Der Brief wirkte ein bisschen wie eine Flaschenpost aus der Vergangenheit, wenn auch mit einer sehr aktuellen Botschaft, die gerade in diesen Tagen nachdenklich macht. Die Briefmarke stammte von 2022, die Adressangaben sogar noch aus der Zeit vor der Umstellung auf fünfstellige Postleitzahlen im Jahr 1993. Dass die Deutsche Post den Brief dennoch zustellte, nehme ich als gutes Zeichen. Denn die Bitte, die in dem kurzen Brief vorgetragen wird, klingt so dringend wie anrührend, dass wir beschlossen haben, sie hier zu veröffentlichen – in der Hoffnung, dass sich der Wunsch erfüllt und dass sich nicht nur der Absender bei uns meldet.

„Ein einsamer Witwer im Altenheim“, schreibt Herr E. über sich selbst, „wünscht sich, eine liebe Frau kennenzulernen und lieb zu haben.“ Er sei „erst“ 87 Jahre alt und fühle sich noch sehr jung. „Wenn wir beide uns verstehen und vielleicht auch lieben, stünde einer Ehe doch nichts im Wege der Liebe“, schreibt er in seiner kurzen Notiz. Und: „Gott würde doch schmunzeln. Kannste glauben. Wenn nicht, verstünde ich‘s auch.“

Schreiben Sie uns, was Sie über Einsamkeit denken

Die Rechnung für die Kontaktanzeige, die Herr E. wohl im Sinne hatte, solle an den Absender gehen, „bitte nicht zu teuer, freundlichst, Manne E., Frohnau“. Aber zum einen gibt es diese gedruckten Seiten ja so gar nicht mehr, in denen bis zur Erfindung des Internets allerlei mehr oder weniger amüsante Gesuche aufgegeben wurden – nach dem Motto „Sie sucht ihn/Er sucht Sie“. Dazu kommt, dass es auch den Absender, den Herr E. angab, ein „Altenheim“ in der Jebensstraße in Frohnau, so nicht gibt. Frohnau hat nicht mal eine Jebensstraße – es gibt nur eine am Bahnhof Zoo in Charlottenburg. Möglich, dass Herrn E. da etwas durcheinandergeraten ist?

Warum erzähle ich Ihnen das? Natürlich wollen wir Herrn E. gern finden (wir kennen seinen vollen Namen, immerhin) und ihm auch eventuelle Zuschriften zukommen lassen. Aber ich habe noch eine Hoffnung: Würden Sie uns und Herrn E. schreiben, was Sie generell über die Einsamkeit denken? Wie Sie sie erleben, sofern es Sie trifft, wie Sie damit umgehen – oder was Sie sich wünschen würden, auch von der Gesellschaft? Auch wenn Sie nicht davon träumen, Herrn E.s späte Liebe zu werden, und auch auf das Risiko hin, dass wir ihn wirklich nicht finden: Die schönsten Antworten veröffentlichen wir gern.

Denn der Wunsch des einsamen Witwers erzählt viel darüber, wie es gerade in diesen Tagen vielen Menschen geht, die vielleicht keinen Partner haben, keine Familie, Freunde, um gemeinsam zu feiern, und die nicht nur an den Festtagen spüren, was Einsamkeit bedeutet.

Wenn sich Menschen jenseits der 80 noch einmal neu verlieben

Dazu kommt: Wenn sich Menschen jenseits der 80 noch einmal neu verlieben – ich glaube, Gott würde vielleicht gar nicht schmunzeln, wie Herr E. schreibt. Aber wir tun es vielleicht. Die Jüngeren. Aber mit welchem Recht? Gerade erst fand in Reinickendorf, wo offenbar auch Herr E. lebt, der dritte „Einsamkeitsgipfel“ statt. Dabei ging es um Einsamkeit, die junge wie alte Menschen gleichermaßen treffen kann und die für Junge wie Alte tatsächlich auch zum Gesundheitsrisiko werden kann. „Einsamkeit ist die unsichtbare Pandemie unserer Zeit, die alle Generationen gleichermaßen trifft“, sagt Bezirksbürgermeisterin Emine Demirbüken-Wegner (CDU), die den Einsamkeitsgipfel initiierte. „Wir dürfen diese Stille nicht hinnehmen.“

Lieber Herr E., wenn Sie dies lesen, dann versuchen Sie doch bitte noch einmal, sich mit uns in Verbindung zu setzen! Gern per Brief an unsere aktuelle Adresse (siehe unten). Liebe Leserinnen, sofern Sie Herrn E. gern kennenlernen möchten: Sofern wir ihn finden, leite ich Ihre Post gern weiter. Grundsätzlich sei eines angemerkt: Dies wird keine neue Kontaktanzeigen-Rubrik. Es ist eine Ausnahme. Weil bald Weihnachten ist – und weil man ja nicht jeden Tag eine „Flaschenpost“ aus der Vergangenheit bekommt.

Unsere Postadresse: Berliner Morgenpost, FUNKE Medien Berlin GmbH, Kolumne „Stadtflucht“, Friedrichstraße 70, 10117 Berlin

E-Mail: stadtflucht@funkemedien.de

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