Wohl keine Nation belehrt sich gegenseitig so gern und erbittert darüber, wie man als Tourist im Ausland nicht auffällt, wie die Deutschen. So sehr, dass sogar unsere geliebten Socken in klobigen Sandalen diesen Sommer zum „ironischen“ Modetrend wurden. Ausnahme sind Berliner im Umland. Wer nach Brandenburg kommt, hat kein gar kein Problem damit, Stadtgrenzen als Mensch mit Hauptstadthintergrund erkannt zu werden. Grundsätzlich ist ja auch nichts dagegen einzuwenden, als Berliner ein bisschen mit Hauptstadt-Credibilty anzugeben. Allerdings gibt es ein paar Dinge, die man doch überdenken sollte.
Pfandflaschen einfach irgendwo hinstellen

Da ist die Sache mit dem Pfand. Neulich sah ich am Bahnhof einer Kleinstadt wieder junge Leute, die ihre leeren Mate- und Wegbierflaschen ordentlich neben einem Papierkorb aufreihten – unter den fragenden Blicken der Wartenden. Es war am Gleis Richtung Berlin, die Jugend trug wehende Mäntel, Drahtbrillen und Palästinensertücher. Schon in Berlin finde ich diese Art der demonstrativen milden Gabe fragwürdig. Ist es rücksichtsvoll gegenüber Flaschensammlern? oder doch einfach nur bequem? Man könnte sein Pfandglas ja auch selbst wegbringen und Bedürftigen das Bargeld spenden. Oder? Gerade auf dem Land und in Kleinstädten gibt es oft weder Pfandsammler noch von der öffentlichen Hand bezahlte „Reinigungsstreifen“, die den Bürgern ihren Müll hinterherräumen. Liebe Berliner: Bitte nehmt Eure Pfandflaschen (und Müll) gern auch an Badestellen, Radwegen und Häuserecken einfach mit.
Fair enough, das ist literally peinlich
Verwirrte Blicke sieht man manchmal auch, wenn man überzeugte Innenstadt-Berliner im Gespräch erlebt. So scheint es zumindest in den Szenevierteln mittlerweile üblich, in jeden Satz mindestens eine (d)englische Redewendung einzuflechten. Fair enough, das ist allerdings literally oft vollkommen sinnfrei oder peinlich. In Kreuzberg, Mitte und Prenzlauer Berg werden Restaurantgäste auch zunehmend belehrt, doch bitte auf Englisch zu bestellen – gern unabhängig davon, welche Sprachen die Anwesenden tatsächlich sprechen. Auch das passiert offenbar mehr um des schönen Scheins willen. Berlins Ansagen in Bussen und Bahnen machen vor, dass man sich hierzulande selbst mit krassem deutschem Akzent nicht schämen muss, es auch mal auf Englisch zu versuchen. Aber: Mind the gap, anderswo gilt das nicht. Actually nicht mal am Stadtrand von Berlin.
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Das Fahrrad überall mitnehmen

Berliner nehmen ihre Räder überall mit hin, ins Büro, ins Restaurant, Kirche, nach Hause. Klar, ein Grund sind die Fahrraddiebe. Doch das erklärt nicht den Trend in Berlins U- und S-Bahnen, Fahrräder, die selbst in völlig überfüllten Zügen mit Fahrradabteilen mitten in den Weg zu stellen. Egal ob Rennrad, tonnenschweres E-Bike oder geblümte Klapperkiste – man blockiert damit gern gleich zwei Ausgänge, die Augen auf dem Handy, die Ohren unter Kopfhörern. Während die Deutsche Bahn Fahrräder aus vollen Zügen einfach verbannt, gilt das in Berlins U- und S-Bahnen nicht. Hier windet man sich geduldig um die zweirädrigen Hindernisse, als müsse das so sein. Vielleicht deshalb scheinen es Berliner als Grundrecht zu betrachten, ihr Rad überall mit hinzunehmen – auf dem Land gern auch in den Bus. Gibt es Widerspruch, wird empört vorgebracht, es sei ja kein Großraum-Uber verfügbar gewesen. Oder auch: Der nächste Zug komme erst in ein paar Stunden. Oder: der Rückweg nach Berlin per Rad sei zu anstrengend. Ja, Berlins ÖPNV holt fast jeden ab. Das ist toll. Aber eben nur in Berlin.
Nein, Spätis gehören nicht zur staatlichen Daseinsfürsorge
Ebenso seltsam erscheint mir die Frage, wo denn auf dem Land der nächste Späti sei. Antwort ist: nirgends. Zwar hat sich die Berliner Institution (ein Überbleibsel der „Spätverkaufsstellen“, die es in der DDR in vielen Städten gab) inzwischen vielerorts durchgesetzt. Allerdings nur, wo die Nachfrage lohnt. Dort, wo Berliner gern Urlaub machen, zwischen Uckermark und Ostsee, gibt es oft maximal Automaten, die allerlei Regionales anbieten, aber eher selten Zigaretten und Bier. Auch wenn in Berlin heute wieder viele vom Sozialismus träumen: Die Zeiten, als Spätverkaufsstellen zur staatlichen Daseinsfürsorge gehörten, sind schon ein Weilchen vorbei.







