In Berliner Gefängnissen sitzen derzeit 3.524 Menschen (Stichtag: 26. November) ein. In diesem Jahr brachten sich nach Justizangaben bislang fünf Insassen um, im Gesamtjahr 2024 waren es ebenfalls fünf. Im Jahr der Corona-Pandemie mit entsprechenden Beschränkungen im Vollzug gab es neun Suizide. In der JVA Moabit, einem reinen Männer-Gefängnis, waren es 2024 und 2025 jeweils zwei Menschen. Suizidversuche gab es weit mehr.

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„Bei Gefängnis-Insassen handelt es sich um eine besonders vulnerable Gruppe“, erklärte Justizsenatorin Felor Badenberg am Donnerstag. Anke Stein, die seit 2017 die JVA Moabit leitet, sagte: „Wir können nicht jeden Suizid verhindern, das liegt nicht an uns, sondern an der Situation. Wir möchten aber niemanden verlieren, sondern alle gesund durch die Haftzeit bringen und Wege aufzeigen für die Insassen, wie sie sich auf ihr Leben nach der Haft vorbereiten können. Wir haben eine große Fürsorgepflicht.“
„Haftschock“ und Isolation sorgen für Krisensituation
Die JVA Moabit ist durchschnittlich mit 850 Insassen belegt, hinzu kommen pro Jahr rund 4000 Menschen aus ganz Deutschland, die dort für einen begrenzten Zeitraum in Untersuchungshaft sitzen. „Wir schneiden Menschen dadurch von ihren Kontakten ab. Dadurch geraten viele sehr schnell in eine emotionale Krise“, berichtet Anke Stein. Man spreche von einem „Haftschock“, der meist in den ersten Wochen im Gefängnis auftrete. Hinzu kämen starke Scham- und Schuldgefühle, der Verlust der Freiheit und ein Gefühl der Aussichtslosigkeit. „Wir haben auch einen erheblichen Anteil an Wohnungslosen, die hier wegen Fluchtgefahr aufgenommen werden. Für sie gilt zunächst die Unschuldsvermutung.“

Bislang wurden suizidgefährdete Gefangene in der Regel in karge und kameraüberwachte Hafträume gebracht. Doch jetzt kann ein lange geplanter Suizid-Präventionsraum für 340.000 Euro „in Betrieb“ genommen werden. In diesem Raum ist alles in Blau und zarten Grüntönen gehalten. „Vom cooling Pink der 2000er Jahre sind wir komplett weg“, erklärt Anke Stein.
Die besondere Zelle: vandalismussicher und einladend
Als besonders hilfreich könnte sich der große, interaktive Bildschirm erweisen. Hier können sich die verzweifelten Insassen Musik und angenehme Bilder zur Beruhigung aussuchen. Für Ablenkung sollen niedrigschwellige Spiele wie Zeichnen, Tiergeräusche erraten, Wörter suchen oder Schach sorgen. Wichtig: Die Bedienung und alle Spiele sind ohne Erklärung und Deutschkenntnisse zu verstehen.

Wirklich alles im Suizid-Präventionsraum ist abgerundet, vandalismussicher und im Boden fest verankert – der Tisch, die Hocker, das Bett, das Regal, auch das WC und das Waschbecken. Einen Heizkörper gibt es nicht in der ehemaligen Doppelzelle, an dem man sich erdrosseln könnte, dafür eine unsichtbare Fußbodenheizung. Diese war im Gebäude aus dem Jahr 1881 auch einer der Gründe, warum es mit der Inbetriebnahme des Raumes etwas länger gedauert hat. Spatenstich für den Raum war bereits 2023 gewesen.
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Das Pilotprojekt soll Schule machen für den gesamten Berliner Justizvollzug. Weitere Suizidpräventionsräume sollen in allen sieben Haftanstalten des geschlossenen Vollzugs eingerichtet werden. Im Sommer fand bereits der Spatenstich in der Teilanstalt 1 der JVA Tegel statt. Es gebe auch bereits Konzepte für das Frauengefängnis und Berlins modernste Einrichtung, die JVA Heidering. Die Haushaltsdebatte über die Gelder laufe noch, sie sei aber sehr zuversichtlich über eine Zusage, sagte Justizsenatorin Felor Badenberg.
Häftlinge in Moabit: 70 Prozent nicht deutschsprachig
Teilanstaltsleiterin Martha Wedra wirkt erleichtert über den Suizid-Präventionsraum. „Wir sind sehr dankbar, dass es diesen Raum jetzt gibt,“, sagt sie. „In den vergangenen Jahren mussten wir ganz oft Leute in den besonders gesicherten Haftraum bringen. Das ist ein sehr karger Raum, der nicht dazu beiträgt, Menschen aus einer Krise zu holen.“ Der Raum werde auch für gewaltbereite Insassen genutzt, die andere bedrohen.
„Keine technische Unterstützung kann den Menschen ersetzen“
Ungefähr 70 Prozent der Insassen in Untersuchungshaft seien nicht deutschsprachig, so Wedra. Für alle Häftlinge stünden insgesamt fünf Personen aus dem psychologischen Dienst zur Verfügung. Die Betreuung richte sich nach dem individuellen Bedarf. Für den Suizid-Präventionsraum bestehe ein erhöhter Bedarf.
Ob denn KI helfen könne, um Suizid-Gefährdung bei Häftlingen frühzeitig feststellen zu können? Anke Stein hat dazu eine klare Meinung. „KI kann in Einzelfällen helfen, beispielsweise um Röntgenbilder zu analysieren. Aber keine technische Unterstützung kann den Menschen ersetzen. Der menschliche Kontakt und der persönliche Eindruck durch unsere Psychologen und Sozialarbeiter, das ist das feinste Sieb, um Suizidpläne wahrzunehmen.“
Anmerkung der Redaktion
Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über (mögliche) Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Suizidgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen.
Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.






