Journalisten werden zu Wahlkampfzeiten überschwemmt mit Terminangeboten. Man möge hier eine Diskussion anhören, dort einen Direktkandidaten begleiten oder eine Aktion beobachten. Aufmerksamkeit und womöglich wohlwollende Berichte sind eine willkommene Währung, um Menschen von sich zu überzeugen.

Ein Politiker braucht das aber offenbar nicht. Kai Wegner macht keinen Wahlkampf – oder jedenfalls keinen, der öffentlich wahrnehmbar wäre. Dabei hat sich der Noch-Regierende Bürgermeister mit seinem spektakulären Rückzug von der CDU-Spitzenkandidatur im Juli ja nicht von der Politik verabschiedet. Er möchte seine Laufbahn im Berliner Landesparlament fortsetzen.

Wahlkampftermine mit Kai Wegner zu finden, ist praktisch unmöglich

Im Spandauer Süden, wo Wegner in Gatow, Kladow und Pichelsdorf direkt ins Abgeordnetenhaus gewählt werden möchte, hängen immerhin kleinformatige Plakate mit dem Konterfei des gefallenen Politik-Promis an den Laternen. Auf der Internetseite seines Gatower Ortsverbands taucht er aber nicht wirklich auf, nur im Impressum steht „vertreten durch Kai Wegner“. In seiner Funktion als Regierender Bürgermeister erscheint der 53-Jährige gelegentlich bei Festen in seinem Heimatbezirk. So an diesem Sonnabend, wo er mit einem Grußwort beim Sommerfest der IBEB – Initiative für Bildung und Erziehung in der Wilhelmstadt angekündigt ist.

Aber Wahlkampf im klassischen Sinne, auf der Straße, im Gespräch mit Leuten, in Debatten mit politischen Konkurrenten oder bei der Verkündung neuer Initiativen, ist von Kai Wegner nicht zu bemerken. Auf der Internetseite des CDU-Kreisverbandes werden keinerlei Wahlkampftermine im Bezirk angezeigt. Stattdessen findet man Botschaften für Social-Media-Kanäle, zum Gewerbeflächenmanager oder zur Ordnungsamtspatrouille.

Wegner steht auf Platz eins der Spandauer Bezirksliste, kommt auf jeden Fall ins Parlament

Auch hier könnte für Wegner geworben werden. Schließlich hatte der Kreisparteitag im November den Regierenden fast einstimmig auf Platz eins der Bezirksliste gewählt. In dieser Position kann Wegner sicher sein, ins Abgeordnetenhaus zu kommen, selbst wenn er seinen Wahlkreis nicht gewinnen sollte.

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Morgenpost-Chefreporter Joachim Fahrun.© Reto Klar | Reto Klar / Funke Foto Services

Eine Mail mit der Bitte um Termine des Bezirksspitzenkandidaten beantwortet die CDU-Geschäftsstelle zunächst nicht. Auf telefonische Nachfrage ist zu erfahren, man möge eine Mail schreiben. Immerhin sei die CDU immer am Samstag in der Altstadt und an anderen Orten präsent. Ob Wegner dabei sei? „Nicht immer.“ Wann denn aber, kann man dort nicht sagen.

Der politischen Konkurrenz ist die Absenz des wichtigsten Wettbewerbers auch schon aufgefallen. Nicht nur die SPD fragt sich, wie sie Wegner inhaltlich und persönlich stellen soll, wenn er einfach nicht da ist.

CDU-Landesverband fühlt sich nicht zuständig für den Regierenden Bürgermeister

Vom CDU-Landesverband heißt es, man sei für Wegners Wahlkampf nicht zuständig, und es klingt fast ein bisschen erleichtert. Mit dem Wechsel zum Spitzenkandidaten Stefan Evers hat die Berliner CDU, die Wegner noch im Juni als frisch gewählten Spitzenkandidaten bejubelte, die Erinnerung an ihren langjährigen Anführer abgeworfen wie ein altes Hemd. „Neue Besen kehren gut“, verspricht Evers und verspricht, Berlin aufzuräumen, was Wegner ja wohl offensichtlich nicht gelungen ist.

Dass Wegner überhaupt weiterhin auf den Parlamentssitz und die damit verbundenen Diäten von 8161 Euro monatlich setzt, hat viele nicht nur in der Berliner CDU verwundert. Bei seinem Rückzug hatte er gesagt, ihm sei klar geworden, dass er mit seinen Themen nicht mehr durchdringe und die Debatte um seine Person und sein Verhalten im Stromausfall alles andere überlagern würde. Das stimmt wohl, denn nach wie vor ist kaum erklärbar, wie sich Wegner von Tennis bis zu Anrufen im Kanzleramt derart in Unwahrheiten verheddern konnte. Warum dieses Problem gegenüber den Wählerinnen und Wählern in der Havelstadt nicht gelten soll, erschließt sich nicht. Andererseits: Wer nicht wahlkämpft, muss auch nichts erklären.

Welche Rolle der Regierende Bürgermeister a. D. künftig in einer CDU-Fraktion spielen soll, ist eine offene Frage. Für eine herausgehobene Funktion kommt er wohl kaum infrage. Es wird für den einst mächtigsten Christdemokraten der Stadt wohl einen Platz auf der Hinterbank geben.