Es war neulich frühmorgens in der U-Bahn-Linie U7. Die Frau setzte sich mir gegenüber, nestelte in ihrer Umhängetasche und zog ein kleines, hellblaues Etwas heraus, das sie sich um die Finger wickelte. Ich verstand schnell: Die Frau häkelte. Unauffällig guckte ich genauer hin. Was stellte sie her? Und wie genau? Aus der Art, wie häkelnde oder strickende Menschen den Faden um die Finger laufen lassen und wie sie die Nadeln halten, kann man oft ableiten, aus welchem Kulturkreis sie stammen. Das weiß jeder, der zum Beispiel Engländerinnen je hat stricken sehen.
Die Frau spürte meine Neugier. Einen Moment trafen sich unsere Blicke, dann lächelte sie etwas erstaunt. Sie ließ mich einen Blick werfen auf die filigrane Winzigkeit zwischen ihren Fingern. Ich erkannte eine kleine, gefächerte Blüte, die in Windeseile aus dem Faden zwischen den Fingern der Frau heranwuchs. Es war ein ungewohnter Moment des Vertrauens in der ansonsten eher kalten und unpersönlichen Welt der Berliner U-Bahnen.
Ich war fasziniert. Aber ich merkte auch, dass sie meine Neugier irritierte, als hätte ich ihr bei irgendetwas Seltsamem zugeschaut. Warum ist es eigentlich so, dass Handarbeit in der Öffentlichkeit als sozial abweichendes Verhalten gilt? Ganz ehrlich: ich glaube, es hängt auch mit dem Geschlecht zusammen. Und es ist ein Missverständnis von Menschen, die nie gestrickt haben.
Durch Handarbeiten würden öde Endlosmeetings viel effizienter

Kaum einem Mann wäre es wohl unangenehm, wenn man ihm, sagen wir, beim Holzhacken anerkennend zuschauen würde. Oder beim Rasenmähen. Seit die Stadtverwaltung meiner Wochenend-Kleinstadt die Straßenränder mit einer ferngesteuerten Mähraupe pflegt, lassen sich regelmäßig Neugierige das abgefahrene Ding erklären. Es sieht aus wie eine Mischung aus Mars-Rover und Angeber-Spielzeugauto. Hier ist Neugier vollkommen okay.
Ich selbst habe Stricken als Kind leider nicht gelernt. Unsere Mutter, eine „emanzipierte Frau“ der 1970er Jahre, wollte uns Töchter jenseits weiblicher Klischees erziehen. Also kassierte ich meine erste Fünf in der Schule wegen eines komplett misslungenen Topflappens in Handarbeiten (die Jungen hatte Werken). Meine Mutter demonstrierte Gelassenheit, aber mein Ehrgeiz war geweckt. Nachdem meine Cousinen mir die Grundmaschen beigebracht hatten, erschloss sich mir auch das Geheimnis, warum so viele Menschen stricken: Es macht unfassbar zufrieden.
Nach dem Motto: Was glücklich macht, kann nicht gut sein, werden handarbeitende Menschen in der Öffentlichkeit trotzdem bis heute belächelt. So, als äßen sie öffentlich tafelweise Schokolade wie einst Helge Schneider an der Trompete. Oder als machten in der U-Bahn Entspannungsübungen. Besonders unverständlich finde ich, dass Stricken in der Schule, Uni oder Konferenzen geächtet ist. Man kann sich viel besser konzentrieren, wenn die Hände etwas zu tun haben, das ist wissenschaftlich erwiesen. Vielleicht hilft dieses Argument: Durch Handarbeiten werden auch öde Endlosmeetings viel effizienter. Und das nicht nur wegen neuer Socken und Schals.
Modedesigner Guido Maria Kretschmer hat den „Schal fürs Leben“ entworfen
Der Berliner „strickende Mann“ Sascha Uetrecht sagt sogar: Stricken sei „sein Yoga“. Er fing eher zufällig damit an und hat in Pankow heute einen Laden, samt Kursen in Stricken, Spinnen und Weben. Denn wenn Männer stricken, dann mit Mission. In der 80er-Jahren strickten alternative Männer im Parlament als Protest, heute gibt es berühmte Strick-Designer.

Modedesigner Guido Maria Kretschmer hat gerade einen Schal entworfen, dessen Mission noch über die Werbung fürs Stricken hinausgeht. Der „Schal fürs Leben“ ist eine Spendenaktion der Zeitschrift Brigitte, die wie diese Zeitung zur FUNKE Mediengruppe gehört, gemeinsam mit der Aktion „Save the Children“, einem Woll-Hersteller und vielen Prominenten. Wer die Wolle samt Anleitung für den Kretschmer-Schal bestellt (in einigen Läden gibt es sie in Berlin auch vor Ort), hilft mit einer Spende Kindern in Not und setzt ein Zeichen der Solidarität mit Kindern in Krisen- und Kriegsgebieten. Wenn Stricken eine Mission braucht, um als weltverbessernde Kulturtechnik akzeptiert anerkannt zu werden, finde ich das völlig in Ordnung.



