Zu den oft zitierten Lebensweisheiten gehört ja der Bibelspruch: Ein jegliches habe seine Zeit, das Leben und auch das Sterben. Zumindest für mein eigenes Leben kann ich sagen, dass das ziemlicher Quatsch ist. Fürs Sterben ist nie die richtige Zeit.
Vor 22 Jahren und einer Woche stand ich bei einem Autohändler in Pankow. Mein ziemlich neuer Fiat hatte in einem brandenburgischen Dorf den Geist aufgegeben, plötzlich und unerwartet und kurz nach Erlöschen der Garantie. Ich hatte beschlossen, mich nicht zu ärgern, sondern zu freuen, dass ich genug Geld gespart hatte, um mir ein neues Auto zu kaufen. Nimm das, Schicksal! Dafür sollte nun der Kaufvertrag unterschrieben werden. Es musste schnell gehen, um zehn Uhr hatte ich den ersten Arbeits-Termin.
Kurz vor der Unterschrift rief mich mein Vater auf dem Handy an. Meine Mutter war gestorben. Nicht unerwartet, sie war schwer krank. Trotzdem. Ist es in so einem Moment pietätlos, ein Auto zu kaufen? Ich entschuldigte mich für das Telefonat, unterschrieb und erwog auf der Fahrt ins Büro, ob ich das neue Auto „Ilse“ nennen sollte, nach meiner Mutter.
Es gibt kein Wort für die Zerstörung durch die Demenz
Wahrscheinlich hätte sie das nicht lustig gefunden. Wir hatten ein distanziertes Verhältnis – wie in vielen Familien, deren Elterngeneration im Krieg schnell hatte erwachsen werden müssen. Für Gefühle hatten unsere Eltern auch später nie Zeit. Ähnliches gilt leider oft auch für uns „Boomer“. Im Büro war die einzige Frage meines damaligen Chefs, bevor ich zu meiner Familie fuhr: Ob all die Dinge, für die ich verantwortlich war, organisiert seien? Ich fand das unsensibel, aber es war mir auch recht. Wollte ich überhaupt über meine Mutter reden – mit meinem Chef?
Zuhause bewahre ich bis heute drei Kisten aus ihrem Nachlass auf. Ungeöffnet. Es gibt kein Wort für die Zerstörung, die Parkinson und Demenz bei Menschen anrichten. Die Krankheiten löschten meine Mutter nach und nach aus, grausam und unter Schmerzen. Im Kampf gegen das Vergessen hat sie damals alle Fotoalben und alle möglichen Dinge beklebt und bekritzelt. Seit 22 Jahren nehme ich mir vor, dieses Chaos zu sortieren.
Es gab keinen Abschied von meiner Mutter, im Gegenteil
Bis zum Schluss war meine Mutter sicher, sie würde wieder gesund werden. Es gab keinen Abschied. Im Gegenteil. Nach unserem letzten Gespräch hatte ich dasselbe schlechte Gewissen wie immer – ihr nicht zu genügen. An diesem Sommertag hatte sie sich gewünscht, ich möge sie mit nach Hause nehmen, wenigstens für den Nachmittag. Doch nach acht Jahren im Pflegeheim gab es dieses Zuhause nicht mehr. Nur hatte ihr das niemand gesagt. Weil Kinder ja ihr Leben lang „elternsensibel“ bleiben, spürte ich aber, dass sie das ahnte. Es zerreißt mich bis heute. Zumal ich bis heute finde, dass mein Vater auch damals ein Recht auf sein Leben hatte, jenseits von Demenz und Pflegeheim.
Warum schreibe ich Ihnen das? Zum einen, weil diese Kolumne gewissermaßen am Sterbebett meiner Schwiegermutter entstanden ist. Sie war 93 Jahre alt und bis zuletzt umgeben von ihrer Familie. Und ja, wir wussten, dass es zu Ende geht. Trotzdem traf uns das Sterben unerwartet. Sterben hat nie „eine Zeit“. Es bleibt unfassbar.
Diese Familie hat die Kisten der Mutter beizeiten geöffnet
Trotzdem gibt es etwas, das wir tun können. Diese Familie hat die Kisten der Mutter beizeiten geöffnet und sortiert. Sie selbst hat vor Jahren damit angefangen. Alle unsere Haushalte sind bestens ausgestattet mit ihren Tupperdosen. Wir alle besitzen schwäbische Kochbücher und handgeschriebene Rezepte. Im Baum hängen die von den drei Söhnen vor 60 Jahren selbstgebastelten Strohsterne.
Das Aufräumen galt auch im übertragenen Sinne. Natürlich gab es auch in dieser Familie Brüche. Aber über das Heranwachsen der Enkel und die Krankheiten der Eltern entstand eine Annäherung. Ein Verstehen, wie man wurde, was man ist. Meine Schwiegermutter hat viel dazu beigetragen, manchmal bewusst, manchmal eher unabsichtlich, glaube ich. Sie hatte eben ihren eigenen Kopf. Bis zum Schluss war sie oft noch sehr klar in ihren Gedanken. Ich denke, dass sie im Gefühl dieser Familienwärme „eingeschlafen“ ist. So nannte sie es selbst. Sie ist übrigens allein gestorben, nachts. Ich bin froh, dass es sie in meinem Leben gab.



