Nachtgestalten

„Bitte macht mir die Weihnachtsengel“

Schräge Festtage als Sozialarbeiter: Wie aus einer Sterbebegleitung eine acht Jahre währende Freundschaft wurde.

Dieter Puhl schreibt jede Woche in der Berliner Morgenpost.

Dieter Puhl schreibt jede Woche in der Berliner Morgenpost.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Die Nacht vom 24. auf den 25. Dezember. Ronald lag knülle für Vier auf dem Bett, recht hinüber, grölend, lallend. Dennoch schrie er mit Nachdruck: „Macht mir die Weihnachtsengel!“ Die beiden angesprochenen Damen hatten vor Stunden für 1000 Mark erst die roten Zipfelmützen an-, und den Rest ausgezogen. Nun hatten sie sich sehr lieb und waren auf dem Sofa mit sich selbst beschäftigt; ich dagegen saß auf dem Boden, einfach nur zufrieden. Und alle waren glücklich. Frohe Weihnachten.

Gekommen ist es zu diesem schrägen Abend durch eine Begegnung, die ich wohl vier Jahre zuvor machte: Während meines Sozialarbeiterstudiums jobbte ich, ich habe bereits darüber berichtet, bei der Arbeiterwohlfahrt in der häuslichen Krankenpflege. Da ich über eine Ausbildung zum Diakon verfügte, fragte man mich eines Tages, ob ich auch als Sterbebegleiter arbeiten wolle?

Wollte ich, und Ronald M. war nun der erste Mensch, den ich beim Ableben begleiten sollte. Ich erinnere mich noch gut, nachmittags trat ich meinen Dienst an und lernte dann noch seinen Priester kennen, im Beisein der Familie hatte Herr M. gerade vor Minuten die Letzte Ölung erhalten.

Was macht man, wenn jemand nichts mehr möchte?

Zustand nach Querschnittslähmung, tellergroßes Druckgeschwür, kein Lebensmut mehr vorhanden, so lautete zuvor die Übergabe im Büro der Einsatzleitung. Wohl auch noch mehr, mittlerweile habe ich das aber vergessen.

Die Wohnung war verdunkelt, alles erschien etwas düster, und da lag er nun dämmernd und wenig ansprechbar in seinem Bett. Ich stellte mich vor, das schien ihn nicht zu interessieren, vermutlich bekam er aber auch nicht mehr viel mit, äußerst schwach – und ja, nur noch wenig auf diesem Planeten.

Was macht man, wenn jemand nichts mehr möchte und einfach dabei ist, sich aus dem Leben zu verabschieden? Er dämmerte vor sich hin.

Da bat ich ihn, stilvoller und freundlicher zu sterben

Ich war froh, als er mich nach gut zwei Stunden leise, kaum zu verstehen, um einen Früchtetee bat. Ich kannte die Wohnung nicht, da dauerte alles etwas länger und es wunderte mich: Ronald konnte zunehmend lauter bitten, ärgerte sich wohl sehr über mich. Er wurde nun fordernder, und bei aller Empathie, die ich für ihn hatte, konnte er richtig, richtig böse werden. Ein paar Stunden hielt ich das aus, während er mich ziemlich scheuchte. Wenig professionell und selbst wütend, fragte ich ihn schließlich, ob er denn nicht leiser, stilvoller und freundlicher sterben könne?

Das gefiel ihm gar nicht. Wütend und zornig wollte er sich nun über mich beschweren. „Dafür sind Sie zu schwach, dazu müssten Sie erst gesund werden.“ Ja, nun ging die Post ab. Ein lebhafter Dienst – mit Sterbebegleitung hatte das wenig zu tun.

Aber warum auch, denn er wurde wieder gesund. Das dauerte über Monate, ich durfte es begleiten. Trotz vieler Rückschritte gewann er an Kraft, Lebensfreude und Lebensmut, und nach gut zwei Jahren war dann sogar das Loch im Po dicht. Er war ein mehr als schräger Typ, konnte saufen wie ein Eimer, war für jeden Mist gut. Durch ihn hatte ich in etlichen Kneipen, die wir gemeinsam besuchten, Hausverbot. „Psychosoziale Betreuung“ war groß im Kommen. Und so wurde aus einer Sterbebegleitung eine achtjährige Beziehung, Freundschaft, mit einigen Tiefen und echt vielen Höhen.

Ich war glücklich und dachte: Es hat sich gelohnt

Zurück zu Heiligabend vor 30 Jahren, 23 Uhr: Das Telefon klingelte, und wie so oft war es Ronald. Oh – und er war nicht einsam, konnte gut für sich sorgen. Er war ziemlich zu, hatte gute Laune und sich zwei Prostituierte als Weihnachtsengel bestellt. Alle waren heiter, da gingen einige Flaschen zu Bruch. Als Resultat hatte sein Rollstuhl platte Reifen. Die sollte ich reparieren. Machte ich. Und ein Video drehen. Das lehnte ich ab.

So saß ich später, längst war wieder Luft auf der Bereifung, recht glücklich auf dem Teppich: Was ein Bild. Es hatte sich alles gelohnt. Schräge Weihnachten.

Übrigens lebte Ronald dann noch ein paar Jahre. Vernünftig wurde er dabei nicht. Ich dagegen sehr.

Dieter Puhl arbeitet seit 27 Jahren in der Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission, seit 2019 führt er die Stabsstelle für christliche und gesellschaftliche Verantwortung.