„Hier sind die Blumen doch ganz passend“, sagt Christian Simon und lässt den Blick kreisen über die kleine Parkanlage zu Füßen des Luftbrückendenkmals. Dann, nach kurzer Pause: „Auf dem Platz der Luftbrücke gab es Anfang der 30er-Jahre noch Schrebergärten, 1936 begannen die Arbeiten für den Flughafen-Neubau.“ Solche Details kennt Simon massenhaft: Erst kürzlich hat der Berlinbuch-Autor seinen Band „Tempelhof. Zwischen Idylle und Metropole“ veröffentlicht.
Und ist gedanklich noch mittendrin. Das fällt auf, im Gespräch, bei jedem Schritt: hier ein Name, eine Zahl, dort eine Anekdote. Beim Überqueren des Tempelhofer Damms fällt ihm angesichts der beiden Gebäude gegenüber der Film „Die Protokollantin“ mit Iris Berben ein. „Genau hier wurde eine Szene gedreht“, sagt er. Die halbrund gestalteten Wohn- und Geschäftshäuser an Manfred-von-Richthofen-Straße und Tempelhofer Damm/ Kaiserkorso, Baujahr 1912/13, wurden von den Architekten Bruno Möhring und Hermann Speck entworfen: mit monumentalen Fassaden, über drei Geschosse reichenden Säulen. Die Bauten galten als Tor zum Tempelhofer Feld, zugleich als Eingang zum im Werden begriffenen Wohnbezirk Neu-Tempelhof.
Simon spannt den Bogen vom Gestern ins Heute
Als Simon sein Tempelhofer Buchprojekt startete, habe er nicht geahnt, worauf er sich einlässt. Denn dieser Ortsteil wurde von Templern gegründet. Zwar gibt es keine Urkunde darüber, wohl aber Rückschlüsse. Man wisse, dass die Johanniter vielerorts den Besitz der Templer übertragen bekamen, als der Orden Anfang des 14. Jahrhunderts vom Papst aufgelöst wurde. „Und dass der Johanniter-Orden in diesem Ort Besitztümer hatte, ist dokumentiert. Der heißt aber nicht Johanniterhof, sondern Tempelhof“, erklärt der Insider.
Christian Simon gelingt es, den Bogen zu spannen vom Gestern ins Heute. Mit Detailkenntnissen: etwa dass der Regierende Bürgermeister Michael Müller im Haus Schulenburgring 2 aufwuchs, wo am 2. Mai 1945 Berlins Kapitulation unterzeichnet wurde. Oder dass es einst auf dem ehemaligen Flughafengelände einen tiefen Teich gab, der noch 1891 Todesopfer forderte. Der studierte Geograph hat das Fachwissen für naturgeschichtliche Abstecher.
Der gebürtige Berliner, Jahrgang 1960, hat zudem Grundschulpädagogik und Politologie studiert. Doch sein Faible für Heimatgeschichte begann 1973, als die Giesensdorfer Grundschule in Lichterfelde 100 Jahre alt wurde. Der damals 13-Jährige sollte die Geschichte der Schule für die Festschrift aufzuschreiben. Mit Hilfe des Steglitzer Heimatvereins, der ihm alte Zeitungsartikel zur Verfügung stellte, verfasste der Schüler vier Seiten. „Meine erste Publikation. Es hat mich seither nicht losgelassen“, sagt er heute. Er schrieb bald historische Artikel für den Heimatverein, später für den Steglitzer Lokalanzeiger. Ein Hobby, dass er nach einem Intermezzo als Referendar an Berliner Schulen zu seinem Beruf machte.
Allmählich avancierte er zum Heimatexperten, zum Chronisten – hauptsächlich über den Berliner Südwesten, wo sich Simon, der in Steglitz aufwuchs und seit 1966 in Lichterfelde wohnt, gut auskennt. Sein Debüt „Steglitz im Wandel der Geschichte“ 1997 wurde ein Renner und ermutigte ihn zu einem Schöneberger Pendant. Diesmal blieb aber das Interesse aus. Simon hat gelernt, mit Schwierigkeiten, Misserfolgen umzugehen. Über die Jahre entstand eine Reihe von Bezirks-Chroniken, überwiegend im be.bra-Verlag: ein neues Buch zu Steglitz, danach zu Zehlendorf, Wilmersdorf und Dahlem. Mit gelegentlichen publizistischen „Abstechern“ nach Mitte. Parallel dazu: Arbeit an Langzeit-Projekten. Dem „Bezirkslexikon Steglitz-Zehlendorf“ etwa. Weil die Berlin-Buch-Verlage skeptisch reagierten, verwirklichte Simon diese Idee schließlich 2004 im 2001 gegründeten eigenen Christian Simon Verlag. Kürzlich, Mitte November, erschien sein „Steglitz-Lexikon“, eine aktuelle, auf Steglitz fokussierte Version, im AVI-Arzneimittel Verlag.
Mit diesem kooperiert Simon auch in Zusammenarbeit mit dem Stadtführer und Autor Wolfgang Holtz. Der historische Steglitzer Friedhof Bergstraße inspirierte beide zu einem Buch über dessen Geschichte und die Promis, die dort ruhen. Auch die Geheimnisse und Geschichten des über 100jährigen Stadtparks Steglitz waren es ihnen wert, aufgeschrieben zu werden. Und im Elsengold-Verlag veröffentlichten sie gemeinsam eine Broschüre mit Spaziergängen in Steglitz-Zehlendorf.
Ältere Damen mit Interesse für die historische Mitte
Ein weiteres Wirkungsfeld schaffte sich Simon als Stadtführer. Seine historischen Exkursionen – überwiegend durch Dahlem, Steglitz und die historische Mitte – sind besonders bei Gästen älteren Semesters beliebt. „Resolute Damen um die 70, die sich preußischen Traditionen verpflichtet fühlen. Und Zeit haben“, verrät Simon augenzwinkernd. Um die eineinhalb Stunden müssen sollten eingeplant werden: erfahrungsgemäß die optimale Dauer.
Doch wie arbeitet ein Stadtchronist? „Ein Journalist muss mindestens zwei Quellen haben. Der Historiker kann manchmal über eine froh sein“, sagt der Insider. Original-Berichte seien von unschätzbarem Wert. Simon recherchiert deshalb in Zeitungs-Archiven, aber auch im Internet, in Bibliotheken. Er durchforstet zudem Literaturverzeichnisse, Zitate-Hinweise, alte Berliner Adressbücher. Und studiert Bau-Akten. Der Berlin-Spezialist kennt sich aus mit Stadtplanung. Seine Doktorarbeit hat er zu einem stadtgeographischen Thema verfasst: dem so genannten „Wilhelminischen Ring“, dem Berliner Mietskasernen-Gürtel, der Ende des 19. Jahrhunderts nach dem Hobrecht-Plan angelegt wurde. Nicht zuletzt schöpft Christian Simon als echter Berliner aus eigenen Erinnerungen.
Stil und Konzept seiner Publikationen richten sich nach dem Leser-Interesse: Seine Bücher sollen informieren und unterhalten. „Weil die Gegenwart nur aus der Kenntnis der Vergangenheit erklärbar ist.“ So steht es auf dem Klapptext des Steglitz-Lexikons. Doch Simon, von hünenhafter Statur, mag keine großen Worte und zitiert lieber seine Stadtführungs-Gäste: „So oft bin ich hier vorbeigegangen, aber mir blieb alles verborgen. Jetzt sehe ich diesen Ort mit anderen Augen.“


