Der Winter ist zu Ende, wenn die fremde Katze des Nachts vom Stuhl plumpst. Auf dem Stuhl schläft sie, solange es draußen friert, denn der Stuhl steht an der Heizung. Sie fällt hinunter, wenn der Katzenbauch am Ende der Saison ein Format erreicht hat, das offenbar die Festplatte des Katzengehirns sprengt. Sie berechnet gewissermaßen den Bauchumfang falsch, bis dieser Millimeter für Millimeter der Schwerkraft folgend mitsamt der kompletten Katze nach unten gerissen wird. Ihr ist das peinlich, aber meistens guckt ja nachts gar niemand zu. Man hört es nur.
In der Redaktion erkennt man das Winterende daran, dass die Kollegen mittags nicht mehr zum Burgerladen gehen, sondern demonstrativ mit großen Salatboxen in der Hand durchs Großraumbüro laufen, vielleicht damit jeder sieht, wie diszipliniert bei uns mit jeglichem Wildwuchs aufgeräumt wird, und sei es mit dem des eigenen Körpers. Derweil laufen in meinem Postfach die Pressemitteilungen ein: „Fasten mit der heiligen Hildegard“, „40 Fastensuppen“ und so weiter. Hildegard kenne ich nicht, aber mittags esse ich jetzt meistens allein und zähle dabei fleißig Kalorien. Denn darum geht es ja beim Abnehmen: ums Kalorienzählen. Ich orientiere mich dabei an der Devise: Je mehr, desto besser.
Die Katze hält es genauso. Sie begeisterte sich deswegen auch kürzlich für eine Pressemitteilung des Naturschutzbundes, den sie ohnehin für ihren persönlichen Lobbyverband hält. Der Nabu forderte dazu auf, doch während der bitteren Kälteperiode bitte die armen Gartenvögel zu füttern, da diese in der Kälte bis zu zehn Prozent ihres Körpergewichtes verlieren – in nur einer Nacht. Und zwar allein dadurch, dass sie frieren. „Blitzdiät“ über Nacht? Die Katze fühlte sich durch diese Erkenntnis bestätigt und fordert seitdem morgens Katzenfutter mindestens in der Menge ein, die einem Zehntel ihres Körpergewichtes entspricht.
Dass ich dem nicht exakt nachkommen kann, liegt daran, dass die Katze sich weigert, auf die Waage zu steigen. Beziehungsweise: Sie stellt sich darauf, aber jeweils nur mit zwei Füßen. Es ist mit der Waage, glaube ich, so ähnlich wie mit dem Stuhl. Manche Dinge sind einfach zu komplex für ein Katzengehirn.
Gemeinsam besichtigten wir das Vogelhaus im Garten und füllten sehr viele Sonnenblumenkerne ein, die die Katze nicht frisst, auch wenn sie eigentlich genauso aussehen wie ihr Trockenfutter und mutmaßlich auch viel gesünder sind. Wenn jetzt die Vögel reichlich gefüttert würden, argumentierte die Katze, würde das auch ihre eigenen Chancen auf ein ausreichendes Frühstück erhöhen. Ihre Theorie: Schwere Vögel fliegen tiefer. Und sie sind nahrhafter. Ich verschwieg ihr meinerseits meine eigene Theorie: dass das in übertragenem Sinne auch für die Katze gilt. Dicke Katzen sind schlechte Jäger. Ich schwieg. Man muss ja nicht immer so direkt sein.
Eine Weile beobachteten wir das Vogelhaus, aber kein Vogel ist ja so dumm, sich einem Futternapf zu nähern, neben dem ein Mensch und eine Katze stehen und frieren. Schließlich fand das Tier, es sei zu kalt, und verlangte, wieder ins Haus gelassen zu werden. Während Vögel das Kälteempfinden in ihren Füßen abschalten können, ist dies Katzen angeblich nicht möglich. Weswegen die Katze sich für den Stuhl an der Heizung entschied.
Okay, dachte ich, vielleicht ist der Winter doch noch nicht vorbei. Auch wenn im Haselstrauch schon wieder diese Würstchen hängen, die im Volksmund auch Kätzchen genannt werden. Ausgerechnet! Der Frühling braucht selbst laut Wikipedia mehrere Anläufe, phänologisch gibt es den Vorfrühling, den Erstfrühling, erst danach kommt der Vollfrühling. Der beginnt in diesem Jahr erst am 20. März um genau 11.28 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Es ist also noch Zeit, bis dahin ausreichend Kalorien zu zählen.

