Der Balkon war einmal ein Symbol der Macht. Im Mittelalter und später in den italienischen Renaissance-Städten traten Fürsten und Würdenträger hinaus, um zum Volk zu sprechen. Wer einen Balkon besaß, zeigte, dass er sich Platz leisten konnte. Erst viel später wurde aus der steinernen Bühne ein Ort für den Alltag. Für die Berliner Arbeiter in den engen Mietskasernen des 19. Jahrhunderts blieb ein Balkon oft ein unerreichbarer Luxus.

Mein Balkon ist gerade einmal zweieinhalb Meter breit und anderthalb Meter tief. Viel ist das nicht. Aber ich nutze tatsächlich jeden Quadratzentimeter. Im Sommer wird er zu meinem zweiten Wohnzimmer. Zu einem Garten oder gar einer Laube hat es nie gereicht. Ehrlich gesagt wäre mir das wahrscheinlich auch zu viel Arbeit gewesen.

Anfang März beginnt bei mir die Gartensaison. Dann ziehe ich die ersten Blumen vor. Ende März dürfen sie nach draußen. Aus Urlauben auf der griechischen Insel Kreta bringe ich seit Jahren Samen mit. Mein ganzer Stolz ist ein Oleander, ein richtiges Prachtstück. Jedes Jahr freue ich mich auf seine ersten Blüten. Im Herbst überwintern viele Pflanzen dann im Treppenhaus.

Bienen und Nachbarn: Der Balkon wird im Frühling zum Treffpunkt

Mit dem Frühling kommen die ersten Bienen und Hummeln. Ich freue mich jedes Jahr auf sie wie auf alte Bekannte. Es summt und brummt zwischen Lavendel, Salbei und anderen bienenfreundlichen Pflanzen. Dass heute so viele Menschen den Insekten Nahrung bieten, finde ich eine der erfreulicheren Entwicklungen unserer Zeit.

Mein Balkon liegt am Klausenerplatz, in einem der ruhigsten Kieze Charlottenburgs. Morgens sitze ich dort mit einer Tasse Kaffee und der Morgenpost. Fast jeder Tag beginnt für mich genau so. Kurz vor acht ziehen die Kinder und Jugendlichen auf ihrem Weg zur Nehringschule vorbei. Es ist kein Lärm, eher ein freundliches Erwachen des Viertels. Am späten Nachmittag verschwindet die Sonne hinter den Häusern. Dann beginnt gelegentlich die Zeit für einen Gin Tonic oder einen guten Whiskey. Oft sitzt meine Freundin neben mir, manchmal bleiben Nachbarn auf ein Glas oder ein Gespräch. Der Balkon ist eben auch ein Ort der Begegnung.

Als meine Tochter noch klein war, haben wir ab und an im Schlafsack draußen übernachtet. Für sie war das ein Abenteuer, für mich ein kleines Stück Urlaub mitten in Berlin. Ich denke sehr gerne an diese Zeit.

Vom Einzimmerapartment zum Balkonpreis: Mein Weg zum Blumenglück

1975 zog ich nach Berlin, in eine Einzimmerwohnung in Spandau mit Außentoilette. Mein Fenster ging zum Hinterhof. Von einem Balkon konnte ich damals nur träumen. Vielleicht weiß ich gerade deshalb den heutigen Luxus so zu schätzen.

Im vergangenen Jahr veranstaltete unser Kiezbündnis einen Wettbewerb für die schönsten Balkone rund um den Klausenerplatz. Meiner wurde tatsächlich mit dem zweiten Preis ausgezeichnet. Der Gewinn bestand aus Pflanzen. Passender hätte er kaum sein können. Die schönste Auszeichnung bekam ich allerdings schon Jahre zuvor. Eines Tages stand vor meiner Haustür ein Blumentopf mit einer handgeschriebenen Karte. Darauf stand: „Dein Balkon war bei meiner Wohnungssuche vor einem Jahr der Ausschlag, hier in die Straße zu ziehen. Er hatte mir einfach sehr gefallen. Die richtige Wahl. Tolle Menschen, wunderbare Gegend. Danke.“

Balkon als Rückzugsort: Warum er heute wichtiger denn je ist

Ich habe diese Karte aufgehoben. Nicht wegen des Blumentopfes, sondern wegen des Gedankens dahinter. Ein Balkon kann offenbar mehr sein als ein paar Quadratmeter Beton. Er kann ein Stück Heimat ausstrahlen.

Vielleicht hat sich seine Bedeutung in all den Jahrhunderten gar nicht so sehr verändert. Früher traten Menschen auf den Balkon, um gesehen zu werden. Heute sitze ich dort mit meinem Kaffee, begrüße die erste Hummel des Jahres, plaudere mit den Nachbarn und schaue dem Leben im Kiez zu. Und ich merke, dass ich älter geworden bin. Manches geht nun nicht mehr ganz so leicht, und mein Radius ist auch kleiner als früher. Vielleicht bedeutet mir mein Balkon gerade deshalb heute mehr als je zuvor. Solange ich morgens meine Zeitung aufschlage und abends zwischen meinen Blumen sitze, ist dieser kleine Balkon für mich das schönste Zeichen dafür, dass ich noch immer mittendrin bin.

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