nur noch die Öffnung der Himmelspforten unter Posaunengetöse anböte, genau dann greifen die Komponisten in die Trickkiste: Sie schreiben „piano“ oder gar „pianissimo“ in die Partitur. Es tritt das genaue Gegenteil des Erwarteten ein: äußerste Stille. Der Effekt ist enorm. Der Alltag hält solche Momente für gewöhnlich nicht bereit. Doch wenn es einmal passiert, ist die Wirkung nicht weniger verblüffend.
In der kommenden Woche ist es wieder so weit. Am Montag jährt sich der Mauerfall zum 37. Mal. Schon am Wochenende beginnt die „Berlin Freedom Week“ mit verschiedenen Gedenkveranstaltungen, zum Beispiel in der ehemaligen Stasi-Zentrale oder in den Berliner Unterwelten. Es werden viele Reden gehalten, die das Geschenk der Einheit würdigen, aber gleichzeitig einräumen, dass nicht alles gelungen ist. Zeitzeugen berichten.
Die kleinen Dinge verdeutlichen das große Ganze
Aber es gibt Erlebnisse, die brennen sich viel mehr in das Gedächtnis als diese öffentlichen Termine und Bekundungen, Beteuerungen und Appelle. Manchmal sind es gerade die ganz kleinen Dinge, die das große Ganze viel besser verdeutlichen und im Gedächtnis nachhallen.
So geschah es zum Beispiel am Freitag, den 10. November 1989. Abseits der sekttrunkenen Massen waren zwei Spaziergänger auf der Suche nach einem Lokal in der Schöneberger Motzstraße unterwegs. Von Ferne näherte sich ein Junge, vielleicht 14 Jahre alt. Die Schuhe – braune, kunstlederne Treter – stammten eindeutig aus VEB-Fabrikation. Konzentriert las er in einem Buch, während er die Straße entlangging. Dann und wann schaute er auf, als suche er etwas Bestimmtes, fand es aber nicht. Als die Wege sich kreuzten, sprach er das Paar an. „Entschuldigen Sie, wo geht die Motzstraße hinter dem Viktoria-Luise-Platz weiter?“ Verblüfft antworteten die Gefragten. Ein Blick auf den Buchrücken klärte sie auf. „Emil und die Detektive“ stand auf dem abgegriffenen Einband.
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Auf Seite 99 des Kästner-Klassikers, so schlug es das Paar später nach, brausen Emil und seine Freunde vom Zoo kommend in einem Taxi durch die Motzstraße Richtung Nollendorfplatz. Sie verfolgen den Dieb, der im Zug Emils Reisekasse gestohlen hat, um ihm das Geld wieder abzuluchsen.
Eine Verfolgungsjagd zum Nollendorfplatz
Am Tag nach der Maueröffnung also, als alle Welt im Friedenstaumel das Ende der Teilung des Landes feierte, war der erste Gedanke des Jungen, sich an die Fersen Emils und dessen Mitstreiter zu heften und die Strecke der Verfolgungsjagd abzulaufen. Nichts drängte ihn mehr an diesem Tag, als endlich die Orte des Romans nicht nur in seiner Fantasie, sondern auch in Wirklichkeit zu erleben. Er bedankte sich kurz für die Auskunft, um dann wieder in das Buch vertieft seinen Weg fortzusetzen.
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Staunend sah das Paar dem jungen Bücherfreund nach, wie er auf dem Platz verschwand, um der Auflösung der Geschichte entgegenzustreben. Die Verfolgungsjagd endet schließlich vor einer Bankfiliale am Nollendorfplatz. Emil erhält sein Reisegeld zurück und obendrauf 1000 Mark Belohnung.
Es sind nicht immer die lauten Szenen, die bleiben
Nicht die Paukenschläge am Brandenburger Tor oder die Hammerschläge der Mauerspechte haben sich über die Jahre als Bilder der Einheit im Gedächtnis festgesetzt, sondern der Junge in der Motzstraße. Ganz leise.
Auch an diesem 9. November wird das Paar wieder an den Jungen denken, der damals abseits aller Jubelfeiern den Pfaden Emils folgte. Was wohl aus ihm geworden ist? Hat er die Einheitswirren gut überstanden? Und steht das alte Buch noch in seinem Bücherschrank? Er müsste heute um die 50 Jahre alt sein. Ob er ahnt, wie das flüchtige Zusammentreffen vor 37 Jahren in den Gedanken des damals jungen Paares bis heute nachhallte? Erinnert er sich überhaupt daran, oder war er viel zu sehr mit dem Buch beschäftigt? Man weiß es nicht und würde es doch gern wissen. Ein echtes Piano Furioso eben.




