Einen ganzen Turm Plastikboxen stellt die Kundin auf den Tresen des Restaurants „Spumante“ in der Reichenberger Straße. „Sechsmal zum Mitnehmen, bitte“, sagt sie. Die Frau am Tresen friert ein, ihre Kollegin springt ein. „Das machen wir nicht mehr. Sonst ist das Essen zu schnell alle. Und das Konzept ist ja, dass wir alle hier zusammensitzen.“

Willkommen in der Kiezkantine der Linken. Hier kostet das politische Versprechen eines subventionierten Daseins drei Euro und hat feste Regeln. Auf der Wochenkarte stehen unter anderem Wirsingrouladen, Lasagne und bei meinem Besuch „Falsche Manti“ – Muschel-Nudeln mit Hackfleischsoße, nur ohne Hackfleisch. Alle Gerichte sind vegetarisch oder auch vegan.

Finanzierung der Kiezkantinen sorgt für Gesprächsstoff

Am Sonntag wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus. Kurz vorher geben die Parteien noch einmal alles aus: Kugelschreiber, Großflächenplakate, Zuversicht. Die Linke will nach der Wahl Kiezkantinen in allen Bezirken, öffentlich finanziert. Aber Gemeinschaft gibt es nicht als Take-away.

Ich setze mich zu einem Mann, der noch vier Bekannte erwartet. Und dann folgt ein Gespräch wie ein Dialog, den ich mir klischeehafter nicht hätte ausdenken können: „Ich finde das hier ganz toll“, sagt seine Bekannte, als sie sich auch an den Tisch setzt. „Aber ich habe noch nicht herausgefunden, wie die Linke das gegenfinanzieren will.“ Vielleicht ist sie erst frisch zugezogen. Berlin funktioniert ja meist eher so: Erst schlemmen, dann den Landeshaushalt prüfen. Ihr Einwand bleibt aber unbeantwortet.

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Dafür kritisiert ein anderer Bekannter die Linke in Neukölln. Er sieht antisemitische Tendenzen, gewalttätige Sprüche gegen israelische Soldaten. „Man wünscht keinem Menschen den Tod“, sagt er. Sein Vater sei selbst Soldat. Und Antisemitismus gehe gar nicht. Dann sagt er einen Satz, der seitdem in meinem Hirn flackert wie eine Warnblinkanlage: „Ich bin antizionistisch, aber nicht antisemitisch.“ Die Frau schluckt hörbar. Ich habe aufgegessen und biete an, ihre Portion zu übernehmen, falls ihr der Appetit vergangen sei. Sie lehnt ab.

Politik: Parteien kämpfen trotz Unsicherheit entschlossen um den Sieg

Ich verabschiede mich mit dem ernst gemeinten Tipp zu wählen wie beim Essen: worauf man am meisten Lust hat. Aber was ist das? Viele Leute, die ich kenne, sind gerade unentschieden. Die Einzigen, die es gerade genau wissen, sind vermutlich die Kandidaten der Parteien. Wer antritt, muss siegen wollen. Hertha spielt auch nicht auf Unentschieden. Auch wenn man sich das manchmal wünscht.

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In der Politik sagt niemand: „Wir wollen drittstärkste Kraft werden, zwei Stadträte stellen und den Verbraucherschutz übernehmen.“ Am tapfersten erfüllt wohl Steffen Krach die Pflicht zur Zuversicht. Es sieht nicht gut aus für die SPD. Sogar Krach bewertete die Ergebnisse mit einem Kraftwort. Aber kündigte an weiterzukämpfen. Auf SPD-Veranstaltungen wird er noch immer als „unser nächster Regierender Bürgermeister“ angekündigt.

Grünen-Kandidat Werner Graf wird im Wahlkampf zur Süßmaus

Will Werner Graf Bürgermeister werden? Oder reicht es ihm eigentlich, eine „Süßmaus“ zu sein? In einem Social-Media-Spot nennen die Grünen ihren Spitzenkandidaten Werner Graf so. Früher benötigte ein Kandidat Regierungserfahrung, Hausmacht und ein Konzept für die Verwaltungsreform. Heute hilft ein zusätzliches Kosewort. Slay, Werner!

Bei all dem digitalen Wahlkampf wird man allerdings in die graue Realität geholt, wenn Wahlversprechen und Wirklichkeit so grotesk aneinanderrasseln wie an einer Kreuzung in Friedrichshain. Ein Großplakat der Tierschutzpartei fragt: „Bock auf bezahlbare Mieten?“ Am Plakataufsteller hat ein obdachloser Mann eine weiße Plane befestigt und sich somit einen blickdichten Verschlag gebaut. Nun hat er Unterschlupf. Bis die Stellwand abgeräumt wird.

Das war die letzte Wahlkampf-Kolumne. Ab nächster Woche lesen Sie hier wieder die Berliner Langstrecke.