Es hätte eine Ära werden können. Kai Wegner war noch keine 50, als er im April 2023 das Amt des Regierenden Bürgermeisters übernahm. Er hätte die Politik der Hauptstadt noch viele Jahre prägen können. Aber war die Wahl im Abgeordnetenhaus schon holperig, muss man das Wirken des Spandauers insgesamt wohl als wenig gelungen bewerten. Wenn ein Regierungschef im besten Politiker-Alter schon nach drei Jahren seinen Posten nicht mehr bei Wahlen verteidigt, dann ist wohl einiges schiefgelaufen. Aus der Ära Wegner wurde eine Episode.

An seinen Auslassungen und seinen Lügengeschichten zu dem, was er nach dem Stromausfall im Januar gemacht hat oder nicht, ist Wegner gescheitert. Er selbst hielt sich für nicht mehr vermittelbar. Seine CDU ist erleichtert darüber, dass er zurückzog und es seinem Finanzsenator Stefan Evers überlässt, das Rote Rathaus zu verteidigen.

Die frohe Kunde vom neuen Direktflug nach Dubai plauderte Wegner schon vorab aus

Im Wahlkampf der CDU ist der einstige Anführer aus nachvollziehbaren Gründen so gut wie unsichtbar. Diese Woche hatte er aber in der letzten Sitzung des Abgeordnetenhauses vor der Wahl die Möglichkeit, sich mit einer großen Rede zu verabschieden. Allerdings mäanderte Wegners Ansprache wie seine gesamte Amtszeit dann doch zwischen großen Worten und kleinem Karo. Dass ausgerechnet der über seine Unwahrheiten gestürzte Wegner mehrfach betonte, wie wichtig die richtige „Haltung“ sei, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

So hielt er es für nötig, die für den Nachmittag angekündigte Nachricht, dass es künftig eine neue Direktverbindung von Emirates zwischen dem BER und Dubai geben würde, vorzeitig öffentlich auszuplaudern. Obwohl er keine Details nannte, war es ihm offenbar wichtig, mit einer guten Nachricht für die Stadt abzutreten.

Dem Grünen Graf warf Wegner Freude über das Grünen-Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt vor

Als souveräner Stadtvater zeigte sich Wegner nur phasenweise. Als er dem Grünen-Spitzenkandidaten Werner Graf persönlich vorwarf, das ordentliche Ergebnis für dessen Partei in Sachsen-Anhalt bejubelt zu haben, klang er wie ein penibler Oberlehrer. Wenn die AfD – vor allem auf Kosten der CDU – durchmarschiert, sollen sich andere nicht freuen dürfen.

„Sie dürfen nicht gewählt werden, Herr Graf“, rief Wegner mit Verweis auf „Parkplatzklau“, Friedrichstraße und Bullerbü-Phantasien, die in diesem Wahlkampf der Grünen explizit keine Rolle spielen. Ob der für eine mögliche Regierung auf grüne Stimmen angewiesene CDU-Kandidat Evers diese Wahlempfehlung positiv aufnahm, wird wohl ein ewiges Geheimnis bleiben. Dass er nach dieser persönlichen Spitze gleich wieder den „Grundkonsens“ der Demokraten nach der Wahl beschwor, passt in den schiefen Ton dieser letzten Rede.

Mit der Linken Elif Eralp will die CDU immerhin nicht regieren. So dürften Wegners persönliche Attacken auf die aussichtsreiche Bürgermeister-Kandidatin wenigstens nicht künftige Gespräche belasten. „Ich weiß nicht, ob sie wissen, dass Olympische und Paralympische Spiele vom IOC gemeinsam vergeben werden“, fragte er gönnerhaft. Er erinnerte Eralp auch daran, dass „ein Flughafen auch Flugzeuge“ brauche. Dem BSW-Mann Alexander King, der zuvor die bundespolitischen Gründe für den AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt beschrieben hatte, erinnerte er daran, dass es bei den Abgeordnetenhauswahlen um Berlin ginge. Dabei grassiert in seiner CDU die Sorge, die Berliner Wähler könnten kommendes Wochenende die Ebenen ebenso wenig auseinanderhalten wie die Menschen in Sachsen-Anhalt.

Kein Abschied ohne Wahlkampf: Zum Schluss bringt Wegner den zentralen CDU-Slogan

Wegner lobte seine Koalition mit der SPD für die Arbeit ohne öffentlichen Streit. Er nannte die Bürgerämter und die beschlossene Verwaltungsreform als Erfolge seiner Regierung. „Ein funktionierendes Berlin ist schon eine ganz gute Vision“, sagte der Regierende, so als hätte es nicht gerade den größten Hackerangriff auf Berlins Behörden gegeben.

Die nächste Koalition müsse „den Weg der Mitte und des Pragmatismus“ weiter gehen, sagte Wegner. Er rief die Menschen auf, am 20. September „demokratisch“ zu wählen. Das klang überparteilich, stadtväterlich. Aber der Wahlkampf folgte sogleich: „Ich hoffe, dass Berlin stabil bleibt“, zitierte er einen CDU-Werbeslogan, der jetzt neben dem Kopf von Stefan Evers auf den Plakaten steht.