Eine These ist ja, dass man auf die Tiere Berlins schauen muss, um die Menschen zu verstehen. So gesehen wundert es mich nicht, dass die Hauptstadt seit neuestem ein eigenes Netzwerk für Wildtiere hat, das von offizieller politischer Seite ins Leben gerufen wurde, von der Senatsumweltverwaltung.
Das Netzwerk „Wildtiernah Berlin“ soll zwar nicht, wie ich zuerst dachte, Tiere direkt vernetzen. Ich hatte mich schon auf Wildschwein-Konferenzen in Spandau und Zehlendorf gefreut, Forderung: Wühlstreifen statt Radwege auf Hauptverkehrsstraßen und mehr Akzeptanz für Wühlende. Auch eine Waschbärinitiative für mehr offene Mülltonnen schien mir möglich. Doch diese Forderung wird in vielen Teilen der Stadt längst erfüllt. Nach dem Motto „Müll gehört daneben“ stellt und wirft man ja ohnehin alles auf die Straße, was man nicht mehr haben will.
Am meisten hätte mich interessiert, was die Wildkatzen Berlins zu sagen haben. Fühlen sie sich diffamiert, wenn man sie mit Wildschweinen verwechselt wie bei der „Löwenjagd“ 2023 in Kleinmachnow und Zehlendorf? Planen sie heimlich die Übernahme der Stadt und paktieren im Darknet, pardon: im tiefen, dunklen Wald mit den Wölfen? Die stehen ja auch längst vor den Toren der Stadt.
Tiere als metaphorische Verweise auf den Charakter der Menschen

Klar ist: Berlin braucht seine Wildtiere, allein schon, um seinen Ruf als wildeste Hauptstadt Deutschlands zu verteidigen. Fast täglich tigern Wildtiere durch Berlins Schlagzeilen. Mal wird in Neukölln ein Tigerpython in der Hasenheide gefunden, mal büxt in Kladow ein Känguru aus, dann machen Ratten die Hauptstadt unsicher. Insofern ist es konsequent, dass das neue Netzwerk nicht Tiere, sondern Menschen vernetzt. Wer wissen will, wie man mit Würgeschlangen, Raubkatzen oder Beuteltieren angemessen kommuniziert, findet nun auf der Webseite wildtiernahberlin.de Rat und Hilfe. Ein Wildtier-Mobil soll zudem vor Ort verletzte oder in Not geratene Wildtiere versorgen.
Der Germanist und Kommunikationswissenschaftler Wilhelm Solms sah in Tieren einst metaphorische Verweise auf den Charakter der Menschen, „die sich hinter der Maske der Tiere verbergen“. Er bezog das auf Märchen, aber ich glaube, es gilt heute zumindest in Teilen auch für Tiere im Internet, in den sozialen Medien und eben in Großstädten. Bei nichts lässt es sich gefahrloser gruseln als bei Geschichten von wilden Wölfen im Brandenburgischen Wald, also fast in Berlin. Nichts ist niedlicher als Waschbärbabys im Hinterhof, zumindest auf Instagram. Selbst der Bundespräsident hat einen persönlichen Fuchs im Garten. Er heißt Theo. Also, der Fuchs.
Seit knapp zwei Wochen wird unser Haushalt regiert von einem verwaisten Katzenkind
Spätestens, wenn Tiere Namen bekommen, ist die Grenze vom Wild- zum Haustier überschritten. Was wiederum einen weiteren Teil der Faszination für städtische Wildtiere erklärt. Einerseits gruselt und empört man sich gern, auch wenn man weiß, dass Wölfe, Wildschweine & Co. von Natur aus menschenscheu sind. Andererseits füttert der Großstadtmensch gern Tiere. Was früher oder später zu blutigen Missverständnissen führt. Ob nun bei hungrigen Waschbärfamilien, Ratten oder auch dem niedlichen Hauskatzenkind, das in der Freiheit zum wilden Vogelkiller mutiert.
Berlin, so die Senatsumweltverwaltung, soll zu „einer Modellstadt für ein urbanes Wildtiermanagement unter der Bewahrung und Sicherung der biologischen Vielfalt“ werden. Das Ganze wird wissenschaftlich begleitet. Ich bin gespannt, worüber man mehr herausfindet – über die Tiere oder die Menschen.
Auch bei mir im Dorf wird neuerdings wieder Wildtierforschung betrieben. Vielleicht erinnern Sie sich an die „fremde Katze“, die 15 Jahre ihr haariges (Un-)wesen in dieser Kolumne trieb. Seit knapp zwei Wochen wird unser Haushalt regiert von einem verwaisten Katzenkind. Es wurde im Nachbarsgarten in einer verregneten, kalten Herbstnacht gefunden. Erste wissenschaftliche Erkenntnis: Jede Nacht wird ins Katzenbabygehirn ein neues Feature aufgespielt. Neueste Anwendung: Angriff auf meine Tasse und Tastatur. Entschuldigen Sie mich bitte jetzt aus diesem Grund. Ich muss aufräumen. Und streicheln.
- Wenn Sie mehr zu Katzen- und anderen Berlingeschichten aus der Rubrik Stadtflucht wissen möchten, folgen Sie mir gern online.
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