Meine Mutter war mehr als irritiert. Die Anrufe brachten sie durcheinander und ängstigten sie. Bereits Jahrzehnten zuvor war aus dem Ort Ortelsburg Szczytno geworden, aus Allenstein Olsztyn. Dort hatte sie gelebt bis zu ihrer Flucht nach Norddeutschland.
Ein Eitel Fromholz war ihr aber unbekannt. Betrunken war er auch, und meine Mutter verspürte keine Lust, mit ihm über die alte Heimat zu reden. Auch als besagter Eitel erklärte, er werde in Berlin von mir betreut, blieb sie reserviert. Vielmehr rief mein Vater mich an, noch weniger begeistert. Seine Bitte war knapp: „Bitte regle das mit ihm.“
Berlin 1995, Schmargendorf, ich jobbte als Student der Sozialpädagogik in der Häuslichen Pflege bei der Arbeiterwohlfahrt. Ging für Menschen, die Hilfe brauchten, einkaufen, putzte Wohnungen, nicht so gerne Fenster und Toiletten, kochte, half bei der Körperpflege und war bei etlichen „Mädchen für alles“.
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Es war viel Raum für Unterhaltungen und Austausch
Krankenpfleger war ich nicht. Doch es hieß: „Sie sind doch Erzieher und Diakon, da können Sie sicher mit etwas schwierigeren Menschen umgehen.“ So kam ich an Eitel Fromholz, Arzt im Ruhestand. Er war seit langem alkoholkrank und im Haushalt und Alltag auf Hilfen angewiesen. Ostpreuße war er auch. Und da man damals noch viel Zeit für die Betreuung von Menschen hatte, war viel Raum für Unterhaltungen und Austausch.
Ältere Menschen reden gerne über die Vergangenheit; ich kann das nun auch bei mir beobachten. Und als Eitel, längst waren wir beim „Du“, eines Abends langweilig war, erfragte er bei der Auskunft die Telefonnummer meiner Mutter, die aus derselben Gegend in Ostpreußen stammte wie er. Er fand das gut. Nur mir viel Nachdruck konnte ich ihm vermitteln, dass meine Mutter einfach ihre Ruhe haben wollte. Eitel betreute ich noch etliche Jahre und das sehr gern. Langweilig war’s nie mit ihm. Er war immer für Überraschungen gut.
Über Ronald habe ich hier bereits im Dezember 2019 berichtet: „Bitte macht mir die Weihnachtsengel“. Lesen Sie bitte ruhig nach. Es ist eine vermeintlich skurrile Weihnachtsgeschichte mit zwei Prostituierten, eigentlich aber geht es um eine gescheiterte Sterbebegleitung. Der Patient wollte nämlich einfach nicht sterben. Stattdessen entstand eine jahrelange Freundschaft.
Sie konnte zetern wie ein Bär
Eine kleine zierliche Frau, Lucia Münze, war damals bereits Mitte siebzig und hatte gelegentlich ein Organ, dass einfach nicht zu überhören war. Sie konnte zetern wie ein Bär. Im Regelfall schmissen die Schwestern den Job am zweiten Tag. Für eine Woche Arbeit mit und bei ihr hätte man die Tapferkeitsmedaille verdient gehabt.
Konnte sie einfach nicht mit Frauen oder war ich wirklich recht anpassungsfähig? Eindruck jedenfalls machte ihr anfängliches Gezeter nicht auf mich. Manchmal muss man sich etwas aneinander gewöhnen. Letztendlich hatte ich sie als sehr zärtliche, äußerst umgängliche Frau in Erinnerung. Jeden Monat die Fenster zu putzen allerdings, das nervte.
Kurt Jache saß von seinen 60 Lebensjahren mindestens die Hälfte in Gefängnissen. Eierdiebereien und eine Menge Gewalt. Er war oft nicht nur ein grober Klotz, sondern ging den Helferinnen meist recht schnell an deren Wäsche. Ich hatte Glück, auf Männer stand er nicht. Leicht war es mit ihm wirklich nicht. Um seinen Charme zu entdecken, musste man dreimal hinschauen. Dann aber gab’s auch andere Seiten bei ihm zu entdecken.
Jeden Tag musste ich den Waschlappen 20 Minuten unter fließendem Wasser ausspülen
Hingeworfen habe ich meinen Job in meiner Erinnerung damals lediglich bei einem Menschen. Herrn Maibaum, er war sehr vermögend, um die siebzig und körperlich eingeschränkt, sollte ich jeden Tag beim Waschen behilflich sein. Eine sehr leichte Tätigkeit. Danach aber musste ich jeden Tag den Waschlappen 20 Minuten unter fließendem Wasser ausspülen. Er schaute dabei auf die Uhr. Und im Regal waren wohl 20 Waschlappen gestapelt. Ich machte das nur einmal.
Dann doch lieber der garstige Kurt oder die laute Lucia, Ronald und seine Engel oder Geschichten aus Ostpreußischen von Eitel. Man darf ruhig schräg sein, wenn das Herz am rechten Fleck sitzt. Schlimm ist es, wenn man keines hat.



